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Probleme in VW-Stadt WolfsburgWenn die Konzerntochter absteigt

Nach 29 Jahren Bundesliga könnten beim VfL Wolfsburg bald die Lichter ausgehen. Der Verein könnte in die 2. Liga absteigen.

Sparsame Blicke, Abstiegsangst in Wolfsburg Foto: Christian Schroedter/imago
Peter Unfried

Aus Wolfsburg

Peter Unfried

Am 11. Juni 1997 ging Axel Bosse ins Stadion am Elsterweg und erlebte dort, wie der VfL Wolfsburg durch ein 5:4 gegen Mainz 05 in die Fußballbundesliga aufstieg. Seither hat er eine Dauerkarte, inzwischen in Block 26 der VW-Arena. Genauer gesagt zwei Dauerkarten, die andere ist für seinen Sohn Jan. Der war damals 14 und gehört damit zur ersten Generation, die mit dem Bundesligisten VfL Wolfsburg als fester Bestandteil der Fannormalität aufgewachsen ist. Seit 29 Jahren ist man jetzt in der 1. Liga, nie abgestiegen, das ist im Grunde eine veritable Tradition.

Doch nach dem 0:1 gegen Werder Bremen vor zwei Wochen gingen Vater und Sohn und noch ein paar andere nach Hause und brummten: „Das war’s.“ Platz 17, zwei Punkte aus den letzten acht Spielen und kein Hinweis darauf, dass man auch mal wieder gewinnen könnte. Die einen sagten: „Das war’s für mich“. Die anderen überlegten, ob sie künftig zu den VfL-Frauen gehen sollten, die zwar auch nicht mehr so gut wie früher sind, aber immer noch Champions League. Und Axel Bosse, 74, sagte zu seinem Sohn: „Wir gehen auch in der 2. Liga hin.“

In Berlin war gerade im Deutschen Theater eine Veranstaltung über Fußball und Politik. Moderator Christoph Biermann kündigte einen Clip über die schlimmsten Eskalationen des wunderbaren Sports an, worauf jemand aus dem Publikum „Wolfsburg!“ rief. Es kamen dann aber Trump und Infantino. Das zeigt, wie wenig sich zum Restaurativen neigende Traditionalisten auch nach fast drei Jahrzehnten mit dem Klub und seinen Umständen arrangiert haben.

Auch Populisten landen derzeit einen sicheren Treffer, wenn sie Wolfsburg den Abstieg wünschen. „Dem VfL weint außerhalb von Wolfsburg niemand eine Träne hinterher“, sagte Bild-Kolumnist Alfred Draxler – und liegt wieder einmal falsch. Selbstverständlich würden Menschen weinen. Die moralisch fragwürdige Logik besteht darin, dass es sich bei Fans von Schalke, Dortmund, Köln und Hertha um „echte Liebe“ handele, bei Anhängern des VfL Wolfsburg um eine Handvoll Fans mit zweitklassigen Gefühlen. Weshalb ein Abstieg auch ethisch gesehen völlig berechtigt oder gar notwendig sei.

100 Prozent

Nun spielt es selbstverständlich eine Rolle, dass die VfL Wolfsburg Fußball-GmbH eine 100-prozentige Tochter des Volkswagen-Konzerns und die Regel außer Kraft gesetzt ist, nach der 50+1 Prozent der Anteile im Besitz des Vereins sein müssen. Offiziell wird der Klub also, wie auch Bayer Leverkusen und RB Leipzig, von einem Konzern gesteuert. Doch das mediale Geraune von den „mächtigen VW-Bossen“ ist in diesem Kontext vermutlich sehr weltfremd. Zwar sind etwa der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume und auch die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo im Aufsichtsrat, aber dessen Besetzung hat mit Fußballsachverstand nichts oder wenig zu tun.

Vor allem: Der VfL hatte nie Priorität im VW-Hochhaus am Stammwerk. Derzeit haben die Automanager erst recht anderes zu tun, da in China nicht mehr viel geht und man in den USA mit Trumps Zöllen kämpft. Zwar geht es mit der Elektroflotte voran, aber Porsche hat Probleme, Audi hat Probleme, laut FAZ „verfestigt sich das Bild eines Unternehmens, dessen Komplexität nicht zu steuern ist“.

Im Gegensatz dazu ist ein Spitzenfußballklub eine überschaubare Sache. Wenn man in den entscheidenden Positionen eine Handvoll gute Leute hat, ist schon viel gewonnen. Das scheint beim VfL indes nicht mehr der Fall zu sein. Die Meisterschaft gewann man 2009, den Pokal 2015. Seit Jahren geht es abwärts, tabellarisch seit dem Abschied von Trainer Oliver Glasner, der den Klub 2021 ein drittes und bisher letztes Mal in die Champions League führte. Seither verbuchte man die Saisonplätze 12, 8, 12 und 11.

Vor allem aber wurde der Kader kontinuierlich nicht verbessert. Pars pro toto steht, man muss es uncharmanterweise sagen, die Verpflichtung des Mittelfeldspieler Lovro Majer, der 2023 für offenbar 25 Millionen Euro gekauft und vom damaligen Trainer Niko Kovac als eine Art jüngerer Luka Modric angekündigt wurde. Nun gehört etwas Fantasie bei Spielerverpflichtungen stets dazu, doch die Realität ist bis heute weit davon entfernt. Sicher ist der Trainer in jedem Fußballklub die entscheidende Personalie, aber Trainerbesetzung und Kaderzusammenstellung verantwortet der Sportdirektor, das war anderthalb Jahre bis zu seiner Entlassung am 8. März der Däne Peter Christiansen. Er sprach Englisch und sorgte durch die Kaderzusammenstellung dafür, dass auch mit dem Team Englisch gesprochen wurde. Damit fremdelten sie in Wolfsburg etwas.

Dänen siegen nicht

Christiansen kam aus Kopenhagen und holte eine Reihe Profis vor allem aus Dänemark, alle nicht schlecht, aber eben auch keine Verstärkungen, sodass irgendwann aus dem Michael Holm-Song „Tränen lügen nicht“ und seiner Adaption durch Otto Waalkes („Dänen lügen nicht“) der Slogan wurde: „Dänen siegen nicht.“ Als Trainer hatte Christiansen zu Saisonbeginn den Newcomer Paul Simonis geholt, der in den Niederlanden in seinem ersten Jahr als Cheftrainer mit einem kleinen Klub erfolgreich war. Respektabel und mutig, aber hinterher ist man immer schlauer.

Beziehungsweise in diesem Fall nicht, denn der bereits taumelnde VfL machte nach dessen Entlassung seinen unerfahrenen U19-Trainer Daniel Bauer zum Chef – und es klappte überhaupt nicht. Der Punkteschnitt von 0,5 pro Spiel war sogar noch deutlich schlechter als der von Simonis (0,92). Jetzt soll der zweifellos erfahrene Dieter Hecking noch etwas retten, der 2015 Vizemeister und Pokalsieger mit dem VfL wurde. Doch retten sollte er im vergangenen Jahr auch den VfL Bochum – und der ist jetzt in der 2. Liga. Als Hecking kam, wurde erst mal der Teambusfahrer als angeblicher Unruhestifter entlassen, das dürfte allerdings nicht das entscheidende Problem gewesen sein.

Das sichtbare Problem ist der Fußball. Seit Niko Kovac’ Zeiten weitestgehend unansehnlich, aber immerhin handwerklich ordentlich strukturiert. Ersteres ist geblieben, Zweiteres nicht. Der „wild zusammengestellte Kader“, wie ein Insider sagt, ist hinten qualitativ zu schwach, im Mittelfeld zu langsam und vorne ohne Torjäger. Zwar wird bei jeder Fernsehübertragung von sogenannten Experten behauptet, der Kader sei „individuell stark“, aber auch das stimmt nicht. Es gehörte zum Prinzip, hochtalentierte Spieler zu verpflichten, mit der Aussicht, sie zum Wohl des Teams agieren zu lassen und zum Wohl des Haushalts teuer zu verkaufen. Micky van de Ven und Felix Nmecha sind zwei Profis, bei denen das gelang. Doch seither liest sich die Liste der Zu- und Abgänge wie eine Hommage an Felix Magaths schlimmste Zeiten, als die halbe Gegengerade mit seinen nicht bundesligatauglichen Einkäufen voll saß.

„Es ist schon schwer, derzeit zuzuschauen“, sagt Axel Bosse. „So ein Gefühl von Apathie haben wir noch nie erlebt.“ Nun macht der Vorwurf immer gern die Runde, die Profis identifizierten sich nicht mit dem VfL und der Stadt Wolfsburg und „kämpften“ auf dem Platz nicht genug. „Einsatz ist nicht verhandelbar“, stand gegen Bremen auf einem Anklageplakat in der Nordkurve. Auch das muss man vermutlich differenziert sehen. Man könnte auch sagen, dass es primär Ratlosigkeit ist, weil die Profis nicht wissen, was tun, außer sich den Ball hin und her zu schieben und auf Eckbälle zu hoffen. Es gibt schon auch Spieler, die sich ernsthaft bemühen, Teil der Community zu sein, in der sie zumindest temporär leben. Aber vermutlich könnte man über Kapitän Maximilian Arnold hinaus noch gestandene Profis brauchen, die seit vielen Jahren den Klub in seiner lokalen Verankerung repräsentieren.

Der VfL hat es nie ganz geschafft, ein Regionalklub zu werden, auch weil man etwas ungünstig liegt. Auf der einen Seite liegt Braunschweig mit eigenem Fußballklub, auf der anderen Sachsen-Anhalt. Die Stadt Wolfsburg hat zwar knapp 130.00 Einwohnende, aber nur einen kleinen Kern mit VW-Werk, Bahnhof, Autostadt, Outlet, ein paar Museen und der Fußgängerzone. Drum herum liegen viele und ländlich geprägte Eingemeindungen und Stadtteile. Einer davon ist Detmerode, wo Axel Bosse lebt und sich politisch engagiert.

Eigentlich ist er Kulturpolitiker und für die Grünen seit vielen Jahren aktiv. Inzwischen ist er Ortsbürgermeister, „weil CDU und SPD keinen Bock mehr hatten“. Bosse hat sein Berufsleben selbstverständlich auch bei VW verbracht.

Detmerode steht für die untrennbare Geschichte von VW und Wolfsburg, wuchs in den 1960ern durch den Boom des VW Käfers und den Zuzug von VW-Beschäftigten auf bis zu 15.000 Einwohner. Heute lebt da nur noch die Hälfte, die Kinder sind längst aus dem Haus und oft ist nur noch eine Witwe pro Haus oder Wohnung übrig. Das soll jetzt nicht nach Doom klingen, Wolfsburg ist immer noch verhältnismäßig wohlhabend, die VW-Rentner sind in der Regel ordentlich versorgt.

Aber Zukunftsoptimismus ist nicht gerade flächendeckend verbreitet. „Die Ratlosigkeit beim VfL deckt sich mit der Ratlosigkeit der ganzen Stadt“, sagt Bosse. „Keiner weiß so recht weiter.“

Die Älteren fühlen sich an Anfang der 1990er erinnert, als es ziemlich düster aussah. Damals verhinderte Peter Hartz’ Viertagewoche Massenentlassungen, und richtige Strukturreformen und bessere Autos brachten das Unternehmen, die Stadt und die Stimmung wieder nach vorn. Eine ähnliche Entwicklung ist derzeit nicht abzusehen, weshalb die Fußballmisere tatsächlich und richtigerweise nur eine Nebenrolle spielt. Gleichzeitig ist es nicht so, dass man einen realen Zusammenhang zwischen einem Verlust von mutmaßlich 50.000 Arbeitsplätzen über alle Konzernmarken hinweg und den Zuwendungen an den VfL herstellen kann. Selbstredend wird ein Populistenmedium wie Bild das konstruieren, aber der frühere Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn hat Fußball ziemlich bei VW verankert und faktisch sind die kolportierten 70 bis 80 Millionen Euro Zuwendungen Peanuts im Vergleich zu anderen Ausgaben.

Es würde also auch in der 2. Liga weitergehen, vermutlich mit weniger Geld, weniger Zuschauern und einem Etat, der darauf ausgerichtet ist, möglichst schnell in die Bundesliga zurückzukommen. Aber noch ist es nicht soweit. Axel Bosse hat das Restprogramm durchgeschaut. Am letzten Spieltag der Saison muss man zum FC St. Pauli, der derzeit mit 3 Punkten Vorsprung auf dem Relegationsplatz liegt; wenn man da gewinnt, könnte es sein, dass man doch noch 16. wird und sich dann ein drittes Mal über die Relegation rettet. Wenn man das Team spielen sieht, dann spricht nichts dafür, das sieht auch Bosse so. Aber, sagt er: „Man hofft ja trotzdem immer noch.“

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