Psychiatrie in Mexiko: Stimmen aus dem Schatten

Ihre Familie schickte sie in die Psychiatrie. „Es war die Hölle“, sagt Natalia Santos. Immer noch werden psychisch Kranke in Mexiko weggeschlossen.

Ausgegrenzt, ruhig gestellt, sich selbst überlassen. Bild: dpa

MEXIKO-STADT taz | Am Anfang war sie traurig. So traurig, dass sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen wollte. Ihr Leben schien in dunkle Nacht getaucht. Sie schluckte Pillen, doch statt Sonnenschein kamen Stimmen. Unendlich viele Stimmen zerrissen sich das Maul über sie, lästerten, bis Natalias Kopf zu zerspringen drohte.

Als sie sich immer mehr in ihrem Kinderzimmer vergrub, bekamen ihre Eltern Angst und brachten sie zu einem Priester. „Ich sah, wie sich sein Gesicht in das des Teufels verwandelte, und schrie und trat um mich“, berichtet Natalia Santos, „so lange, bis mein Vater mich nach Hause brachte.“ In dieser Nacht fesselte Celedonio Santos seine Tochter mit Seilen ans Bett, legte ein Kruzifix auf ihren Körper und betete.

Als der Katholizismus versagte, holten Natalias Eltern eine spirituelle Heilerin ins Haus. „Eure Tochter ist vom Teufel besessen“, lautete ihre Diagnose, Kräutertees sollten helfen. Doch Natalias Stimmen redeten ihr ein, ihre Eltern wollten sie vergiften. Sie verweigerte das Essen und versuchte zu fliehen. Also wurden sie weggesperrt, die Stimmen. Und Natalia. Hinter die dicken Mauern der Anstalt.

Wenn Natalia Santos von dieser Zeit erzählt, stockt ihre Stimme. „Einmal, als ich nicht essen wollte, banden mich die Pfleger mit Hundeleinen ans Bett, ich schwitzte, zitterte und hatte so große Angst.“ Vier Mal wurde sie eingewiesen, schwamm ein Jahr lang wie betäubt im Drogenmeer und versuchte drei Mal mit einer Überdosis darin zu ertrinken. „Keinem wünsche ich, dass er so leben muss wie die Patienten in der Psychiatrie.“

Ausgaben: Die Kosten für mentale Gesundheit betragen nur 2 Prozent des Gesamtetats für Gesundheit, wesentlich weniger als die 10 Prozent, die die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. 88 Prozent davon fließen in die Psychiatrien statt in ambulante Einrichtungen, soziale Projekte oder Selbsthilfegruppen.

Einrichtungen: Bis in die 1960er Jahre existierte im ganzen Land eine einzige psychiatrische Klinik, in der bis zu 3.000 Patienten untergebracht waren. Als der Staat beschloss, sie aufzulösen, schuf er stattdessen landesweit "Farm-Krankenhäuser" - große Institutionen am Rande der Städte und der Gesellschaft, in denen die "Verrückten" vergessen werden konnten.

Versorgung: Bis heute ist das Gesundheitsnetz zentralistisch. Vor allem Familien vom Land können sich regelmäßige Besuche und teure Medikamente oft nicht leisten und sehen keine andere Möglichkeit, als ihre psychisch kranken Angehörigen in den Großpsychiatrien zurückzulassen. 135 Patienten, die von ihren Familien verlassen wurden, leben im "Samuel Ramírez" in Mexiko City.

Schweres Eisentor

Ihre Erfahrungen von der anderen Seite der Mauer haben Natalia Santos geholfen, zu verstehen, dass vieles falsch läuft. Und kaum einer versucht es zu ändern. Die 27-Jährige hat gelernt, mit der Schizophrenie und ihren Ängsten zu leben, und nutzt die neue Chance im Colectivo Chuhcan, einer Organisation von und für psychisch Kranke. Durch die Organisation fühlt sie sich normal in einem Land, in dem psychische Krankheiten noch immer stark stigmatisiert sind. Natalia Santos bekämpft Ausgrenzung und Benachteiligung der Betroffenen, indem sie gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation Disability Rights International (DRI) die Einhaltung der Menschenrechte in mexikanischen Psychiatrien überwacht.

Ein sonniger Freitagnachmittag im Juli. Die ersten Wochenendurlauber rauschen aus dem Megamoloch Mexiko City stadtauswärts in Richtung Ferienhaus. Auch Natalia Santos und vier Mitarbeiter von DRI fahren an den Stadtrand, so weit draußen, dass sich niemand zufällig hierher verirrt. Ihr Ziel ist die Psychiatrie „Samuel Ramírez“. „Vielleicht hat sich ja etwas getan“, sagt Robert Okin, ein amerikanischer Psychiater, der seit Jahren für DRI die Einrichtungen in Mexiko begutachtet. „Ja, vielleicht“, sagt sein Begleiter Humberto Guerrero, Leiter von DRI in Mexiko, während er das Auto parkt. Seiner Stimme merkt man an, dass er mehr hofft, als dass er daran glaubt.

Die Klinik liegt hinter Steinmauern, in die ein schweres Eisentor Einlass gewährt. Doktor César Bañuelos begrüßt die Besucher. Die Gruppe trottet los, ein Wachmann schleicht hinterher, damit niemand vom rechten Weg abkommt. Grüne Palmen, Blumenbeete, neu angelegte Pfade – hübsch sieht es aus. „Beginnen wir mit dem Positiven“, sagt der Klinikleiter, „unserer neuen Tagesklinik.“

Einmal im Monat ins Restaurant

Blitzblank ragt hinter ihm ein rot-weißer Neubau in den Himmel. 200 Millionen Pesos (11,3 Millionen Euro) habe die Regierung in die Modernisierung der Ambulanz investiert, verkündet Bañuelos stolz. Seine Schritte hallen, während er durch die Gänge geht, Baustaub wirbelt durch die Luft. „Da bleibt doch nichts mehr für die chronisch Kranken“, wundert sich der amerikanische Psychiater mit rauchig-weicher Stimme. „Sollten wir nicht eher über die Modernisierung des Behandlungssystems statt der Gebäude reden?“ Bañuelos zuckt die Achseln, nickt, schweigt. Natalia Santos schreibt mit.

Die Bedingungen in Mexikos Psychiatrien zählen laut Experten wie Robert Okin zu den schlechtesten weltweit. Noch immer werde das institutionalisierte Modell des 19. Jahrhunderts praktiziert. In Gesprächen mit den Patienten haben die Mitglieder von DRI festgestellt, dass Folter und unmenschliche Behandlung nicht selten sind, dass kaum eine individuelle Einstellung der Medikamente erfolgt und die bisher einzige Reintegrationsmaßnahme in die Gesellschaft ein monatlicher Restaurantbesuch ist.

Die Gruppe lässt den Neubau hinter sich. Farblos und grau winden sich die Gänge hin zu schmucklosen Betonbauten. Natalia Santos’ braune Augen registrieren alles, ihre Hände halten die Eindrücke schriftlich fest und geraten gelegentlich ins Stocken.

Brabbeln statt sprechen

Ein Patient liegt barfuß auf dem Steinboden. Ein zweiter hockt am Gebäudeeingang, die Hände mit Klebeband gefesselt. Ein dritter kauert im Schneidersitz unter einem Baum, schlägt seinen Kopf ein ums andere Mal auf die Erde. Sie brabbeln statt zu sprechen, torkeln statt zu laufen. Vollgepumpt, ruhig gestellt, fern gesteuert. Drinnen stehen die Pfleger und plauschen.

Vor vier Jahren haben Natalia Santos und DRI die Psychiatrie „Samuel Ramírez“ schon einmal besucht. Damals beschrieb ihr Leiter César Bañuelos das Leben in der Klinik als „Hölle“. Wenn er abends heimkäme, würde er sich wie zerschmettert fühlen. Heute sagt er, es mangele an ausgebildetem Personal und einer Regierung, die einen wirklichen Wandel unterstützt, statt neue Gebäude zu bauen.

In den vergangenen Jahren hat sich Mexiko der Öffentlichkeit als einer der Hauptverfechter der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ von 2008 präsentiert. Im September muss das lateinamerikanische Land seine Entwicklungen und Fortschritte vor der UN-Kommission in Genf vorstellen. „Neubauten wie der im ’Samuel Ramírez‘ sind kosmetische Verschönerungen, die nach außen hin gut aussehen, das wahre Problem jedoch nicht angreifen“, sagt Humberto Guerrero und streicht sich mit der Hand über die Glatze. Eine der dringendsten Forderungen von DRI und dem Colectivo Chuhcan ist es, endlich in die Integration psychisch kranker Menschen in die Gesellschaft zu investieren.

Verlust des Zeitgefühls

Therapiezeit im „Samuel Ramírez“. Natalia Santos und Humberto Guerrero stehen vor einem Dutzend Männer, alle über vierzig. Vor dem Fernseher geparkt, schauen sie gemeinsam eine Telenovela. „Unsere Sozialisierungstherapie“, erklärt die Therapeutin Aracely Domínguez. Natalia fragt, warum die Therapie nicht im Park oder außerhalb der Psychiatrie stattfinde. „Draußen würden sie sich nur verletzen“, sagt die Therapeutin und streicht dem Patienten vor ihr über den Kopf. Santos notiert ihre Antwort.

Die Regierung von Mexiko-Stadt betont, dass die Integration und Resozialisierung der Patienten oberste Priorität habe. „Wir arbeiten hart an einem Wandel weg von den psychiatrischen Anstalten und Langzeitpatienten hin zu sozialen Maßnahmen und alternativen Betreuungsmodellen“, versichert der Regierungsmitarbeiter Eduardo Madrigal. Bis 2015 soll der Wandel abgeschlossen sein. Nach Fertigstellung der Tagesklinik blieben für soziale Maßnahmen in Mexiko-Stadt allerdings weniger als eine Million Euro übrig. Dabei könnten die meisten Langzeitpatienten mit angemessener Betreuung außerhalb der Psychiatrien leben, sagt Experte Robert Okin.

Wie viele Jahre sie hier sind, wissen die meisten nicht mehr. Nach zehn oder zwanzig Jahren haben sie aufgehört zu zählen. Zeit spielt keine Rolle mehr, sie verpassen nichts, schaffen nichts, machen nichts. Sie sind nur, verlassen und vergessen.

Wie im Waisenhaus

In den Schlafsälen des „Samuel Ramírez“ beißt sich der Uringeruch in den Nasenflügeln fest. Kein Bild, kein Erinnerungsstück zeugen von einem früheren Leben der Vergessenen. Ein Mann sitzt mit durchnässter Jogginghose im Rollstuhl, wippt unablässlich vor und zurück – Jaktation nennen Mediziner dieses Zeichen von Vernachlässigung und Vereinsamung, erklärt Robert Okin. Seine Augen suchen die des Mannes, er nimmt dessen Hand in die seine und sie schweigen gemeinsam.

Roberto steht still im Gang. Er ist gelernter Buchhalter, 62 Jahre alt und einer der wenigen, der noch Sätze spricht. Humberto Guerrero fragt ihn, wie sein Tagesablauf aussieht. Einmal pro Woche darf er raus, erzählt Roberto, und seine Augen leuchten auf, dann kauft er sich eine Limo oder einen Schokoriegel am Stand vor der Psychiatrie. Auf die Frage, wie lange er schon hier lebt, grinst er. „Seit Deutschland zum letzten Mal Weltmeister war“, sagt er und meint 1990. Genauso lang hat er seine Familie nicht mehr gesehen. Die Psychiatrien in Mexiko sind auch Waisenhäuser für Erwachsene.

Im Haus der Familie Santos sitzt ein paar Tage später Natalias Vater Celedonio am Mittagstisch und hört zu, wie sie von ihrem Besuch in der Psychiatrie erzählt. Was aus seiner Tochter wird, wenn er einmal nicht mehr ist, daran will der 78-Jährige nicht denken. Seine Augen füllen sich mit Tränen. 340 Euro zahlen sie jeden Monat für Natalias Medikamente – ihr Bruder unterstützt sie, der Staat nicht.

Es klappert, Natalias Mutter räumt die Teller ab, die Tochter verdrückt sich in ihr Zimmer. Durch die schweren Vorhänge dringt kaum Licht, die Wände sind mit selbst gemalten Bildern tapeziert. Natalia Santos hockt auf dem Bett und blickt auf ihren Altar mit den Engel-Statuen. Nach dem Besuch im „Samuel Ramírez“ hat sie sich eingeschlossen und geweint. Aus Mitgefühl für die Vergessenen, die keine Familie wie sie haben. Und aus Dankbarkeit, der „Hölle“ entkommen zu sein.

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