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Queere Community nach dem CSD-AttentatVon Trauer zu Wut zu Widerstand

Nach dem Attentat auf den CSD sitzt der Schock tief. Doch die queere Community hält dagegen: Drei Menschen erzählen von Solidarität und dem Mut, weiterzumachen.

Unsere erste Frage ist immer: Ist alles in Ordnung bei dir?

Es war ein großer Schock, das hat uns alle emotional sehr getroffen. Für viele Ukrai­ne­r*in­nen ist es etwas, das wir nur zu gut kennen. Denn seit dem russischen Angriffskrieg ist immer unsere erste Frage, wenn wir schlimme Nachrichten hören: Ist alles in Ordnung bei dir? Das schreiben wir, noch bevor wir fragen: Was ist passiert? Und diese Frage haben wir uns am Samstag auch wieder gegenseitig gestellt.

Viele Ukrai­ne­r*in­nen sind vor dem Krieg nach Deutschland und speziell auch Berlin geflüchtet, weil sie hier Sicherheit und Schutz gesucht haben. Viele aus unserer Community erleben jetzt alte Ängste wieder. Es war auch nicht der einzige queerfeindliche Angriff am CSD, wir haben auch einen von Rechten erlebt. Am Nollendorfplatz haben sie unseren Truck aus der Parade heraus mit Flaschen beworfen. Ich war selbst auf dem Truck, als die Flasche kam. Die Angreifer habe ich nicht gesehen, aber sie scheinen organisiert gewesen zu sein. Meine Kollegin meinte, dass sie alle einheitlich rot-schwarz angezogen waren. Die Polizei hat dann aber sehr schnell reagiert. An der Courbièrestraße hat außerdem jemand von einem Balkon aus mit einer Softair-Pistole auf die CSD-Parade geschossen.

Telefon-Hotline für Betroffene

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) hat für Betroffene des Anschlags auf den CSD die telefonische Beratungs-Hotline 030-902296300 eingerichtet. Das Unterstützungsangebot richtet sich an die Menschen, die mittelbar oder unmittelbar von dem Terroranschlag betroffen sind. Die Beratung ist kostenfrei und vertraulich.

Die Hotline informiert laut Lageso über Leistungen, die das Soziale Entschädigungsrecht für Betroffene von Gewalttaten und terroristischen Straftaten vorsieht. Die Beratungen umfassten insbesondere die Hilfen der Traumaambulanzen. Diese ermöglichen Betroffenen eine frühzeitige psychotherapeutische Unterstützung nach einem belastenden Ereignis.

Die Beratung richtet sich insbesondere an unmittelbar Verletzte, Personen, die den Anschlag miterlebt haben und hierdurch psychisch belastet sind, sowie Angehörige und Nahestehende von Betroffenen. Sie ist von Montag bis Freitag von 7:30 bis 16:00 zu erreichen.

Wer sich aufgrund des Erlebten in einer akuten psychischen Krise befinden oder medizinische Hilfe benötigen sollte, wendet sich bitte unverzüglich an den Rettungsdienst unter 112 oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117.

Falls Menschen aus der ukrainischen LGBTQ+ Community von den Ereignissen betroffen sind, Unterstützung brauchen oder mit jemandem sprechen möchten, können sie sich über Social-Media-Kanäle @kwitnequeer oder per E-Mail an die Organisation Kwitne Queer wenden: info@kwitnequeer.de

Wir kennen das schon aus der Ukraine: Dort war ich sehr oft bei queeren Paraden, und eigentlich haben immer Menschen Tomaten, Eier oder Flaschen auf uns geworfen. Abgesehen von diesen schrecklichen Momenten war die CSD-Parade sehr cool, viele Menschen haben uns unterstützt und ich habe so viel Schönes gehört. Doch der Terroranschlag am Abend hat auch die Angriffe davor in ein anderes Licht gerückt. Wir sehen eine wachsende Radikalisierung und Feindseligkeit gegenüber Menschen, die einfach nur ihre Grundrechte ausüben.

Wir sind mit unserem Truck schon gegen 16 Uhr am Brandenburger Tor angekommen, und niemand von denen, die ich kenne, war vom Anschlag direkt betroffen. Wir haben uns noch am Abend gegenseitig viel geschrieben, nachgeforscht, ob alle in Sicherheit sind. Und immer noch bekomme ich ständig Nachrichten. Die letzten Tage war alles sehr schmerzhaft und belastend. Ich denke, wir werden uns treffen und in einer Runde unsere Gefühle besprechen und das, was uns durch den Kopf geht, teilen. Aber wahrscheinlich schaffen wir das erst in der nächsten Woche, weil wir aktuell wegen der Organisation vom CSD selbst noch alle sehr müde und geschafft sind.

Ich hoffe, dass wir unseren Kampf nicht abbrechen und dass die Tragödie uns nicht die Kraft nimmt. Denn unsere Arbeit geht weiter. Wir werden weiter für Menschenrechte, Freiheit und Sichtbarkeit eintreten. Hass darf nicht stärker sein als Solidarität.

Noel Ravytski (er/ihn) ist im Vorstand Kwitne Queer, einer ukrainischen LGBTQ+-Menschenrechtsorganisation in Deutschland.

Kopf in den Sand stecken ist nicht

Meinen ersten CSD hab ich Anfang der 1990er in Berlin erlebt, ich war zum Studium in die Stadt gekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie erhaben sich diese erste bunte Demo unter meinesgleichen anfühlte: Wir sind ja so viele! Das beflügelt und stärkt das Selbstvertrauen, macht stolz und einfach Spaß. Und wir wurden von Jahr zu Jahr mehr. Der CSD wurde größer und größer und, okay, auch kommerzieller. Es gab Abspaltungen, immer mehr Pride Paraden verschiedener Ausrichtungen. Und uns Queers wurden mit den Jahren immer mehr Rechte eingeräumt, die gesellschaftliche Akzeptanz stieg. Und irgendwann war die Luft raus bei mir. Wozu noch auf die Straße gehen?, dachte ich und auch mein Ehemann, ist doch immer die gleiche Leier: zu viele Leute, zu viel Party statt politischer Demo. Ein paar Jahre hab ich auf den CSD gepfiffen.

Was für ein kolossaler Irrtum. Seitdem auch hierzulande die Versuche zunehmen, die Uhren zurückzudrehen, die Grundrechte von uns queeren Menschen wieder zur Debatte stehen, die Angriffe zahlreicher werden, bin ich wieder dabei. Wie erhaben sich die riesige Pride Parade am Samstag anfühlte: Wir sind ja so viele!

Dieses Mal haben wir uns entschlossen, mein Mann und ich, hinter dem taz-Truck die Parade zu begleiten, den ganzen Nachmittag lang. Wie schön und inspirierend das war! Kol­le­g:in­nen waren dabei, es gab Musik und auch etwas Sekt und richtig gute, weil empowernde Reden vom taz-Wagen. Schön queerpolitisch, schön links. Am schönsten war, wie ausgelassen die Hunderttausenden diese Party-Demo feierten. Und überall waren Regenbogenfahnen zu sehen. Der Bundesrat hat sie gehisst (scheiß auf den „Zirkuszelt“-Bundestag ohne Regenbogenfahne), vor der Neuen Nationalgalerie flatterten sie im Wind, am Wintergarten-Varieté war sie zu sehen – das wärmt mein Herz.

Die Wut ist immer noch da. Auch die Trauer, die kommt und geht. Klar ist aber schon jetzt: Kopf in den Sand stecken ist nicht

Andreas Hergeth, taz Berlin

Nach sechs Stunden tanzenden Schrittes schlich sich der Muskelkater den Oberschenkel hinauf. Die Hitze. Der Hunger. Der Durst. Das Sausen in den Ohren wegen der dröhnenden Bässe vom Truck. Also ab nach Hause, in der U-Bahn viele erschöpfte Queers auf dem Weg sonst wohin, alle mit einem Lächeln auf den Lippen. Wir fahren zum Lieblingsitaliener, den Abend schön ausklingen lassen. Dann aber fragt gegen 23.30 Uhr eine taz-Kollegin, ob wir gut zu Hause angekommen sind? Sind wir, aber wieso fragt sie?Dann bricht via Instagram die Hölle über mich herein.

Ich bin sprachlos. Erschüttert und schockiert. Und besorgt um alle, die ich auf dem CSD gesehen habe. Ich bin aber vor allem – Nachrichten schreibend, ob alles okay ist; Nachrichten empfangend – traurig. Auch in diesem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe. Und wütend auch. Später als sonst gehe ich zu Bett. Erst am Morgen danach kommen mir die Tränen, als ich mir ganz bewusst ein Lied anhöre, bei dem ich weiß, dass ich weinen werde. Tränen sind gut, weil sich da etwas in mir löst. Es geht mir dann besser. Und nach den Tränen sehe ich manche Dinge klarer. Wie ich diesen Betroffenheitsautomatismus der politischen Verantwortungsträger und die üblichen Forderungen hasse.

Die Wut ist immer noch da. Auch die Trauer, die kommt und geht. Das wird dauern. Klar ist aber schon jetzt: Kopf in den Sand stecken ist nicht. Keine Angst, trotz aller Verunsicherung, ist meine Devise. In den nächsten Wochen finden überall in Deutschland weitere CSDs statt, allein am nächsten Wochenende in Hamburg und Bonn, im Burgenlandkreis (Naumburg), in Kempten, Ahaus, Amberg und Schlüchtern und Wolfratshausen. Mal sehen, wo wir hinfahren. Wir sind so viele!

Andreas Hergeth (er/ihn) ist für Redakteur für Kulturpolitik & Queeres im Berliner Lokalteil der taz

Ich wünsche mir echte Solidarität – nicht nur Posts und Storys

Das, was uns alle gehalten und getragen hat, war die Community. Von dem Moment an, in dem uns die Nachricht vom Anschlag erreicht hat. Ich glaube, diese Tage hätten ganz anders ausgesehen und sich emotional ganz anders ausgewirkt, ohne die Menschen, die diesen Schmerz ähnlich empfinden.

Zum Zeitpunkt des Angriffs waren wir bei einer Veranstaltung auf dem Tempelhofer Feld. Wir waren gerade auf der Tanzfläche, dann wurde die Musik leiser gedreht und eine Person hat sehr durchgreifend nach Ruhe gerufen und die Nachricht von dem Attentat überbracht. Wir standen wie angewurzelt da. In der Stille hat erst mal jeder mit sich selbst versucht, das zu verarbeiten. Und irgendwann haben wir angefangen zu reden, uns auszutauschen und immer wieder ausgesprochen, wie froh wir sind, dass wir gerade zusammen sind.

Wir alle wollten in dem Moment einfach ganz laut schreien – zusammen. So entstand der Wunsch, eine Veranstaltung zu organisieren, bei der die Community zusammenkommt, um gemeinsam alle Emotionen fühlen zu können. Und zwar in der Nähe von dem Ort wo das Attentat passiert ist, um uns diesen Ort wieder zurückzuholen. An dem Abend haben wir die Anmeldung bei der Polizei gemacht, haben den FLINTA*-Chor D-Dur Dykes* kontaktiert und ab da war es eigentlich ein Selbstläufer, weil so viel Resonanz und Hilfe kam, dass plötzlich ganz viele Hände mit angepackt haben.

Der Moment, den ich am emotionalsten in Erinnerung habe, war das Ankommen am Sonntag am Brandenburger Tor. Als alle Hel­fe­r*in­nen ankamen und wir uns erst mal in den Armen lagen und diese Traurigkeit miteinander geteilt und sie über diesen Ort gegossen haben. Wir wollten diesen Ort nicht so schreckensbehaftet lassen. Es war, als hätte ich einmal geblinzelt und dann waren da 5.000 Personen, die Blumen niedergelegt haben, Plakate hochgehalten haben. Eine Person hatte auf die Schnelle eine Red­ne­r*in­nen­lis­te zusammengestellt. Alle haben einfach das gegeben, was sie geben konnten. Es war total schön zu sehen, was Community-Arbeit alles erreichen kann.

Ich glaube, das Verarbeiten hat erst so richtig nach der Demo angefangen, als es wieder zurück in den Alltag ging: raus aus diesem Safe Space, raus aus der Community. Rein in den Alltag, wo der Angriff doch sehr viel weniger präsent war. Natürlich war nicht für alle Leute in Berlin dieses Wochenende so bewegend. Für andere war es ein ganz normales Wochenende, wo sie sich erholt haben von der Woche. Es war emotional schwierig zu sehen, wie unterschiedlich relevant dieser Angriff für verschiedene Leute ist – einfach weiterzumachen. Nach dem Wochenende gab es immer wieder Realisationsmomente, was da eigentlich passiert ist. Es ist ganz viel Unterschiedliches dabei: Trauer. Aber auch Wut auf die Statements von Politiker*innen.

Ich wünsche mir echte Solidarität. Ich glaube, es braucht immer Nichtbetroffene, die sich mit Betroffenen solidarisieren: und zwar auf eine konkretere Art und Weise als Posts und Storys. Ich wünsche mir, dass sie Leute aus der Community fragen, wie es ihnen geht, sie auf Demos begleiten oder queerfeindliche Kommentare benennen und kritisieren. Dieser Angriff darf nicht rassistisch instrumentalisiert werden. Ich wünsche mir, dass Leute sehen, dass es Symptom einer Entwicklung war, die sich politisch und gesamtgesellschaftlich angebahnt hat.

Franziska E. (sie/ihr) hat zusammen mit Theresa Zanon (they/them) von den D-Dur Dykes*, Esther D. (sie/ihr), Julia Prinz (sie/ihr) und Victoria Lotze (sie/ihr) die Trauerveranstaltung für den Anschlag auf den CSD organisiert.

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