Priester über sexualisierte Gewalt in der Kirche: „Brutal und verletzend“

Alf Spröde hat lange als katholischer Priester gearbeitet, bevor er als schwuler Mann diskriminiert wurde. Als Kind erfuhr er sexualisierte Gewalt durch einen Priester.

Nachtaufnahme des Dom in Köln.

Bevor sich Alf Spröde an frühere sexualisierte Gewalt erinnerte, arbeitete er gerne als Priester Foto: Oliver Berg/dpa

taz: Herr Spröde, Sie haben als Jugendlicher von einem katholischen Priester sexualisierte Gewalt erfahren – und sind trotzdem später katholischer Priester geworden. Können Sie das erklären?

Alf Spröde: Zum einen habe ich die Vorkommnisse, nach heutigen Erkenntnissen, kurz danach verdrängt. Das ging damals noch. Dann hat der Täter, ein kluger, charismatischer Priester, das manipulativ mir gegenüber so hingedreht, dass dieser Missbrauch* eine Art geheimer Initiationsritus sei, um in die Kaste der Priester hineinzukommen – und er wusste, dass ich erwog, katholischer Priester zu werden.

Auch das ist ein wenig seltsam, denn eigentlich waren Sie ja evangelisch.

Ja – aber ich war immer berührt von der katholischen Welt, schon damals. Und nach ein paar Semestern evangelische Theologie bin ich später konvertiert, bin also katholisch und auch katholischer Priester geworden.

geboren 1965, hat Katholische Theologie, Psychologie und Kunstgeschichte in Bonn und Wien studiert. Ist Diplom-Theologe und hatte seine Priesterweihe 1996. Bis 2014 war er im Erzbistum Köln tätig, seitdem arbeitet er freiberuflich in seiner eigenen Praxis.

Sie wurden offenbar ein ziemlich guter katholischer Priester, waren Jahre später leitender Geistlicher für mehrere Pfarreien – und als Sie versetzt werden sollten, gab es öffentliche Proteste zu Ihren Gunsten, weil Ihre Gemeindemitglieder Sie nicht verlieren wollten.

Ja, ich war auch glücklich mit meiner Arbeit. Aber etwa um das Jahr 2008 kamen plötzlich, wie in einem Film, die Erinnerungen an den Missbrauch zurück, den ich total verdrängt hatte. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, und habe den Missbrauch deshalb 2011 dem damaligen Personalchef Stefan Heße im Erzbistum Köln gemeldet. Er ist jetzt Erzbischof von Hamburg.

Und Heße ist gerade sehr im Feuer, manche glauben gar, dass er zurücktreten müsse, da ihm für seine Zeit als Verantwortlicher in Köln vorgeworfen wird, gegenüber Opfern sexualisierter Gewalt wenig Empathie und wenig Engagement gezeigt zu haben.

Bei mir war das ähnlich. Ich hatte ihm gesagt, dass ich den Missbrauch erst einmal nur festgehalten und zu den Akten gelegt haben wollte – aber Heße hat darüber hinaus anscheinend überhaupt nichts gemacht. Der Priester, der mich missbraucht hat, und offenbar nicht nur mich, war ein paar Jahre zuvor gestorben.

Erzbischof Heße ist offenbar der Hauptverantwortliche dafür, dass eine schon fertige Studie des Erzbistums Köln zur sexualisierten Gewalt in den vergangenen Jahrzehnten im Erzbistum nicht veröffentlicht wird – er pocht auf seine Persönlichkeitsrechte. Finden Sie, er sollte zurücktreten?

Es ist nicht an mir, einen Rücktritt, von wem auch immer, zu fordern, aber Heße hat als hochrangiger Vertreter des Systems definitiv Schuld auf sich geladen – und bisher ist noch kein Verantwortlicher oder gar Bischof wegen des Missbrauchsskandals zurückgetreten. Das wäre ein wichtiges Signal für die Opfer des Missbrauchs. Aber seine öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema lesen sich zwischen den Zeilen zum Teil wie Drohungen: Wenn ich zurücktrete, packe ich aus und erzähle, wer noch alles im Erzbistum Köln in Sachen Missbrauch Schuld auf sich geladen hat.

Die Entscheidungen, wie man mit den Informationen zur sexualisierter Gewalt umgehen soll und ob man etwas macht, wurden über Jahre im Erzbistum Köln offenbar im Kollektiv getroffen. Entscheidend war aber das Votum vom verstorbenen Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und seiner damaligen rechten Hand Rainer Maria Woelki, der nun Erzbischof von Köln und Kardinal ist.

Das ist richtig, weshalb ich sicher bin, dass Kardinal Woelki auch seine nicht geringe Verantwortung aufzuarbeiten hat.

Warum sind Sie schließlich vor sechs Jahren aus dem Priesteramt ausgeschieden?

Als schwuler Mann sollte ich im Zuge einer Bistumsintrige mit Hilfe von angeblich anonymen Anzeigen gezwungen werden, mich von einer Bewerbung für eine Aufgabe zurückzuziehen. So sollte ich mich von meiner Sexualität distanzieren. Das war lächerlich, denn es war bei mir definitiv kein Geheimnis, so wenig wie auch bei vielen anderen Kollegen.

Das brachte das Fass bei Ihnen zum Überlaufen.

Ja. Ich empfand das als erneuten Missbrauch. Ich sollte meine Homosexualität verleugnen, Sexualität als Vehikel für den eigentlichen Missbrauch von Macht. Brutal und verletzend. Deshalb bin ich aus dem Priesteramt ausgeschieden.

Ist Ihnen das schwergefallen?

Ja, natürlich. Ich war ja gerne Priester! Außerdem war natürlich meine Existenz bedroht. Zum Glück konnte ich mich recht schnell beruflich neu aufstellen.

Haben Sie vonseiten der Kirche jemals irgendeine Art von Empathie erfahren?

Von den einfachen Gläubigen schon, sogar sehr viel. Vom Erzbistum aber überhaupt nicht. Es gab ein letztes Gespräch mit Kardinal Woelki in seinem Büro. Er war eiskalt. Er begrüßte mich mit „Pfarrer Spröde“ und verabschiedete mich mit „Herr Spröde“. Und weder von ihm noch von Stefan Heße habe ich je ein Wort des Bedauerns über den an mir begangenen Missbrauch oder über mein Ausscheiden als Pfarrer gehört.

Sie haben als anerkanntes Opfer sexualisierter Gewalt 5.000 Euro erhalten.

Ja, aber das war mir egal – ich habe das Geld sofort gespendet.

Sind sie noch katholisch?

Ob ich immer noch katholisch bin, kann ich gar nicht für mich definieren – allerdings aus der Institution bin ich ausgetreten.

Finden Sie, dass Kardinal Woelki als Erzbischof zurücktreten sollte?

Ich würde das begrüßen. Das Entscheidende ist aber, erst einmal die Verantwortung zu übernehmen – welche Konsequenzen daraus entstehen, ist der nächste Schritt. Allerdings ist ja der erste Schritt noch gar nicht getan. Und auch Woelki war mitverantwortlicher Teil des Systems

Vor kurzem haben die katholischen Bischöfe beschlossen, dass die Opfer, auch die, die schon etwas erhalten haben, eine Anerkennungszahlung für das erlittene Leid erhalten sollen. Einheitlich in ganz Deutschland und maximal 50.000 Euro. Das ist keine Entschädigung, was die meisten Opfer sexualisierter Gewalt fordern, auch weil diese wohl höher wäre. Was halten Sie von dieser Regelung?

Das entspricht sicher nicht in vielen Fällen dem erlittenen Leid. Aber ich verstehe, wenn viele Missbrauchsopfer das nun annehmen, da viele von ihnen schon alt sind und keine Zeit mehr zu verlieren haben. Bis sie eine vielleicht höhere Entschädigung vor Gericht erstritten haben, könnte zu viel Zeit verloren gehen.

Wollen Sie selbst erneut Geld vom Erzbistum fordern? Beantragen kann man es ab Anfang kommenden Jahres.

Ja. Aber es geht mir nicht ums Geld, sondern darum, dass die Kirche endlich ansatzweise ihre systemische Verantwortung zeigt. Verantwortung ist aber mit Konsequenzen verbunden, die oft auch schmerzhaft sind. Das ist sie den Opfern schuldig. Wichtiger aber wäre mir, wenn es auch personelle Konsequenzen geben würde. Dafür wäre es höchste Zeit.

*Anmerkung der Redaktion: Ein Reformpaket zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder vom Bundesjustizministerium vom 01. Juli 2020 regt an das Wort „Missbrauch“ nicht mehr zu verwenden, da es „suggeriert, es gebe auch einen legalen ‚Gebrauch‘ von Kindern.“ Wir schreiben daher von sexualisierter Gewalt, die sich gegen Kinder richtet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de