Rassismus im Gesundheitswesen: Das Virus ist nicht egalitär

Werden People of Color in Kliniken schlechter versorgt? In Deutschland lässt sich das nur schwer überprüfen. Denn valide Untersuchungen gibt es kaum.

Graffiti mit dem Slogan "stay the fuck home" in Berlin

Das neuartige Coronavirus kann jeden treffen – aber nicht alle sind gleichermaßen betroffen Foto: Anja Lehmann/Ostkreuz

Ein Virus kann nicht diskriminieren, es kennt weder Hautfarbe noch Kontostand? Corona kann jeden treffen? Je länger die Krise andauert, umso mehr zeigt sich, dass nicht alle Menschen gleichermaßen betroffen sind.

Bereits im März äußerte sich Ferda Ataman, Journalistin und Mitgründerin der Neuen Deutschen Medienmacher, auf Twitter entsprechend desillusioniert. Sie schrieb: „Ich habe irgendwie eine Ahnung, welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden, wenn die Beatmungsgeräte knapp werden.“ Der Tweet wurde vielfach kritisiert, unter anderem von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Renate Künast.

Rassismus pausiert nicht in der Coronakrise. Ein Blick auf die Zahlen aus den USA illustriert das. In New York City zeigten diese schon Mitte April, dass 34 Prozent der an Corona Verstorbenen Hispanics waren, obwohl sie nur 29 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In Chicago zeigte sich die Situation noch extremer: 72 Prozent der Verstorbenen waren zum selben Zeitpunkt Afroamerikaner, obwohl nur 30 Prozent der Stadtbevölkerung Schwarz ist.

Ob in Deutschland ebenfalls People of Color von Corona am stärksten betroffen sind, ist schwer zu überprüfen. Ähnlich dramatisch wie in den USA sei die Situation jedoch nicht, sagt Marion Aichberger. Sie forscht für die Berliner Charité und das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. „In den USA sind die Ungleichheiten stark akzentuiert. In Deutschland sind bestimmte Bereiche inkludierender, aber es gibt trotzdem noch zahlreiche, auch ausgeprägte strukturelle Probleme und Barrieren zu beseitigen, um Ungleichheiten auszugleichen.“

Es gibt keine Zahlen

Zahlen, welche über Diskriminierung Aufschluss geben könnten, gibt es nicht. Anders als in den USA werden in Deutschland Gesundheitsdaten nicht nach Hautfarbe oder Ethnizität kategorisiert. Die einzige Unterteilung im deutschen Gesundheitssystem, die dem nahekommt, ist die nach dem Migrationshintergrund.

So kann bislang lediglich ein Teilaspekt des Komplexes untersucht werden. „Dass nur Zahlen über den Faktor Migrationshintergrund bekannt sind, macht es schwieriger, die richtigen Schlüsse zu ziehen“, sagt Aichberger. Denn Rassismus erfahren eben nicht nur Menschen, die eine Migrationsbiografie aufweisen.

Die Frage, ob man solch eine Kategorisierung in Deutschland einführen sollte, sei ein Dilemma, sagt Oliver Razum, Gesundheitswissenschaftler und Professor an der Uni­ver­si­tät Bielefeld. Denn der Grund, dass Menschen nicht nach Hautfarbe oder anderen ethnischen Merkmalen kategorisiert werden, liegt in der deutschen Geschichte.

Nur weil Rassismus nicht empirisch beobachtet wird, heißt es nicht, dass er nicht existiert

Unter der NSDAP wurden nach ethnischer Kategorisierung Menschen jüdischer Herkunft ermordet. „Merkmale wie Hautfarbe, Religion oder ‚Rasse‘ zu erfassen, birgt immer das Risiko der Kennzeichnung und Ausgrenzung“, sagt Razum. Er plädiert deshalb dafür, die Nichtkategorisierung beizubehalten.

Nur weil Rassismus nicht empirisch beobachtet wird, heißt es nicht, dass er nicht existiert. Tahir Della, Mitglied der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), sagt: „Es ist zu befürchten, dass marginalisierte Gruppen stärker von Corona getroffen werden.“ Die ISD habe häufig mit Menschen aus Krankenhäusern zu tun, die rassistisch diskriminiert wurden. „Wir gehen davon aus, dass auch im Gesundheitswesen Rassismus eine Rolle spielt, aber es gibt keine Erhebungen und keine Daten darüber, wie oft das vorkommt und wie viele Menschen es trifft“, sagt er. Ob Coronapatienten schlechter behandelt werden, wenn sie People of Color sind, ist empirisch weder nachweisbar noch widerlegbar.

Besonders betroffen sind die, die es auch vor Corona waren

Die taz fragte bei der Bundesärztekammer nach, wie mit Rassismus im Kontext von Corona umgegangen werde. Eine der Aufgaben der Pflichtkammer ist die Vermittlung gesundheitspolitischer Fragen. Peter Bobbert, Mitglied des Vorstands und Menschenrechtsbeauftragter der Ärztekammer, wollte sich zum Thema Rassismus nicht äußern.

„Die Gruppen, die besonders von der Coronapandemie betroffen sind, sind die, welche auch schon davor keinen Zugang zu einer adäquaten Versorgung hatten“, sagt er. Das seien allen voran Menschen ohne Obdach und ohne Krankenversicherung, wie beispielsweise auch Menschen ohne geklärten Aufenthaltsstatus.

Jedoch könnte der Faktor Migrationshintergrund ein Indikator für möglichen Rassismus im Gesundheitswesen sein. Untersuchungen zu diesem Thema sind rar. So werden auch Migrationsdaten nicht automatisch, sondern nur im Kontext von Studien erhoben.

In einer Studie aus dem Jahr 2014 beobachteten Wis­sen­schaft­ler*­innen drei Berliner Kreißsäle. Sie verglichen die Behandlung, welche Frauen mit türkischem Migrationshintergrund bei der Geburt bekamen, mit der, welche Frauen ohne Migrationshintergrund bekamen. Die Studie schlussfolgerte, dass ungleiche Behandlung so gut wie nicht stattfand.

Benachteiligung in Reha-Kliniken

Eine andere Studie befasst sich mit der Versorgung in Reha-Kliniken. Das Ergebnis: Menschen mit Migrationshintergrund wurden seltener erfolgreich behandelt als jene ohne Migrationshintergrund.

Oliver Razum, einer der Verfasser der Studie, sagt: „Wenn man sich die Reha-Kliniken anschaut, kann man eine strukturelle Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund sehen.“ Ob Patienten in Deutschland nach Migrationsstatus diskriminiert werden, hänge von der Region und Praxis ab.

Doch von Rassismus werde im deutschen Gesundheitsdiskurs nicht geredet, sagt Razum, wohl aber von ethnischen und kulturellen Merkmalen im Zusammenhang von Migrationshintergrund. Denn der Migrationshintergrund sei nicht der einzige Faktor, der über verschiedene Behandlungen entscheidet. „Man kann Rassismus nicht abgelöst von sozioökonomischen Faktoren betrachten“, sagt der Gesundheitswissenschaftler.

Denn Menschen mit Migrationshintergrund haben in Deutschland häufig auch geringeres Einkommen. Eine Studie aus dem Jahr 2009 zeigt: Im Median haben Familien mit Migrationshintergrund ein um 13 Prozent geringeres mittleres Nettoeinkommen als Familien ohne. Von relativer Armut sind, Stand 2009, 15 Prozent aller Nichtmigranten, aber 30 Prozent aller Migranten betroffen. Relative Armut bedeutet, ein Nettoeinkommen von 60 Prozent oder weniger des Medians zu haben.

Sterblichkeit bei weniger Einkommen höher

„Menschen mit Migrationshintergrund leben in anderen Verhältnissen und es sind dann diese Verhältnisse, die dazu führen, dass Corona bei ihnen zu einem größeren Problem wird“, sagt Razum. Ein Beispiel: Um sich vor einer Ansteckung zu schützen, soll Abstand gehalten werden. Nur ist es einfacher, sich zu zweit in einem 100-Quadratmeter-Haus in Selbstquarantäne zu begeben, als für eine fünfköpfige Familie in einer Zweizimmerwohnung.

Auch jenseits von Corona leben Reiche gesünder als Arme. Menschen, die in einer prekären Situation leben, haben tendenziell weniger Zugang zu Wissen über Gesundheitsfragen. Hinzu kommt: Eine ausgewogene und gesunde Ernährung ist teuer.

Eine der Folgen benennt das Max-Planck-Institut für demografische Forschung: Die Sterblichkeit von 30- bis 59-jährigen Männern ist bei dem einkommensschwächsten Fünftel um 150 Prozent höher als bei dem einkommensstärksten Fünftel.

Das hat auch für Corona Folgen. Eine Datensammlung des Robert-Koch-Instituts ergibt: Die Gruppe der Geringverdiener hat in jeder Altersklasse die meisten krankheitsbedingten Einschränkungen. Das heißt: Arme Menschen leiden häufiger an Vorerkrankungen und sind so anfälliger für Corona. „Bei einer Krankheit wie Covid-19, bei der die Schwere des Verlaufs mit den Vorerkrankungen zusammenhängt, kann man vermuten, welche Folgen das für bestimmte soziale Gruppen hat“, sagt Marion Aichberger.

Die soziale Stellung macht einen Unterschied

Neben diesen Lebensverhältnissen gibt es für Oliver Razum einen weiteren Grund, wieso sozialökonomisch benachteiligte Menschen gesundheitlich schlechter dastehen: Die Gesundheitseinrichtungen behandeln sie anders. „Die Ärzte gehen auf die Patienten nicht adäquat zu, oft funktioniert auch die Kommunikation nicht. Dieses Phänomen gilt für alle Benachteiligten, das hat mit Rassismus nichts zu tun“, sagt Razum.

Marion Aichberger denkt ebenfalls, dass Menschen mit Migrationshintergrund vor allem wegen des durchschnittlich niedrigeren finanziellen Status diskriminiert werden. Aber: „Dazu kommen persönliche Erfahrungen wie Ausgrenzung und Diskriminierung“, sagt sie.

Diskriminierung von sozioökonomisch Benachteiligten existiert im Gesundheitswesen. Dass Migrant*innen unabhängig von ihrem finanziellen Status diskriminiert werden, ist auch wahrscheinlich. Welche Rolle Rassismus dabei spielt, lässt sich empirisch nicht feststellen. Was aber unbestreitbar ist: Die Gesundheitschancen von Migrant*innen sind geringer als die von Deutschen ohne Migrationshintergrund. Und zwar zu jeder Zeit.

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