piwik no script img

Projekt „Entdecke das High-Deck in Dir!“Mehr als ein brennender Bus

Eine Wanderausstellung soll das Image der High-Deck-Siedlung in Neukölln verbessern. Be­woh­ne­r:in­nen erzählen vom Leben dort und was sie bewegt.

Enes Erol ist Teil des Projekts „Entdecke das High-Deck in Dir!“ Foto: Martha Lippert

Aus Berlin

Martha Lippert

Enes Erol wohnt in der High-Deck-Siedlung in Neukölln. Seine Familie besitzt die Bäckerei „Die Zimtschnecke“ im Sonnencenter, das am Eingang der Großsiedlung liegt. Zwar habe das Center einen schlechten Ruf, doch der Laden gelte mittlerweile als Institution, erzählt er. „Das Sonnencenter ist nicht so negativ, wie alle denken“.

Im zweiten Obergeschoss des Rathauses Neukölln stehen derzeit zehn lebensgroßen Aufsteller. Darauf sind Menschen abgebildet, die in der High-Deck-Siedlung wohnen. Erol ist einer von elf Teilnehmenden der Wanderausstellung „Entdecke das High-Deck in Dir!“. Das Projekt erzählt via Aufsteller und Interviews, die über QR-Codes abrufbar sind, die individuellen Geschichten seiner Bewohner:innen. Es soll helfen, die Siedlung positiv sichtbar zu machen.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel betont bei der Eröffnung in der vergangenen Woche, dass die High-Deck-Siedlung und ganz Neukölln in den Medien nicht so widergespiegelt werden, wie sie eigentlich seien. „Auch die High-Deck-Siedlung stand oft mit anderen Themen in den Schlagzeilen, als eigentlich das Leben vor Ort ausmachen“, so Hikel. „Es geht nicht immer nur um den brennenden Bus.“ Einerseits sei die Siedlung Baukultur, andererseits auch ein Ort, wo Menschen sehr gern leben, sagt er.

„Neukölln ist mehr als die Summe seiner Probleme“, führt Hikel weiter aus. Stattdessen sei der Bezirk durch das nachbarschaftliche Miteinander seiner Be­woh­ne­r:in­nen geprägt. „Ausnahmen machen die Schlagzeilen, bestätigen aber auch die Regel“, meint er.

Neukölln überall

Laut Projektleiterin Martha Kauffmann startete das Projekt im Herbst 2025. Ab dem 25. März ziehe die Ausstellung weiter, es seien Stopps in Marzahn und Lichtenberg geplant. „Bis Ende des Jahres wollen wir in jeden Bezirk“, meint Kaufmann.

Kauffmann leitet das gemeinnützige Unternehmen MALI, das die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement High-Deck-Siedlung/Sonnenallee Süd gestaltet hat. Zur Eröffnung damals erschienen auch viele Be­woh­ne­r:in­nen des Wohnkomplexes. „Das Projekt soll nicht nur nach außen wirken, sondern auch nach innen. Die Menschen sollen wieder stolz sein können auf ihre Siedlung“, meint Kauffmann.

Projektleiterin Martha Kauffmann Foto: Martha Lippert

Potenzial für frischen Wind

Enes Erol wünsche sich, dass die Siedlung für mehr als einen brennenden Bus bekannt wird. „Lasst uns mit der Politik zusammen etwas Neues gestalten“, fordert er. Architektonisch sei die Siedlung interessant für Studierende und Stadtplaner:innen. Besonders ist, dass die Wohnblöcke des Gebäudekomplexes in der Sonnenallee durch „High-Decks“, hochgelagerte Wege über der Verkehrsebene, verbunden sind. „Da ist genug Potenzial, um der Gegend ein bisschen frischen Wind zu geben“, sagt er.

Es sei wenig in High-Deck investiert worden, klagt Erol. „Wir wohnen alle da, meine Brüder, meine Eltern. Natürlich bin ich daran interessiert, die Siedlung etwas attraktiver zu gestalten“. Es müsse mehr für Sauberkeit getan werden, Grünflächen angelegt und Angebote für Kinder geschaffen werden. „Es geht mir nicht um das Finanzielle, sondern einfach um das Soziale“, betont er.

Außerdem hat Erol den Eindruck, dass die Siedlung von Hausverhaltung zu Hausverwaltung weitergereicht wird. „Es vermittelt das Gefühl, dass du von der Politik vergessen wirst“, sagt er. Die Eigentümerin Howoge würde nur selten auf Beschwerden reagieren. Dagegen habe sich sogar eine Kiezinitiative gebildet.

Es macht mich sauer, wenn Menschen uns darstellen, als seien wir gefährlich.

Meriame Haase

Meriame Haase ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern und wohnt seit Ende 2011 in der High-Deck-Siedlung. Dort kenne sie fast jede:n. „Wir sind friedliche Menschen in der Siedlung“, betont sie. Probleme gebe es überall. Aber gerade die Menschen in der Siedlung würden oft über einen Kamm geschoren, es werde Schlechtes über sie erzählt. „Wir sind nicht so“, betont Haase. „Es macht mich sauer, wenn Menschen uns darstellen, als seien wir gefährlich.“

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare