Rechtsextremismus im Rettungsdienst: Nazikalender und rassistische Chats

Rettungskräfte fallen als Flüchtlingsfeinde oder Reichsbürger auf. Wie taz-Recherchen zeigen, werden Pa­ti­en­t:in­nen deswegen schlechter behandelt.

Illustration eines Feuerwehreinsatzwagens

In Reihen deutscher Rettungskräfte gibt es ein ernstzunehmendes Rassismusproblem Illustration: Oliver Sperl

BERLIN taz | Hilfsorganisationen, die in Deutschland den Rettungsdienst durchführen, haben ein Problem mit Rechtsextremismus und Rassismus in den eigenen Reihen. Das zeigen Recherchen der taz am Wochenende. So wurden bei den Johannitern in Köln die Geburtstage von Adolf Hitler und anderen Nazi-Größen in einen Wandkalender eingetragen und ein rassistisches Spiel gespielt. Rettungskräfte fielen dort auch als Reichsbürger und mit einer Nähe zur rechtsextremen Identitären Bewegung auf.

Auf einer Rettungswache der Malteser in Nordrhein-Westfalen soll ein Mitarbeiter vor einem Einsatz geäußert haben, dass er lieber das Flüchtlingsheim anzünden wolle, als den Geflüchteten zu helfen. Auf dieser Wache tauschen Mitarbeitende in einer großen WhatsApp-Chatgruppe rassistische und sexistische Memes aus. Die Inhalte der Chatgruppe liegen der taz vor.

Rettungskräfte von beiden Rettungswachen berichten der taz von Fällen, in denen aus rassistischen Gründen Pa­ti­en­t:in­nen schlechter behandelt wurden. Schmerzhafte Beschwerden von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe oder einem vermeintlich ausländischen Namen würden demnach mitunter nicht ernst genommen.

Mit Begriffen wie „Morbus Bosporus“ und „Morbus Mediterraneus“ stellen Rettungskräfte demnach Scheindiagnosen bei Menschen mit Migrationshintergrund. Dass diese Begrifflichkeiten im Rettungsalltag so benutzt werden, bestätigen mehr als zwei Dutzend Rettungskräfte aller relevanten Hilfsorganisationen an unterschiedlichen Orten in Deutschland. Sie schildern auch, wie Mitarbeitende mit Migrationshintergrund von Kol­le­g:in­nen rassistisch beschimpft werden.

Die Rettungskräfte, die in Köln in Zusammenhang mit den rechtsextremen und rassistischen Vorfällen aufgefallen sind, arbeiten zumindest teilweise immer noch für die Johanniter Unfallhilfe. Der Mitarbeiter, der die Vorfälle 2020 intern weitgehend erfolglos angesprochen hatte, wurde gekündigt. Eine Sprecherin räumt auf taz-Anfrage Probleme ein. „Aus heutiger Sicht müssen wir konstatieren, dass es im Sommer 2020 erkennbar Fehlentwicklungen und Fehlverhalten in der Rettungswache gegeben hat“, teilt sie mit. Sie kündigt eine „engagierte Untersuchung“ an, man werde sich auch „intensiv Präventionsmaßnahmen widmen“. Der Landesverband der Malteser in NRW teilt mit, dass man den Vorwürfen „selbstverständlich unverzüglich“ nachgehe. „Wir verurteilen so ein menschenverachtendes Verhalten, generell und insbesondere in unseren eigenen Reihen“, sagte ein Sprecher.

Die Hilfsorganisationen und die Kommunen, die für den Rettungsdienst zuständig sind, sind den Recherchen der taz zufolge bislang überhaupt nicht oder nicht ausreichend für das Problem sensibilisiert.

Der katholische Malteser Hilfsdienst beschäftigte sich offenbar erst nach der taz-Anfrage zu den rassistischen Scheindiagnosen mit dem Thema. „Wir müssen erschüttert feststellen, dass diese Begrifflichkeiten, die im medizinischen Bereich wohl häufiger vorkommen, auch zunehmend in den Rettungsdienst der Malteser Einzug gehalten haben“, sagte ein Sprecher. „Die genannten Begriffe waren uns bislang nicht bekannt“, teilt die evangelische Johanniter Unfallhilfe mit. Die Verwendung solcher Begriffe stelle eine „Herabwürdigung der betreffenden Patienten dar, die sich nicht mit den Werten und dem Leitbild unserer Organisation vereinbaren ließe und gegen die wir, sollte uns diese aus dem Kreis unserer Mitarbeitenden bekannt werden, konsequent vorgehen würden“.

Die vollständige Recherche „Rechte Retter“ lesen Sie in der taz am Wochenende (Ausgabe 17./18. September) und hier auf taz.de.

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