Rechtsradikale: NPD kauft Immobilie in Anklams Mitte
In Mecklenburg-Vorpommern erwerben Rechtsextreme bei einer Zwangsversteigerung einen ehemaligen Supermarkt - und niemand versucht, es zu verhindern.
Unbemerkt von Verfassungsschutz und Polizei, hat sich die rechtsextreme Szene eine weitere Immobilie in Mecklenburg-Vorpommern gesichert. Ein früherer Supermarkt im Stadtzentrum von Anklam wurde Ende Mai zwangsversteigert - an zwei örtliche NPD-Kader. Diese Information des Berliner Zentrums für Demokratische Kultur bestätigt inzwischen auch die rechtsextreme Partei. "Ich hätte beinahe gewettet, dass aus dem Geschäft nichts wird", sagte der Anklamer NPD-Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski gestern der taz. Zu seiner "Verblüffung" habe aber niemand versucht, die Versteigerung zu stoppen. "Der Verfassungsschutz scheint hier mehr Mythos als Wahrheit zu sein."
Bei den Käufern handele es sich um die Kameradschaftsfunktionäre Alexander Wendt und Enrico Hamisch. Wendt war zeitweise als Bodyguard in der NPD-Landtagsfraktion in Schwerin eingesetzt und ist nun Wahlkreismitarbeiter des Anklamer NPD-Abgeordneten. Hamisch arbeitet im Wahlkreisbüro des Ueckermünder NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller. Das Anklamer Gebäude liegt direkt an der Hauptstraße, auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Marktplatz. Noch ist darin ein Möbelgeschäft untergebracht. "Rabatt auf alles", steht in großen Buchstaben im Schaufenster. Der Betreiberin ist gekündigt worden, sie hat den Räumungsverkauf eingeleitet, will aber aus Angst vor den neuen Besitzern nichts dazu sagen.
Nach Angaben von Andrejewski wurde das Gebäude von der örtlichen Sparkasse beim Amtsgericht zwangsversteigert. Die NPD-Kollegen seien offen unter ihrem Namen aufgetreten. Niemand habe versucht, den Deal zu verhindern. Er sei zuversichtlich, dass sich das Geschäft inzwischen nicht mehr rückgängig machen lasse.
Nach Informationen des Zentrums für Demokratische Kultur zahlten die Rechtsextremen nur 17.000 Euro für das Gelände. Was nun aus dem renovierungsbedürftigen ehemalige Supermarkt wird, ist unklar. "Wir fürchten, dass die NPD das Gebäude als Schulungszentrum nutzen will, um ihre Leute für die Kommunalwahl 2009 fit zu machen", sagt Günther Hoffmann vom Zentrum Demokratische Kultur. Außerdem könne die NPD es als "Bürgerbüro" nutzen.
NPD-Mann Andrejewski behauptet, ein Schulungszentrum sei nicht geplant. Sein eigenes Wahlkreisbüro habe er gerade in einem "nationalen Wohnprojekt" im benachbarten Salchow eingerichtet. In dem Anklamer Gebäude solle vermutlich eine Bibliothek eröffnet werden, später möglicherweise "eine Zweigstelle" seines Büros aufmachen.
In einigen Gemeinden im Anklamer Umland hatte die NPD bei der Landtagswahl vor knapp einem Jahr Rekordergebnisse von bis zu 38 Prozent der Stimmen erzielt, Andrejewski zog in den Landtag ein. Im Juli war aufgeflogen, dass der NPD-Vorstand Andreas Molau ein großes Veranstaltungszentrum im brandenburgischen Rauen gekauft hat.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert