Reformgremium der katholischen Kirche: „Eine strukturelle Sünde“

Mara Klein wird beim Reformgremium der katholischen Kirche dabei sein. Ein Gespräch über Frauenfeindlichkeit und den Veränderungswillen der Kirche.

Portrait

Mara Klein nimmt ab Freitag am Reformgremium der katholischen Kirche teil Foto: privat

taz: Mara Klein, warum sollten sich Nicht-Katholik*innen für die zweite Synodalversammlung interessieren?

Mara Klein: Weil der synodale Prozess Reformen einleiten möchte – in Reaktion auf den Missbrauchsskandal. Der betrifft nicht nur die Kirche im Innern, sondern auch die Gesellschaft, deren Teil sie ist. Die Kirche ist da relativ weit vorne, was die Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch angeht – auch wenn es oft nicht so aussieht.

Ist das so?

Durch die hohe Aufmerksamkeit gab es viel Druck zur Aufarbeitung und Prävention. Die Kirche ist ein Bereich der Gesellschaft, der jetzt gewisse Standards legt, die zu kritisieren und zu hinterfragen sind, aber letztlich auch als Vorbild oder Spiegel gelten können für andere Institutionen der Kinder- und Jugendarbeit. Außerdem sind die Kirche und der Staat eng verbunden. Die katholische Kirche hat in Deutschland Privilegien.

Der Synodale Weg soll der Aufarbeitung von Fragen dienen, die sich im Anschluss an die sogenannte MHG-Studie von 2018 über sexualisierte Gewalt in der Kirche ergeben haben.

230 Syn­oda­le arbeiten in vier AGs zu „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, „Priesterliche Existenz heute“, „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ und „Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“.

Papst Franziskus warnt vor einem deutschen Sonderweg, so auch konservative deutsche Bischöfe. Vom 30. September bis zum 2. Oktober tagt das Plenum zum zweiten Mal in Frankfurt am Main. (sah)

Privilegien?

Frauenfeindlichkeit und Homophobie sind in der katholischen Kirche fast so etwas wie ein geschütztes Kulturgut. Es gibt ein gesondertes Arbeitsrecht, das beides befördert und unterstützt. Das ist mit unserer Verfassung eigentlich nicht vereinbar und wird bei anderen Religionen hart kritisiert – und sogar als Begründung von Ressentiments gegen Mi­gran­t*in­nen verwendet. Deshalb glaube ich, dass es die Gesellschaft etwas angeht, ob und wie die katholische Kirche diese Fragen verhandelt.

Bei der ersten Versammlung 2020 erwiderten Sie auf einen Konservativen: „Bischof Voderholzer hat vorhin gesagt, er würde sich unwohl fühlen. Ich möchte betonen: Ich hoffe doch, dass wir uns unwohl fühlen. Wir haben allen Grund dazu. Ich fühle mich sehr unwohl, hier zu stehen. Als Nicht-Mann, als nicht heterosexuelle Person, als nicht mal binäre Person.“ Sie sprachen von der Kirche als „Verein der Täter“ und von „struktureller Sünde“. Was meinen Sie damit?

Strukturelle Sünde ist ein Begriff, der aus der lateinamerikanischen Befreiungstheologie stammt und sich auf überindividuelle Zustände bezieht. Auch wenn einzelne Akteure verantwortlich sind, geht es dabei um Sünde, die im System verankert ist. Also um Vorstellungen, Dogmen, Gesetze, die Unrecht am Laufen halten. Das äußert sich auch in aufgebauter Abhängigkeit oder im Missbrauch menschlicher Bedürfnisse. Das ist in der Kirche der Fall. Missbrauch wird individuell begangen und vertuscht, aber beides ist systemisch begünstigt und geduldet. Das ist eine strukturelle Sünde.

Mara Klein, geboren 1996, aufgewachsen im Erz­gebirge. Studiert in Halle (Saale) Englisch und katholische Theologie auf Lehramt. 2019 Berufung in den Synodalen Weg.

Was bedeutet es, dass der Papst den Kölner Kardinal Woelki im Amt belässt?

Das reiht sich ein in die Ablehnung der Rücktrittsangebote von Kardinal Marx und Bischof Heße. Es hätte mich eher überrascht, wenn Woelki ­abgesetzt worden wäre. Es ist eine ignorante ­Entscheidung, insofern es dabei nicht um alleinige Verantwortung geht. Die Bischöfe sind mehr als Individuen. Sie stehen dafür, dass die Struktur viel Leid begünstigt und vertuscht hat und weiterhin verursacht. ­Rücktrittsgesuche abzulehnen zeigt, dass weder dieses Leid noch das systemische Versagen ernst genommen wird. Es ist ­christlich, Menschen immer wieder neue ­Chancen zu geben. Aber es geht hier um das Amt. Es geht darum, an der Struktur aktiv etwas zu ändern. Und ­solange weder das eine kommt, noch die ­Amtsträger ausgewechselt werden, entsteht der Eindruck, dass der Ernst der Situation nicht richtig erfasst wird.

Warum bleiben Sie in der Kirche? Warum wollen Sie Religion unterrichten?

Das sind Fragen, die ich mir auch stelle. Ich bin zutiefst gläubig. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass Unrecht nicht einfach stumm mit angesehen werden darf. Also gerade weil ich in diesem System diskriminiert werde, aber in der privilegierten Position bin, das ansprechen zu können, bleibe ich in dem System Kirche. Die Kirche ist auch meine geistige Heimat.

Was heißt das?

Ich bin katholisch aufgewachsen und sozialisiert, wenn auch in der Diaspora, einer nicht sehr katholischen Gegend. Ich habe kirchliches Leben erfahren, in dem dieses Leid für mich nicht so stark präsent war. Ich weiß, dass es auch anders geht. Ich weiß aus meinem Studium, dass menschenverachtende Strukturen und das entsprechende Menschenbild nicht die einzigen Möglichkeiten sind, die wir im Katholischen haben. Wir haben eine sehr viel diversere geistliche Geschichte – und Wirklichkeit. Von daher bin ich überzeugt katholisch und hoffe, einiges ändern zu können.

Seit der ersten Versammlung haben Arbeitsgruppen Reformvorlagen erarbeitet. Entsprechen die Ihrem Veränderungswunsch?

Es geht jetzt um eine erste Lesung, die Papiere sind noch nicht auf dem Stand, auf dem sie hoffentlich am Ende sein werden. Den Text der Arbeitsgruppe zu Partnerschaft und Sexualität, in der ich mitarbeite, halte ich schon für wegweisend. Er steht dem katholischen Menschenbild, das wir bisher haben, auf positive Weise entgegen. Er baut ein für die katholische Kirche neues, natürliches und positives Bild von Sexualität auf. Ich bezweifle, dass wir die Ehe für alle in dem Text noch unterbringen werden, aber es wäre nur konsequent.

Eine Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist immerhin vorgesehen, was noch?

Queere Menschen werden entkriminalisiert. Es gibt eine positive Würdigung verschiedener Sexualitäten und geschlechtlicher Identitäten. Es wird eine Konsensethik aufgebaut, was im Hinblick auf den Missbrauchsskandal wichtig ist. Der Text würdigt auch Sexualität, die außerhalb der Ehe stattfindet und selbstbezogene Sexualität, also Masturbation. Eine Leerstelle ist die zölibatäre Sexualität. Ich hoffe, da wird noch viel passieren.

Die Bischöfe haben ein Vetorecht. Hat Ihre Vorlage überhaupt eine Chance?

Ich konzentriere mich nicht auf die Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. Ich halte die Rücksicht auf die Bischöfe für einen intrinsischen Fehler in der Geschäftsordnung des Synodalen Weges. Die Betroffenen sollten im Mittelpunkt stehen. Mir ist wichtig, dass am Ende ein gut durchdachter Text herauskommt, der längst Überfälliges festhält. Ein Kompromiss zwischen Menschenfeindlichkeit und Menschenrechten ist schwierig. Wir sollten den Dialog aufrechterhalten und ich hoffe, dass viele Bischöfe verstehen, was sich ändern muss. Aber ich denke, die Texte sind auch ohne ihre Zweidrittelmehrheit wertvoll.

Was sagen Sie denen, die vor einer Abkopplung der deutschen Kirche vom Globalen Süden warnen?

Ich finde, das ist ein vorbelastetes Totschlagargument. Weltkirche ist zu großen Teilen Resultat von Kolonialismus, Imperialismus und Zwangsbekehrungen. Auf Grundlage der vorgeblichen Fortschrittlichkeit des Christentums. Jetzt wird dieses Argument ohne angemessene Aufarbeitung umgedreht. Es ist ein Fehlschluss, dass die Welt­kirche ähnliche Probleme nicht kenne.

Gerade Frauenfeindlichkeit bleibt in der Gemeinschaft der Gläubigen nicht unadressiert, auch wenn die Bischofskonferenzen sie nicht immer als Problem ansehen. Die Amazonas-Synode 2019 zeigte, dass der Wille da ist, Frauen zu Diakoninnen zu weihen – das Nein dazu kam aber aus Rom. Ist die Kernessenz des Katholizismus wirklich Diskriminierung? Wenn nein, steht einer diversen Kirche nicht viel im Weg.

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