Referentin über Entwicklungsarbeit: „Problematische Besserwisserei“

Wie lässt sich Entwicklungszusammenarbeit frei von Rassismus gestalten? Virginie Kamche vom Afrika Netzwerk Bremen hält darüber einen Online-Vortrag.

Aktivisten mit Arztkitteln und Regierungschef-Masken zeigen auf eine afrikanische Landkarte.

Besserwisser unter sich: Protestaktion zum G8-Gipfel 2007 in Rostock Foto: dpa / Bernd Wüstneck

taz: Frau Kamche, kann man von Menschen, die sich in der Entwicklungszusammen­arbeit engagieren, nicht einfach erwarten, dass sie nicht rassistisch sind?

Virginie Kamche: Meine Bedenken liegen bei den Begriffen. Wer sind die Benachteiligten? Nach welchen Kriterien sagt man, jemand ist benachteiligt? Wer entwickelt wen? Ich würde über Partnerschaft auf Augenhöhe reden, statt über Entwicklungszusammenarbeit. Jeder weiß, was für ihn gut ist. Aber dann kommen Menschen, die keine Ahnung von den Bedürfnissen vor Ort haben, und sagen: „Wir haben etwas für euch konzipiert. Das soll so aussehen.“ Dieses Unverständnis ist für mich problematisch.

Ist es rassistisch?

Ich möchte das Wort Rassismus in dem Fall vermeiden. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wir lernen voneinander. Jeder kennt seine Bedürfnisse. Es kann nicht funktionieren, wenn jemand sagt: „Wir wissen besser, was für euch gut ist.“ Zum Teil begegne ich Menschen, die sagen: Lass uns zusammen auf Augenhöhe arbeiten. Aber andere haben ein Konzept und sagen: Ihr seid nur für die Umsetzung da. Auch, wenn man widerspricht, sagen sie: Doch, das muss so sein, wir denken, das ist gut für euch. Diese Menschen lassen nicht mit sich reden.

56, ist Fachpromotorin für Migration, Disapora und Entwicklung im Afrika Netzwerk Bremen.

Wie muss Entwicklungszusammenarbeit aussehen, um dabei keinen Rassismus zu reproduzieren?

Die sogenannten „Benachteiligten“ müssen involviert werden. Wie können wir das Problem gemeinsam lösen? Und nicht denken: Ach, gerade werden im Globalen Süden überall Brunnen gebaut, dann brauchen sie wohl Brunnen. Aber vielleicht brauchen sie etwas anderes. Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem, so für andere zu bestimmen. Überzeugt zu sein, dass das gut sein muss.

Welche Entwicklungen nehmen Sie in der Entwicklungsarbeit der letzten Jahre wahr?

Eine Verbesserung. Es gibt Projekte wie das Eine-Welt-Promotor*innen-Programm in Bremen, das ich leite. Der Koordinator Christopher Duis ist nah bei den Pro­mo­to­r*innen und hat ein Ohr dafür, wie man es besser machen kann. Die Umsetzung braucht noch Zeit, wir sind aber auf einem guten Weg. Man hat gelernt, mit der Zivilgesellschaft zu arbeiten, das gab es früher nicht. Man macht sich Gedanken, dass die Leute sich nicht gekränkt fühlen. Stellt Fragen: Was können wir tun, damit das besser wird?

Online-Vortrag „Rassismus in der heutigen Entwicklungszusammenarbeit“: 21. Dezember, 18 Uhr via Zoom, Anmeldungen unter anmeldung@ben-bremen.de

Wie kann ein „Raum zum Zuhören“, wie er in der Veranstaltungsreihe entstehen soll, helfen?

Es wird helfen, indem er die Möglichkeit für eine Auseinandersetzung mit dem Thema gibt. Bei Entwicklungszusammenarbeit geht es um das Voneinanderlernen, damit ein Perspektivenwechsel stattfindet. Es wird ein Raum geschaffen, der einen Dialog ermöglicht. Was gefällt euch nicht, wie können wir Projekte gemeinsam planen und nachhaltig gestalten?

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