Protest gegen Streichungen von Studiengängen: Gehen, wenn‘s am schönsten ist

Studierende räumten ihr „Bildungscamp“ auf dem Marktplatz nach einer Woche. Trotzdem wollen sie weiter gegen den Wissenschaftsplan 2020 demonstrieren.

Bild: Jan-Paul Koopmann

BREMEN taz | Am Freitagabend, in den letzten Stunden des Bildungscamps, kehrt langsam der Feierabend auf dem Marktplatz ein. An den Gastronomietischen sind nur noch wenige Plätze frei. Nachtwächter führen Touristen über den Platz, ziehen ihr Programm durch: Roland, Rathaus, Dom. Die kleine Zeltstadt vor den Stufen zur Bürgerschaft gehört selbstverständlich dazu. Die Studierenden selbst sind gerade nur aus der Nähe zu entdecken: Gut 20 von ihnen halten ihr Plenum ab. Dicht gedrängt um ein altes Sofa sitzen sie zwischen den Zelten und beraten darüber, ob sie gehen oder bleiben sollen.

Die ganze Woche lang harrten sie hier aus, um gegen den morgen anstehenden Senatsbeschluss zum Wissenschaftsplan 2020 zu protestieren. Eine Kopie des Entwurfs liegt neben einer Kohlrabi-Kiste auf dem Boden. Viele Stellen sind unterstrichen und kommentiert – er wurde mehrfach im Lager herumgereicht und diskutiert. Wird er am Dienstag abgesegnet, erhalten Uni und Hochschule den Auftrag, den Abbau einiger Studiengänge zu prüfen: An der Uni ist davon die Psychologie, an der Hochschule sind Journalistik, Volkswirtschaft, Politikmanagement, Freizeitwissenschaften und Tourismusmanagement betroffen. „Unser Protest wird von vielen Studenten aus Hochschule und Uni getragen – nicht nur von den betroffenen Fachbereichen“, sagt Keno, Zeltlagerbewohner der ersten Stunde, „Bildungspolitik geht alle an.“

Während des Plenums hält ein Polizeiwagen am Camp: Ein Beamter steigt aus, spricht kurz mit einer Studentin über den Stand der Dinge – für seine Übergabe an die Nachtschicht. Im Zeltlager ist das längst Routine: Die meisten nehmen den Polizisten kaum zur Kenntnis. Nach fünf Minuten ist er wieder weg: Das Camp wird vom Stadtamt geduldet.

Eine Art Wohnprojekt

Ihrem ursprünglichen Plan zufolge wären die Studenten schon längst weg. Weil aber der Senat vergangenen Dienstag nicht über den Wissenschaftsplan entschied, beschlossen die Studierenden zu bleiben. Aus der kurzen Versammlung mit 13 Zelten wurde eine Art Wohnprojekt. Anfangs gab es ein paar Probleme mit dem Sicherheitspersonal der Bürgerschaft, sagt Keno, weil die Protestler barfuß durchs Haus gelaufen sind und ihr Gemüse im Besucherbad des Landtags gewaschen haben. Doch das war bald vorbei und die Abläufe eingespielt: Vom Markt um die Ecke gab‘s Gemüsespenden, mit denen gemeinsam gekocht wurde – vegan. Strom lieferte ein Wirt von nebenan, der Uni-Asta sponsorte eine mobile Toilette. „Ansonsten hat unser Bündnis aber nichts mit den Studierendenvertretungen zu tun“, sagt Keno.

Das Plenum entscheidet: Freitag wird abgebaut. Aber erst nach dem Konzert, wenn in der Stadt weniger los ist. „Unser Protest ist nicht an diesen Ort gebunden“, sagt Studentin Anna, „spätestens zur Demo am Dienstag sind wir wieder da.“ Die Entscheidung ist eine taktische: Nicht am Dienstag geschlagen vom Platz ziehen, sondern jetzt die positive Stimmung mitnehmen, woanders weitermachen.

Ordentlich aufgeräumt

Auch sonst wird die Außenwirkung des Camps nicht dem Zufall überlassen: Das Gelände ist zwar vollgestellt mit Material, aber aufgeräumt: der Müll in Tüten am Rand eines Pavillons, leere Flaschen sortiert in Eimern. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Protestcamper nicht nur bei den Touristen gut ankommen. Bürgermeister Jens Böhrnsen und Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (beide SPD) haben mit den Studierenden diskutiert, GEW und Linke sich mit ihnen solidarisch erklärt.

Sogar Wutbürger Martin Korol soll hier im Lager gestanden und seine Hilfe als Abgeordneter angeboten haben, berichtet Anna. Die Studenten hätten ihn allerdings erkannt – und verzichtet. Auch wenn Sie sich keiner bestimmten Szenefraktion angeschlossen haben, verstehen sich die CamperInnen als links. In ihren Workshops diskutieren sie Theorietexte, ein Film über die alternative Wohnsiedlung Christiania in Kopenhagen wurde gezeigt. Freitag diskutieren zwei noch gegen Mitternacht angeregt über Foucault.

Sie wollen weitermachen

Um halb eins wird das erste der 13 Zelte zusammengefaltet. Ein Transporter fährt vor, die Küche wird eingepackt. Noch sitzen knapp 30 BesucherInnen auf dem Boden, spielen Gitarre, trinken Wein und reflektieren die vergangene Woche. Für einige von ihnen war dies die erste größere politische Aktion. „Ich hätte nicht gedacht, dass die uns hier einfach machen lassen“, sagt eine. Andere reden darüber, auch nach der Demo am Dienstag weiter in der Gruppe zu arbeiten.

Die Zelte aber sind am Samstagmorgen verschwunden. Nur deren Grundrisse haben die Studenten in bunten Farben auf dem Boden zurückgelassen. „Wir sind ja nicht weg“, hatte nachts noch jemand gesagt, „nur woanders.“

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