Pressefreiheit in der Türkei

„Mehr Repression, mehr Satire“

Serkan Altuniğne zeichnet für das Satiremagazin „Penguen“. Ein Gespräch über politische Kunst, eine kluge Jugend und den Humor der Mächtigen.

Ausschnitt aus einer Karikatur

Ausschnitt aus einer aktuellen Zeichnung: „Dass es in der Türkei keine Pressefreiheit gibt, ist eine Lüge… Ich kann als Journalist schreiben, was ich will“ Illustration: Serkan Altuniğne

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In der Redaktion der Zeitschrift „Penguen“ in Istanbul ist es ruhig und ordentlich. Vielleicht weil wir kurz nach Feierabend eintreffen. Verwunderlich ist es trotzdem. Denn wenn man ein Exemplar des wöchentlich erscheinenden Magazins durchblättert, das zu den letzten Vertretern der Satiretradition in der Türkei gehört, bekommt man einen ganz anderen Eindruck von der Redaktion: aufmüpfig, fies und oppositionell. Das ist ihr wahrer Geist. Satiremagazine in der Türkei vermehren sich üblicherweise durch Spaltung. Eine Handvoll Autoren und Karikaturisten verabschiedet sich irgendwann von ihrem Magazin und gründet ein neues.

So wurde „Penguen“ 2002 von Karikaturisten und Autoren ins Leben gerufen, die sich von der Zeitschrift „Leman“ getrennt hatten. Das Blatt erscheint mit rund 25.000 Exemplaren pro Woche. Jeder Zeichner und Texter hat seine Kolumne, aber für das Cover und die ersten beiden Seiten mit der aktuellen türkischen Tagesordnung setzen sich alle zusammen. Mit diesen Seiten machen sich Satiremagazine wie „Penguen“, „Uykusuz“ oder „Gırgır“ mitunter schärfste Feinde. Deshalb ist ihnen jede Art von Repression zur Gewohnheit geworden, so wie eine treue Leserschaft.

taz.die günlük gazete: Serkan, als du anfingst, für „Penguen“ zu zeichnen, hast du dich kaum um Politik gekümmert. Später wurdest du politischer. Wie kam das?

Dünya basın özgürlüğü günü 3 Mayıs 2016'da taz 16 Türkçe-Almanca özel sayfa ile yayınlandı. Türkiye'de çalışan gazetecilerle birlikte hazırlandı. Cünkü basın özgürlüğü hepimizi ilgilendirir.

die günlük gazete'de yayınlanan Türkçe yazılara buradan ulaşabilirsiniz.

Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit erschien die taz am 3. Mai 2016 mit 16 türkisch-deutschen Sonderseiten zum Thema „Pressefreiheit in der Türkei“ – erstellt von türkischen JournalistInnen zusammen mit der taz-Redaktion. Weil Pressefreiheit uns alle angeht.

„taz.die günlük gazete“ – learn more about our project (in German)

Serkan Altuniğne: Eigentlich beschäftige ich mich nach wie vor nicht gern mit Politik. Aber die Umstände zwingen mich dazu. Du wirst politisiert, ob du es willst oder nicht. Ein politisches Bewusstsein hatte ich schon immer. Den Ausschlag gab der Gezi-Aufstand. Da dachte ich, ich muss auch endlich etwas sagen.

Über den Humor von Gezi wurde viel geredet. Hat es dich überrascht, dass Humor und Satire so verbreitet waren?

Nein. In diesem Land liegt Humor den Menschen in den Genen. Je mehr Repression es gibt, desto mehr Satire. Andererseits: Wenn die Leute die Hoffnung verlieren, sinkt auch die Auflage der Satiremagazine. Wenn ich heute Studenten oder Gymnasiasten treffe, kriege ich die Krätze. Als wir so alt waren wie sie, waren wir Rotzbubis. Ich kann mir zum Beispiel keinen kreativeren Mauerspruch ausdenken als „Ich hab keinen Slogan gefunden“. Aber die Kids heute sind so schlau. Sie haben einen so klugen Humor! Die Satire rund um Gezi ging nicht nur gegen die Regierung, sie ging gegen alle. Alle Einrichtungen wurden zur Zielscheibe, linke und rechte. Diese schlauen Kids haben eine klügere Regierung und eine klügere Opposition verdient. Dieses System haben sie wirklich nicht verdient. Ich denke, kein einziger Politiker in diesem Land hat kapiert, wie klug diese Leute sind. Deshalb sind wir mit dummen Dialogen konfrontiert und finden uns in blödsinnigen Rangeleien wieder.

Neben juristischen Repressalien wie Prozessen oder Ermittlungen gegen Journalisten erhöht sich auch der gesellschaftliche Druck auf sie. Spürst du das bei „Penguen“ auch?

2012 wurde bei uns im Haus Feuer gelegt. Den letzten Prozess gab es 2014, als Erdoğan Staatspräsident wurde. Auf einer Titelkarikatur von uns knöpfte eine Figur dem Staatspräsidenten das Jackett zu. Es folgte eine Anklage wegen Beleidigung des Staatspräsidenten. Die Zeichner mussten sich vor Gericht mit der Aussage verteidigen: So knöpft man nun mal ein Jackett zu. So was ist ärgerlich. Die Stimmung führt dazu, dass Karikaturisten, Journalisten und Autoren eine Schere im Kopf spüren. Es sagt uns ja niemand direkt: „Tu dies nicht und das nicht.“ Aber du weißt selbst, dass du es nicht tun solltest.

Die Person: Serkan Altuniğne wurde 1977 in Istanbul geboren und hat zwei Jahre Bauingenieurwesen studiert.

Das Werk: Seit 2002 zeichnet Altuniğne Karikaturen für das wöchentlich erscheinende Satiremagazin "Penguen". Die Karikatur auf der Titelseite der taz.die günlük gazete stammt von ihm.

Wie wirkt sich das auf dein Schaffen aus?

Ich versuche aufzupassen. Logischerweise will ich nicht in den Knast. Du musst schon ein paarmal überlegen, bevor du etwas sagst. Vor allem muss ich vorsichtig sein, wenn ich für das Magazin arbeite. Denn das könnte ja nicht nur für mich, sondern auch für das Magazin Folgen haben. Der Druck ist heftig. In diesem Land hatten wir nie wirklich freie Hand, aber vor zehn Jahren war es einfacher.

Womit hängt es deiner Meinung nach zusammen, dass Humor und Satire in der Türkei so leicht ihren Platz finden und sich Satirezeitschriften so gut verkaufen?

Nicht nur in der Türkei, in der ganzen Region hat Humor Tradition. Die Menschen hier waren schon immer darauf angewiesen, ihre Probleme indirekt anzusprechen. Das erzeugt einen Reflex für Humor und Satire. Das betrifft nicht nur die Regierung, auch in der Familie ist es so. Willst du deinem Vater von einem Problem erzählen, musst du dich drum herumwinden. Deshalb blicken wir wendiger und pfiffiger auf die Ereignisse als jemand aus Europa. Der hat es ja meist gar nicht nötig, indirekt vorzugehen. Anspielungen, Andeutungen, Verzerren und Verfremden und so weiter sind typisch für uns. Weil wir unser Problem nicht direkt vortragen können.

Gibt es deiner Meinung nach eine Grenze für Satire? Darf sie beleidigen?

Beleidigung und Satire sind zwei verschiedene Dinge. Für Satire gibt es meiner Meinung nach keine Grenze. Wenn du beleidigt bist, dann liegt das an deiner Empfindlichkeit. Damit musst du klarkommen. Aber wenn ich beleidige und es gibt eine juristische Entsprechung dafür, dann bringst du die ins Spiel. Ich muss über alles scherzen dürfen. Ich zeichnete zum Beispiel einmal eine Karikatur von Himmel und Hölle, und ein Leser schrieb mir eine Mail: „Wieso nehmt ihr heilige Werte auf die Schippe?“ Da denke ich mir doch: Ich habe kein Problem mit dem, was dir heilig ist, tu, was du willst. Ich mache nur einen Scherz. Doch wenn man in der Türkei sagt, alles solle erlaubt sein, kann das üble Folgen haben. Mir ist es einmal in den sozialen Netzwerken passiert, dass jemand sagte: „Dann f… ich deine Mutter. Das ist mein Recht auf freie Meinungsäußerung.“ Das ist aber natürlich keine freie Meinungsäußerung, das ist eine Beschimpfung. Und im Übrigen ist es auch keine Meinung – höchstens eine Wunschvorstellung.

Was meinst du, warum erträgt die Regierung Satire nicht?

Herrschende mochten Scherze noch nie. Sie auszuhalten hat etwas mit dem Charakter und Selbstvertrauen der Machthaber zu tun. Unsere Regierung denkt offenbar: „Wenn ich mich einmal entblößen lasse, kommt mehr nach.“ Deshalb üben sie null Toleranz. In der aktuellen Situation ist das aus ihrer Sicht nicht ganz falsch. Denn sie verlieren überhaupt keine Stimmen. Ließen sie aber mehr Satire gegen sich zu, könnte mehr daraus werden und sich das auch auf die Stimmen auswirken.

In Europa, speziell in Deutschland, wird derzeit viel über das Verhältnis zwischen Satire und Meinungsfreiheit in der Türkei diskutiert. Es geht dabei häufig um das Lied „Erdowie, Erdowo, Erdoğan“ oder die Anzeige gegen Jan Böhmermann wegen seines Gedichts. Andererseits ist ein Rückführungsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft getreten, auch darüber wird diskutiert. Was meinst du, warum sich Europa plötzlich so sehr für die Repressionen in der Türkei interessiert?

Um ehrlich zu sein, finde ich das gestiegene Interesse ein bisschen geheuchelt. Denn die Migrationskrise ist die Folge einer jahrelangen imperialistischen Politik. Menschen flüchten aus ihren Ländern, um ihr Leben zu retten – und Europa sagt: „Um Gottes willen, die sollen nicht herkommen.“ Schön, sollen sie nicht kommen, aber Europa sorgt ja auch nicht dafür, dass diese Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können. Um das Leben von Menschen zu feilschen ist beschämend – um es nett auszudrücken. Auch dieses Interesse kommt mir falsch vor. Gäbe es diese Politik nicht, wäre auch das Interesse nicht da. Erdoğan ist ja nicht erst seit gestern an der Macht. Er steht seit vierzehn Jahren an der Spitze dieses Landes.

Gözde Kazaz ist Redakteurin der türkisch-armenischen Zeitung „Agos“

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