Recht auf Abtreibung in Argentinien: Frauen auf der Straße

Argentiniens neuer Präsident Fernandez will das strikte Abtreibungsverbot in seinem Land lockern. Befürworter und Gegner machen mobil.

Demonstrantinnen halten grüne Flaggen hoch

Ein Meer von Grün für das Recht auf Abtreibung: Buenos Aires, Mittwochabend Foto: Natacha Pisarenko / AP

BUENOS AIRES taz | „El aborto será ley – die Abtreibung werde Gesetz!“ Tausendfach schallte die Forderung am Mittwoch in Buenos Aires aus einem wogenden Meer von grünen Halstüchern. Vor allem junge Frauen skandierten sie und streckten das grüne Symbol der Abtreibungskampagne in Richtung Parlamentsgebäude. Dort soll in diesem Jahr endlich das strikte Abtreibungsverbot in Argentinien fallen.

Mit der „Manifestation der grünen Halstücher“ startete jetzt die „Kampagne für das Recht auf eine legale, sichere und kostenlose Abtreibung“ ihre jährliche Mobilisierung. „Seit fünfzehn Jahren streiten wir für das Recht auf eine legale Abtreibung. Dieses Jahr wird es klappen“, zeigten sich die Veranstalterinnen optimistisch. Die Kampagne vereint über 300 Gruppen. Und Optimismus war überall zu spüren. „Legale Abtreibung 2020“ prangte in großen Lettern auf der Bühne vor dem Kongressgebäude, als das Frauenkollektiv LASTESIS mit ihrer Performance „Un Violador En Tu Camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) die grüne Menge in rhythmische Bewegungen versetzte.

Die vier Frauen aus Chile hatten ihre Originalversion der argentinische Realität angepasst: „Es ist der Kongress, in dem sie für die klandestine Abtreibung stimmen“, intonierten sie. 2018 hatte der Kongress, das argentinische Parlament, erstmals über die Lockerung des Abtreibungsverbots abgestimmt. Während das Abgeordnetenhaus sich knapp für die Lockerung aussprach, wurde sie im Senat letztlich abgelehnt.

Es war die erste große Pro-Abtreibungs-Demo in der Amtszeit des neuen Präsidenten Alberto Fernández. Er hatte im Wahlkampf die Entkriminalisierung der Abtreibung versprochen und dies bei seinem Amtsantritt im Dezember 2019 bekräftigt. „In Argentinien ist Abtreibung ein Verbrechen. Was ist die Folge? Dass jede Abtreibung klandestin vorgenommen wird und sich so das Risiko für das Leben und die Gesundheit der Frauen erhöht“, erklärte der Präsident zuletzt Anfang Februar vor Studierenden bei einem Besuch in Paris. „Ich habe schon tausendmal gesagt, man muss die Abtreibung entkriminalisieren und legalisieren. Legalisierung bedeutet, dass alle Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben, um eine angemessene Versorgung zu bekommen.“

Gegenwärtig ist ein Schwangerschaftsabbruch in Argentinien nur in zwei Ausnahmefällen erlaubt: Wenn das Leben der Frau bedroht ist oder wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist. In beiden Fällen muss zuvor eine richterliche Bestätigung eingeholt werden. Diese Bestimmung gilt seit Anfang der 1920er Jahre. Jeder andere Abbruch kann mit bis zu vier Jahren Haft bestraft werden.

Die Dunkelziffer der nichtlegalen Abtreibungen liegt nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 300.000 und 500.000 im Jahr. Nach Angaben der Kampagne sind seit 1983 über 3.000 Frauen an den Folgen eines klandestinen Abbruchs gestorben.

Was sagt der Papst aus Argentinien dazu?

Fernández hat zwei Gesetzesvorlagen in Auftrag gegeben. Eine soll den Rahmen der erlaubten Abtreibungen abstecken. Die andere, unter dem Motto „Nachhaltige Mutterschaft“, soll die staatliche Begleitung und Unterstützung schwangerer Frauen bis zu Geburt des Kindes definieren. Damit will der Präsident dem Widerstand der Abtreibungsgegner*innen begegnen, allen voran der katholischen Kirche.

Für den argentinischen Papst in Rom wäre jedwede Lockerung des Abtreibungsverbots in seinem Heimatland eine herbe Niederlage. Argentiniens Kirchenspitze bleibt nicht untätig. Ausgerechnet für den Frauentag am 8. März hat sie alle Bischöfe zu einer Messe zum Wallfahrtsort Luján unter dem Motto „Ja zu Frauen. Ja zum Leben“ gerufen. Dort sollen die Gläubigen für den „Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ eintreten.

Auch dazu haben sich die Frauen von LASTESIS eine Songzeile einfallen lassen: „Schlaf ruhig, minderjährige Mutter. Egal wer dich vergewaltigt hat – über dein Kind, das unschuldige Baby, wacht die Heilige Inquisition.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben