Raubdruck: Hehlerware als Kulturgut: Als das bürgerliche Copyright noch zerschlagen werden sollte
Eine Tagung in Leipzig befasste sich mit der westdeutschen Kultur der Raubdrucke. In linken Buchläden waren diese Werke zwischen 1960 und 1980 weit verbreitet.
Die Drohung ist hart, ihr Ironiegrad etwas unklar: „Verbindlicher Richtpreis: 4 DM. Wer mehr nimmt, wird nach der Revolution erschossen!“ Die dies schreiben, sind Raubdrucker*innen und die, die hier gemeint sind, sind Buchhändler*innen.
Zu finden ist das Statement in einem Raubdruck – dem ursprünglichen Text hinzugefügt wurde es als Positionierung im Klassenkampf. Bücher haben Gebrauchswert, nicht Warenwert, und wer sie zum Zweck der Profitmaximierung herstellt oder verkauft (bürgerliche Verlage, Buchhändler*innen), kann nicht Teil der sich als antiautoritär verstehenden Bewegung sein: „Zerschlagt das bürgerliche Copyright!“
Wir befinden uns im West-Berlin und der Bundesrepublik der Jahre um 1968. Die Neue Linke sucht nach revolutionären Texten und findet sie oft in nicht zuletzt als Folge des Nationalsozialismus verlorenen Büchern linker Autor*innen der Zwischenkriegszeit.
Grundlagen der proletarischen Erziehung
Mit Texten, die nach dem Krieg in der Bundesrepublik nicht oder zumindest für das Gros der sich zunehmend im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) Organisierenden kaum erhältlich sind, greift man auf das Archiv der Bewegungsgeschichte zurück. Der Titel „Die Grundfragen der proletarischen Erziehung“ des marxistischen Theoretikers und Politikers Edwin Hörnle aus dem Jahr 1929 gehört hierzu; aus dem um 1970 veröffentlichten Raubdruck dieses Buches stammt die Drohung.
Wie dieser Titel wurden viele andere seinerzeit von sich in den Büchern nicht zu erkennen gebenden, aber sich oft durch derlei Anmerkungen einmischenden Personen oder Kollektiven mit einfachen Mitteln auf damals erschwinglichen Druckmaschinen und unter Umgehung des Urheberrechts – also meist auch ohne Wissen und Erlaubnis der Autoren – unautorisiert vervielfältigt. „Sozialisierte Drucke“ und „proletarische Reprints“ waren zwei Schlagwörter dieser Zeit, die das Thema Raubdruck den Begründungszusammenhängen des Kapitals entziehen wollten.
Die Praxis des Raubdrucks war um 1968 natürlich nicht neu, ihre Geschichte reicht weit zurück in die Frühe Neuzeit und die Zeit der Entstehung des Urheberrechts. Für die Geschichte der Bundesrepublik im Allgemeinen und der Neuen Linken im Besonderen lässt sich am Thema Raubdruck ablesen, wie sowohl auf Grundlage der seinerzeit rezipierten Texte, als auch über deren materielle (Re-)Produktions- und Verbreitungsgeschichte, die Wiederentdeckung der Kritischen Theorie durch die Studentenbewegung zur Zeitgeschichte wurde. Am Raubdruck ist auch ersichtlich, wie sich diskursive Themen veränderten.
Von Wilhelm Reich bis Michael Ende
Als „alternative“ Form der Literatur- und Buchproduktion brachte der Raubdruck in der Bundesrepublik von den 1960er bis zu den 1980er Jahren so durch etwa „verbilligte Volksausgaben“ genannte Reprints hunderte verschiedener Titel „hervor“. Anfangs waren das etwa (freudo-)marxistische Klassiker von Wilhelm Reich, Karl Korsch, Walter Benjamin und Max Horkheimer, in der Spätphase dann eher Michael Endes „Unendliche Geschichte“, Peter S. Beagles „Das letzte Einhorn“, oder auch mal ein David-Bowie-Songbook.
Wenn nun an der Deutschen Nationalbibliothek (dnb) in Leipzig eine Tagung stattfand, die vorhandene Forschungsansätze unter dem Titel „Schwarzer Markt für rote Bücher. Zur Raubdruckbewegung der 1960er bis 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland“ bündelte, dann aus aktuellem Grund: Im Jahr 2023 erwarb die Nationalbibliothek – auf Vermittlung der in Erlangen lehrenden Literaturwissenschaftlerin Annette Gilbert, die auch die Tagung organisierte – die Raubdrucksammlung von Albrecht Götz von Olenhusen (1935–2022).
Götz von Olenhusen war über Jahrzehnte als Anwalt im Urheber-, Verlags- und Medienrecht in Freiburg tätig, saß dort auch lange Jahre für die SPD im Stadtrat, zuletzt wohnte er in Düsseldorf. Seine in Vollständigkeit und Umfang als einzigartig geltende Sammlung umfasst mit ihren rund 4.000 Raubdruckexemplaren viele Regalmeter im Speicher der Nationalbibliothek.
Sammlung Götz von Olenhusen
Die Sammlung Götz von Olenhusens, der bereits 1973 (gemeinsam mit Christa Gnirß) ein „Handbuch der Raubdrucke“ herausgab, schließt für die Nationalbibliothek somit eine wichtige Lücke, deren Existenz ihr zuvor gar nicht bewusst war. Die Erschließung der Sammlung in Leipzig bietet aber auch für die Forschung einen einmaligen Zugang zu Materialien für die Theoriegeschichte der Neuen Linken in der Bundesrepublik.
Wie die Tagung zeigte, stellen sich durch den Sammlungszugang neue Fragen, nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Nationalbibliothek selbst: Raubdrucke haben aufgrund ihrer Kriminalisierung in Deutschland bisher kaum Eingang in die Sammelinstitutionen gefunden, zudem gibt es raubgedruckte Bücher im Sinne des herkömmlichen Sammelauftrags der dnb offiziell eigentlich gar nicht.
Juristische Fragen schließen sich an: Handelt es sich bei raubgedruckten Büchern um Hehlerware? Falls ja, kann Hehlerware Kulturgut sein? Juristische Fragen sind es aber auch, die in vielfacher Weise Teil der wissenschaftlichen Forschung sind. Der Historiker Uwe Sonnenberg beschrieb, wie die Konjunktur der Raubdrucke als ungenehmigte Nachdrucke den Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf den Plan rief.
Das BKA hatte keine Daten da
Mitte der 1970er-Jahre sprach dieser von „Wirtschaftskriminalität eigener Art in größtem Umfang“, sensibilisierte das Bundeskriminalamt (BKA) für die Angelegenheit und setzte schließlich einen Detektiv auf die Raubdruckszene an. Selbst das BKA konnte damals jedoch für das vermutete Ausmaß der Wirtschaftskriminalität keine Anhaltspunkte finden, auch ein Zusammenhang zwischen Raubdruckszene und politischer Gewaltkriminalität konnte der Fahnder weder bestätigen noch verneinen.
Beide Punkte ließen sich aber auch von anderer Seite erzählen: Der ehemalige SDSler Gerd Schnepel, der Anfang der 1970er als Mitbegründer eines linken Buchladens in Erlangen auch Raubdrucke anfertigte, sprach als Zeitzeuge von verkauften Auflagen von bis zu 20.000 Exemplaren. Buchhändler Schnepel, der später auch zu den Revolutionären Zellen stieß, berichtete aber auch davon, wie mit dem Anwachsen der K-Gruppen das breite Interesse an der zuvor raubgedruckten Theorie so nachließ, dass der Buchladen 1975 pleite ging.
Dass die Raubdrucke in seinem wie in anderen Buchläden einschlägiger Städte der Szene wie West-Berlin, München, Frankfurt am Main, Marburg oder Göttingen neben offiziellen Publikationen über Jahre ganz offen gehandelt wurden, erstaunte die Tagungsteilnehmer*innen durchaus.
Zweites Standbein
Ökonomische Aspekte des Raubdruckens waren auch in der Kinderladenbewegung wesentlich: So trugen Raubdrucke nicht nur zur Theoriebildung in Sachen linker Pädagogik bei, das Herstellen und Vertreiben von Schriften durch die Kinderläden selbst war auch nicht selten eines ihrer ökonomischen Standbeine, wie die Sozialpädagogikforscherinnen Karin Bock und Nina Göddertz berichteten.
Einen Blick auf die gestalterischen Eigenheiten der Raubdrucke warf die Designerin Franziska Morlok (UdK Berlin), die in einigen ökonomisch bedingten Stilmerkmalen von damals (schlechter Druck, farbiges Papier, schräger Satzspiegel) heutige gewollte Charakteristika trendbewussten Grafikdesigns wiederfand.
Darauf, dass Kulturgeschichte auch immer Mediengeschichte ist, kam man in der Tagung auch immer wieder zu sprechen: nicht nur waren es zuletzt die Kopiermaschinen an den Unis, die die Raubdrucke auch für deren Produzent*innen zu teuer werden ließen, auch ließe sich eine – ideologisch kaum gewollte – medienhistorische Linie von den Raubdrucken zu heutigen digitalen „Raubdruckern“ wie Google Books ziehen.
Dass als eines der jüngsten Werke in Götz von Olenhusens Sammlung Douglas R. Hofstadters Buch „Künstliche Intelligenz“ von 1986 zu finden ist, wirkt da fast wie eine Flaschenpost.
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