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Razzia in LübeckDeutsche Helfer für Putins Krieg

Ein Netzwerk um ein Unternehmen in Lübeck soll systematisch die Russlandsanktionen unterlaufen und die russische Rüstungsindustrie beliefert haben.

Besuch vom Zoll: Beamte durchsuchen eine Firma in Lübeck, die Russlandsanktionen umgangen haben soll Foto: Sebastian Peters/dpa

„Geben Sie uns Ihre Bestellliste durch und wir kümmern uns um den Rest! Einfach, schnell und zuverlässig.“ So wirbt das Handelsunternehmen Global Trade im Lübecker Stadtteil Buntekuh für seine Dienste. Es „hilft Ihnen dabei, Stillstand und hohe Kosten für Lieferausfälle zu vermeiden“ – anscheinend ideal für die von westlichen Sanktionen geplagte russische Industrie. Denn auf der Website wirbt die Lübecker Firma: „Wir decken alle Arten von Ersatzteilsendungen ab, von kleineren Komponenten bis hin zu großen Maschinenteilen.“

16.000 Lieferungen im Wert von 30 Millionen Euro sollen laut der Bundesanwaltschaft so nach Russland gelangt sein seit der russischen Invasion in der Ukraine – auch an mindestens 24 auf EU-Sanktionslisten geführte russische Rüstungsunternehmen. Der beschuldigte Nikita S. soll Alleingesellschafter und Geschäftsführer des Unternehmens sein und mit einer Scheinfirma in Lübeck sowie in- und außerhalb der EU ansässigen Scheinabnehmern Lieferungen sanktionierter Technik nach Russland abgewickelt haben.

Zusammen mit vier weiteren Beschuldigten aus Schleswig-Holstein wurde S. am Montag vom Zollkriminalamt festgenommen. Ein weiterer Verdächtigter hat – wie S. – neben der deutschen auch die russische Staatsbürgerschaft und ein anderer daneben einen ukrainischen Pass. Laut der Anklagebehörde, die bei ihren Ermittlungen vom Bundesnachrichtendienst unterstützt wurde, sollen „hinter dem Beschaffungsnetzwerk auf russischer Seite mutmaßlich staatliche Stellen“ stehen.

S. hat im März 2022, wenige Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, das Handels- und Logistikunternehmen als Gesellschafter übernommen und wurde Geschäftsführer. Jetzt werden S. und seine vier mutmaßlichen Mittäter dringend verdächtigt, als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung gewerbs- und bandenmäßig gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen zu haben, also die Russlandsanktionen umgangen zu haben.

Mehr als 70 Verstöße

Dabei sollen sie laut den Anklägern „konspirativ Güter für die russische Industrie beschafft und nach Russland ausgeführt haben“. Es sollen Sensoren, Konverter und spezielle Kugellager geliefert worden sein – auch an eine Firma in Russland, in der der Global-Trade-Geschäftsführer S. arbeiten soll.

Allein dem Hauptbeschuldigten 38-jährigen Nikita S. werden mehr als 70 Verstöße gegen das Sanktionsregime vorgeworfen. Parallel zu den Verhaftungen wurden zahlreiche Wohn- und Geschäftsräume in Lübeck, Frankfurt am Main, Nürnberg, im Landkreis Nordwestmecklenburg sowie im Kreis Ostholstein durchsucht.

Der Fall ist nicht der erste, in dem deutsche Firmen getarnt die Rüstungsindustrie in Russland versorgt haben. Dabei werden oft angebliche Abnehmer in der Türkei oder in zentralasiatischen Nachbarstaaten Russlands angegeben. Von dort werden die Waren weitergeschleust.

Allein nach Kirgistan, gegen das die EU wegen gezielter Umgehung der verhängten Russlandsanktionen Strafmaßnahmen erwägt, haben deutsche Firmen von Januar bis November Waren für über 400 Millionen Euro geliefert. 2021, im Jahr vor Russlands Ukrainekrieg, waren es noch 48,9 Millionen. Die deutschen Exporte nach Tadschikistan wuchsen voriges Jahr um fast 60 Prozent.

Bekannt wurden auch Fälle, in denen massenhaft Waschmaschinen nach Kasachstan geliefert wurden – um die darin befindlichen Chips in russische Raketen einzubauen. 2025 führte Kirgistan eine auf den russischen Rubel lautende Stablecoin namens A7A5 ein, eine digitale Währung, die nach Ansicht westlicher Experten dazu dient, Transaktionen unter Umgehung der Sanktionen zu erleichtern.

Die Ukraine berichtet regelmäßig, dass sie in russischen Raketen und Drohnen, die auf ihr Territorium geschossen wurden, haufenweise westliche Chips finde. Egal, ob von Nvidia, Texas Instruments oder Infineon. Aus Marschflugkörpern wie der Ch-101 oder Iskander-Raketen holten ukrainische Forensiker sogar jeweils mehr als mehrere Hundert einzelne westliche Komponenten. Die Firma Smart Inpex aus Kerpen soll über eine eigens in der Türkei gegründete Tochter unter Sanktionsbruch Waren nach Russland geliefert haben.

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