Protest gegen den Frankfurter Flughafen

Aus, Schluss und vorbei

Vor 30 Jahren starben an der Startbahn West zwei Polizisten durch die Schüsse eines Demonstranten. Das Ende einer Protestbewegung.

Ein Tor mit Stacheldraht und der Aufschrift: "1981-2011. 30 Jahre Deutscher Herbst"

Zum Schutz vor Demonstranten: Tor an der Startbahn West am Frankfurter Flughafen Foto: imago/imagebroker

FRANKFURT AM MAIN taz | Die Bilder vom 2. November 1987 stammen aus einem Polizeivideo: Gewalttätige Demonstranten, viele vermummt, rennen gegen die Polizei und die Betonmauer an, die das Gelände der umstrittenen Startbahn West des Frankfurter Flughafens sichern.

Demonstranten schießen mit Leuchtmunition auf Polizisten. Autoreifen und Strohballen gehen in Flammen auf. Als sich schließlich die Polizei formiert und den Demonstranten mit Wasserwerfern in den Wald nachsetzt, fallen Schüsse. Elf Polizisten werden getroffen, unter ihnen der 43-jährige Klaus Eichhöfer und der 23-jährige Thorsten Schwalm. Die beiden sterben noch in dieser Nacht. Zum ersten Mal sind Polizeibeamte in der Bundesrepublik Deutschland bei einer Demonstration getötet worden.

Diese Tat genau vor 30 Jahren markierte einen Wendepunkt.

Im Widerstand gegen den Flughafenausbau war zuvor die größte Bürgerinitiative entstanden, die die Bundesrepublik je gesehen hatte. Mit ihren fantasievollen Aktionen prägte die „Koalition der Grau- und Langhaarigen“ ein friedliches Bild des bürgerlichen Protests gegen die Mächtigen, für die Umwelt und gegen das unbegrenzte Wachstum. Sie organisierten „Sonntagsspaziergänge“. Im Mai 1980 zimmerten sie eine erste Hütte in dem Wald, der für die Startbahn abgeholzt werden sollte.

Es wurde die „Info-Hütte“ der Bewegung. „Startbahnpfarrer“ Kurt Oeser lud zu Gottesdiensten in der Hüttenkirche ein, der Schriftsteller Peter Härtling las in seiner Lesehütte vor. Ältere Frauen aus den Nachbargemeinden kochten eimerweise Suppe. Es wurde diskutiert, informiert, gesungen, getanzt und geschlafen, denn die angekündigte Räumung durch die Polizei sollte unbedingt verhindert werden.

Das endgültige Ende der Protestbewegung

Rosemarie Heilig, heute grüne Umweltdezernentin in Frankfurt, studierte damals Biologie: „Wir haben dort eine Hütte gebaut und Exkursionen angeboten über das Ökosystem ,Wald'. Wir haben natürlich auch da draußen übernachtet. Wir sagten, wir lassen uns nicht verjagen. Ich wäre nicht Politikerin, wenn ich diese Aufbruchstimmung nicht erlebt hätte. Wir haben damals wenig studiert, aber trotzdem viel gelernt.“

Als an der Startbahn die Schüsse auf die Polizeibeamten fielen, war das Hüttendorf allerdings längst Geschichte. Die Startbahn war bereits seit 1984 in Betrieb, die trotzdem immer noch allwöchentlichen „Sonntagsspaziergänge“ hatten nur noch den Charakter zum Ritual gewordener Scharmützel mit der Polizei.

Die Todesschüsse waren das endgültige Ende der Protestbewegung. Rosemarie Heilig erinnert sich an Zorn und Enttäuschung: „Wir haben geflennt, geheult. Wir wussten, jetzt ist alles kaputt, jetzt ist der Widerstand gebrochen. Das war die schlimmste anzunehmende Katastrophe. Eine furchtbare Niederlage. Das hat uns alle paralysiert, auch die Menschen aus der Region, die Familien und die tollen Küchenbrigaden, die für uns gekocht hatten.“

Ministerpräsident Holger Börner

„Heute muss ich für den öffentlichen Frieden eintreten. Aber vor 40 Jahren auf dem Bau hätte ich einen Angriff auf meine Person mit der Dachlatte beantwortet“ (1982)

Unmittelbar nach der Tat wurde der damals 33-jährige Werbegrafiker Andreas E. festgenommen. In dem Rucksack des bereits aktenkundigen militanten Autonomen fand die Polizei die Tatwaffe, eine geraubte Dienstpistole der Marke Sig Sauer, Kaliber 9mm. 1991 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Frankfurt aufgrund von Indizien wegen Totschlags, versuchten Totschlags und verschiedener Anschläge zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. 1997 wurde Andreas E. wieder aus der Haft entlassen. Danach verlieren sich seine Spuren.

Gerhard Kastl, heute 86 Jahre alt, war 1987 Einsatzleiter der hessischen Bereitschaftspolizei. Er gerät ins Stocken, als er über die getöteten Kollegen spricht. „Ich hatte in Hanau eine Abteilung übernommen. Klaus Eichhöfer war da Hundertschaftsführer, wir waren direkt befreundet, ich hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu meinen Mitarbeitern, und dann, auf einmal, als ich dann in der Direktion war, diese Morde an dem Tag, das hat mich derart schockiert. Und dann der junge Thorsten Schwalm. Das hat wehgetan.“

„Keine Gewalt!“

Tatsächlich war mit diesem Tag die Bewegung gegen den Flughafenausbau erledigt, ausgerechnet am Jahrestag ihrer ersten großen Niederlage. Am 2. November 1981 nämlich, exakt sechs Jahre zuvor, hatten die im Hüttendorf eingeteilten „Nachtwächter“ den Überraschungsangriff der Polizei verpennt. Die Polizei konnte das Dorf ohne große Gewaltanwendung räumen. Spätestens als wenige Wochen später der Bau der Startbahn begann, zerfiel die Bewegung. Von da an bestimmten die Militanten das Bild, mit Molotowcocktails, Zwillen, Stahlkugeln und Angriffen, mit denen die Betonmauer des Flughafens zerstört werden sollte.

Auch vor der Räumung des Hüttendorfs war die Gewaltfrage diskutiert worden, erinnert sich Rosemarie Heilig: „Wir waren viele Frauen, wir haben das geübt: unterhaken, sich wegtragen lassen. ‚Keine Gewalt!‘, das haben wir uns immer zugerufen, auch wenn die Polizei kam. Einmal hatte ich blaue Flecken auf dem Rücken, von dem harten Strahl der Wasserwerfer. Ich hatte Angst. Ohne den Zusammenhalt hätte ich das nicht so oft mitgemacht. Die große Mehrheit war immer gegen Gewalt. Da haben Tausende selbst bei klirrender Kälte mit freiem Oberkörper demonstriert.“

Die Gegenseite erlebte das anders. Die Bilder vom angeblich friedlichen Protest hätten ein Trugbild gezeichnet, sagt Einsatzleiter Kastl: „Unsere Beamten hat das fürchterlich belastet. Ich war oft draußen, wenn es sich zugespitzt hat. Und ganz am Anfang die Presse. Die Fotografen standen immer auf der anderen Seite und haben die Polizei fotografiert. Ich habe dann gesagt. Das machen wir anders, wir laden sie ein, damit sie mal von der anderen Seite die Aggressiven auf der anderen Seite fotografieren. Allerdings hat das dazu geführt, dass die verbohrten Demonstranten noch aggressiver wurden, weil sie die Presse teilweise nicht mehr auf ihrer Seite wussten.“

Kastl macht auch die Köpfe an der Spitze der Bewegung für die Eskalation verantwortlich, sie hätten sich seiner Meinung nach nicht deutlich genug von den Gewaltbereiten losgesagt. Ebenso kritisiert er die politisch Verantwortlichen: „Ich glaube, dass unsere Regelgeber zu spät reagieren. Wenn man mit politischen Entscheidungen nicht zufrieden ist, lässt man’s an den Sicherheitskräften aus, an der Polizei, den Feuerwehrleuten, den Sanitätern“, so Kastl zur taz. Dass Andreas E. nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt wurde, findet er bis heute falsch.

Neue Landebahn Nord-West in den 1990ern

Was bleibt? Die Startbahnbewegung hat die politische Landschaft verändert. Aus ihr entstand 1978 zunächst die Grüne Liste Hessen, aus ihr wurden ein Jahr später die hessischen Grünen, die 1985 mit Turnschuhminister Joschka Fischer zur Regierungspartei aufstiegen. Im rot-grünen Koalitionsvertrag wurde damals feierlich versprochen, dass es nach dem Bau der Startbahn West keine Erweiterung des Flughafens mehr geben sollte.

Es kam anders. Ausgerechnet eine rot-grüne Landesregierung brachte in den 1990er Jahren den Bau der neuen Landebahn Nordwest auf den Weg, begleitet von einem Mediationsverfahren. Das bescherte der Region immerhin ein Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr. Dass die Regierenden das Versprechens gebrochen haben, das Wachstum des Flughafens zu begrenzen, kommentiert Polizeiveteran Kastl mit einem bemerkenswerten Satz: „Wenn man das Recht macht, kann man es auch überschreiten.“

Und Rosemarie Heilig, die 2012 als Kandidatin der Grünen für das Amt der Oberbürgermeisterin die Schließung dieser Landebahn gefordert hat, sagt selbstkritisch: „Ich empfinde das immer wieder als Niederlage. Ich fand die Erweiterung des Flughafens damals falsch und finde das auch jetzt falsch. Wir haben eine total verlärmte Region, Menschen leiden körperlich und seelisch, das sage ich, auch wenn ich in einer Koalition manchmal Entscheidungen mittragen muss.“

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