Pride Parade in Marzahn: Queer am Stadtrand
Rund 1.000 Menschen kamen zur Marzahn-Pride. Rechte Gegenproteste wie im Vorjahr blieben aus. Doch die Bedrohung von rechts ist dort weiterhin Alltag.
Rund um den bunt geschmückten Lautsprecherwagen beginnen viele zu tanzen, als der schnelle Beat aus den Boxen ertönt. Ein russischsprachiger Song. „Darin geht’s um den Regenbogen – a very gay one“, übersetzt die Person auf dem Wagen für diejenigen auf der Parade, die kein Russisch verstehen.
Mit bunten Fahnen, Musik und Seifenblasen ziehen die Pride-Teilnehmer:innen dann über die Allee der Kosmonauten. Laut Polizei fanden sich rund 1.000 Menschen zusammen, um in Marzahn für queere Sichtbarkeit zu demonstrieren: „Here & Queer. Loud & Proud“, ist auf einem Plakat zu lesen. „Wenn wir hier sind, wo alles bunt ist, fühlen wir uns total repräsentiert. Aber 500 Meter entfernt merkt man dann: Man ist irgendwie alleine“, sagt ein Marzahner auf der Demo. „Ich kenne einige Leute, die sich nicht getraut haben, heute hier zu sein“, sagt er. Und dass er sich mehr Anstrengungen dafür wünsche, auch von der Politik, dass Menschen sich sicher genug fühlen, um hinzugehen. „Dass alle, die heute Angst hatten zu kommen, in Zukunft keine Angst mehr haben müssen.“
Zum siebten Mal jährt sich die Marzahn-Pride, organisiert von Quarteera e.V., einem Verein, der sich für russischsprachige Queers einsetzt. Im vergangenen Jahr hatte die rechtsextreme Jugendorganisation „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) gegen die Pride mobilisiert. Zwar hat es in diesem Jahr keine nennenswerte Mobilisierung aus der rechten Szene gegeben, doch eine Bedrohung sei trotzdem spürbar: „Ich habe in den letzten Wochen weit mehr Sticker abgerissen und überklebt, als in den Monaten davor“, sagt eine weitere Demoteilnehmerin aus dem Bezirk: Sie fühle sich nicht immer sicher. „Heute hab ich auf meine große Pride-Flagge verzichtet, weil ich ja auch erstmal hier herfahren musste und mir dachte, das ist nur eine kleine Pride, vielleicht besser ohne.“
Demoteilnehmerin aus Marzahn
Unsicher fühle er sich im Kiez meistens nicht, sagt ein anderer Marzahner auf der Demo. „Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass man mir nicht ansieht, dass ich queer bin“, meint er. Das Regenbogenarmband, was er heute trägt – manchmal lasse er es weg, wenn er kurzärmlig unterwegs sei, „wegen komischer Blicke“. Eine Teilnehmerin der Demo, ebenfalls aus Marzahn, weist auf die starke Präsenz des III. Wegs im Bezirk hin: „Die sind sehr gut organisiert mittlerweile.“ Laut Berliner Register steigt die Zahl rechtsextremer Übergriffe generell an. „Ich wohne da, wo die rechten Demos meistens starten, wenn sie durch Marzahn ziehen“, sagt eine Teilnehmer:in, „und ich höre immer, wie laut diese Leute sind, obwohl es ja angeblich ‚nur‘ so wenige sind.“
Solidarität aus der Innenstadt
Viele kommen auch aus innerstädtischen Bezirken und sind aus Solidarität dabei: „Ich find es so wichtig, dass man zur Pride kommt und die Leute supported, die das hier jeden Tag durchmachen“, sagt eine Person. Im Vorfeld hatte eine antifaschistische Gruppe aufgerufen, die Veranstaltung vor rechten Akteuren zu schützen.
Am Rande der Demo filmt ein bekanntes Gesicht der Neonazi-Szene: Sebastian Schmidtke, ehemals stellvertretender Parteivorsitzender der NPD, die sich heute „die Heimat“ nennt. „Unsere größten Fans“, sagt eine Demoteilnehmerin ironisch – bezogen auf Neonazis, welche die Pride Jahr für Jahr „begleiten“. „Von Anfang an sind sie dabei. Filmen uns, stellen das ins Internet. Aber die sind weniger als wir“, sagt sie. Schon die erste Marzahn-Pride von Quarteera habe sie mitorganisiert. Eine Gruppe empfängt Schmidtke mit lauten „Nazis raus“-Rufen, sie schirmen die Demo mit Regenschirmen ab.
„Es gibt Leute, die uns hassen, die wollen, dass wir verschwinden“, meint eine junge Frau. Nicht zu verschwinden, sondern „zu zeigen: Wir sind hier“ – das sei wichtig. In dem Sinne lautete das Motto der diesjährigen Pride: „Sichtbarkeit ist Widerstand“. Es bedeute auch, „Mut zu haben, sich nicht anzupassen“.
Am frühen Nachmittag, die Wolken verdichten sich, findet die Demonstration ihren Endpunkt am Victor-Klemperer-Platz. Der Platz ist gesäumt von Ständen verschiedener Initiativen: Das Antigewalt-Projekt der Schwulenberatung ist da, aber auch der Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V. (BVRE), die größte migrantische Selbstorganisation der Post-Ost-Community.
Mitorganisatorin der ersten Marzahn-Pride
Dass diese mit einem Stand dabei sind, das sei ein großer Erfolg, sagt eine Frau von Quarteera. Sie hatte die erste Marzahn-Pride mitorganisiert und ist dieses Jahr als Teilnehmerin dabei. „Das ist das beste, was ich mir zu Beginn meiner Arbeit hätte wünschen können, dass wir inzwischen jedes Jahr Stände von russischsprachigen Organisationen haben“, freut sie sich. Denn bei der konstanten Bedrohung von rechts geht etwas unter, warum Quarteera ursprünglich mit der Marzahn-Pride auf die Straße ging. Sie wollten damals gegen Anfeindungen und mangelnde Akzeptanz in der eigenen russischsprachigen Community ein Zeichen setzen und die Queers in Marzahn ermutigen, sich auch dort offen zu zeigen.
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