Radfahren beim Giro d'Italia

Die Abfahrt wie eine Schanze nehmen

Primoz Roglic führt den Giro d’Italia an. Vor zwölf Jahren war der Radprofi aus Slowenien noch Juniorenweltmeister – im Skisprung.

Primoz Roglic fährt beim Giro d'Italia auf einem Fahrrad

Primoz Roglic: Schnittig wie an der Schanze Foto: ap

Es geht in die Berge. Und prompt wird Primoz Roglic zum Zauderer. Am ersten echten Berg des Giro d’Italia 2019 ließ er am Donnerstag zwei seiner direkten Rivalen davonfahren und beteiligte sich nicht einmal großartig an der Nachführarbeit. „Alle haben gearbeitet, nur Roglic hat sich nicht beteiligt“, schimpfte Altmeister Vincenzo Nibali.

Ob dies das erste Zeichen einer Schwäche war oder Teil eines cleveren Plans eines Mannes, der so frisch in den Radsport kam, dass er sich an Traditionen der Alten gar nicht halten muss, werden die kommenden Tage in den Bergen zeigen.

Tatsache ist: Roglic ist der interessanteste Radprofi seit langem. Vor zwölf Jahren wurde er noch Juniorenweltmeister im Skispringen. Im gleichen Jahr stürzte er aber schwer von der Flugschanze in Planica. Das gab den Ausschlag für den Wechsel in den Radsport. Seit 2013 ist er Radprofi, zunächst bei einem drittklassigen Rennstall in Slowenien, seit 2016 fährt er bei der World Tour. Er wurde im letzten Jahr Vierter der Tour de France und gewann beim Giro 2019 schon die beiden Zeitfahren. Er ist Favorit auf den Gesamtsieg.

In seiner Heimat Slowenien hat er eine Radsportbegeisterung ausgelöst. An der Abzweigung, in der es im Dorf Kisovec zu dem Anwesen seiner Eltern hochgeht, errichteten Fans eine große Statue aus einem gelben Fahrrad. Sie weist auf Roglic’ zwei Bergetappensiege bei der Tour de France 2017 und 2018 hin. Und auch im Aufenthaltsraum gleich neben dem Schanzentisch der Skisprunganlage in Kisovec ist der Radsport präsent. Zvone Pograjc ist Skisprungtrainer und verfolgt gebannt eine TV-Übertragung vom Giro. Er kennt Roglic seit dessen Kindertagen und brachte ihm das Springen bei. „Er hatte Talent, das sah man schon, als er acht oder neun Jahre alt war“, erzählte er. Talent im Skispringen bedeute, aggressiv und sprungkräftig zu sein, Mut zu haben und einen elastischen, sich gut dehnenden Körper.

Pograjc war auch an jenem Schicksalstag in Planica dabei, als Roglic an der Schanze stürzte. „Es war schrecklich, ich musste mich umdrehen, ich konnte einfach nicht hinsehen.“ Zwei Jahre lang versuchte es Roglic noch weiter mit dem Springen – dann aber wechselte er aufs Rad. „Er war gleich richtig gut darin“, berichtet Pograjc, der Roglic auf den ersten Trainingsausfahrten auch begleitet hatte. Ausdauertalent hatte er bei seinem Schützling bereits früher bemerkt. Trainiert allerdings wurde diese Ausdauer­fähigkeit nicht.

Extrem gute Ausdauerwerte

Zum Glück nicht, weiß Radoje Milic. Er ist Wissenschaftler am Institut für Sportphysiologie in Ljubljana. „Wenn man sehr früh mit dem Ausdauertraining beginnt, macht man oft zwei Fehler. Der eine ist, dass man den Kraftaspekt vernachlässigt. Und der andere, dass man nur extensive Trainingsformen betreibt“, sagt er. Da könne es passieren, dass der Motor schnell ausbrenne. Roglic hingegen habe eine vielseitig ausgebildete Muskulatur.

Ein schwerer Sturz an der Schanze von Planica brachte Roglic dazu, aufs Rad zu wechseln

Milic machte die ersten Tests mit Roglic. Er maß 7,14 Watt pro Kilogramm, wie die gewichtsbezogene Leistung gemessen wird, und die Sauerstoffaufnahmekapazität bei Belastung betrug 80 Milliliter Sauerstoff pro Minute. Kurz gesagt: Schon der Amateur Roglic hatte die Spitzenwerte eines Rundfahrtsiegers.

Milic vermittelte dann auch den Kontakt zum Rennstall Adria Mobil, wo Roglic die ersten Rennen fuhr – mit Rückschlägen. „Zwei Tage nachdem er sein erstes Rad von uns erhalten hatte, rief er an, dass es kaputt sei. Er war mit einem Auto kollidiert. Ihm war zum Glück nichts passiert. Das Rad aber war so hinüber, dass es in einen Koffer passte. Ich sagte danach zu meinem Sportdirektor Milan Erzen: ‚Der Junge wird noch manches Rad zerstören, aber versuchen wir es weiter mit ihm.‘“

Erzen wird mittlerweile in Verbindung mit dem Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt gebracht. Allerdings ging Erzen schon 2013, dem ersten Jahr von Roglic bei Adria Mobil, nach Bahrain, um den dortigen Prinzen bei dessen Triathlon­ambitionen zu unterstützen. Später war er treibende Kraft beim Aufbau des Rennstalls Bahrain Merida.

Dort fährt jetzt nicht Roglic, sondern Nibali – die beiden wichtigsten Konkurrenten beim Giro. Vom Skispringen hat Roglic Explosivität mitgebracht, Mut für die Abfahrten und einen beweglichen Körper, den er besser als andere in eine schnittige Position verbiegen und dennoch hohe Wattzahlen erstrampeln kann. Ein Umsteiger mit Potenzial.

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