Pressefreiheit in Westsahara: Geheime Arbeit

In den besetzten Gebieten der Westsahara gibt es keine freie Presse. Die Agentur Equipe Media bleibt oft die einzige verlässliche Quelle.

menschen halten eine fahne hoch

Aktivist:innen in der Westsahara im Jahr 2019 Foto: Stefano Montesi/Corbis/getty images

„Wir zeigen, was Marokko verheimlichen will“, sagt Ahmed Ettanji. Der 32-jährige Journalist aus der Hauptstadt der Westsahara, El Aaiún, ist Chef von Equipe Media, einer unabhängigen, klandestin arbeitenden sahrauischen Nachrichtenagentur. Sie verbreitet vor allem Berichte über Menschenrechtsverletzungen in der seit 1976 von Marokko besetzten ehemaligen spanischen Kolonie an Afrikas Westküste, direkt gegenüber den Kanarischen Inseln. „Wir versuchen, eine Bresche in die Mauer des Schweigens zu schlagen“, erklärt Ettanji per Video. Und es gelingt. „Wir haben nach und nach den Ruf erworben, eine zuverlässige Quelle zu sein“, erklärt Ettanji stolz.

Neben der internationalen Presse fragen auch Menschenrechtsorganisationen um Informationen bei der 2009 gegründete Equipe Media an. Die Agentur ist oft die einzige zuverlässige Quelle, denn „internationale Presse, oder unabhängige Beobachter werden so gut wie nie hereingelassen“, sagt Ettanji.

„Die Idee für Equipe Media entstand in den Jahren nach 2005“, berichtet Ettanji. Damals begann die sahrauische Intifada. Die Bewegung war völlig gewaltfrei. Dennoch war die Repression äußerst brutal. „Es gab kaum Bilder, kaum Videos, von dem, was hier geschah.“ Das wollten Ettanji und seine Kollegen ändern.

Repression und Plünderung

Equipe Media gehören heute 25 Journalisten an. Hinzu kommt ein breites Netzwerk von Be­obachtern überall in den besetzten Gebieten, die mehr als zwei Drittel der Westsahara ausmachen. Der Rest ist in den Händen der Befreiungsbewegung Polisario und der Exilregierung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) in den Flüchtlingslagern in Algerien.

„Wir dokumentieren neben der Repression auch die wirtschaftliche Plünderung der Westsahara durch Marokko – vor allem Fischerei und Phosphat­abbau“, sagt Ettanji. Dieser „Bürgerjournalismus“, wie er das nennt, ist nicht ganz ungefährlich. „Immer wieder werden Journalisten von den marokkanischen Besatzungskräften festgenommen. Material und Kameras werden beschlagnahmt oder gar zerstört.“ Vier seiner Kollegen, die 2010 auf einem Protestcamp gegen die Besatzung festgenommen wurden, sitzen bis heute in Haft.

Journalisten gehen ihrer Arbeit oft versteckt am Fenster oder auf den Dächern nach

Ettanji selbst machte 15-mal mit der Polizeiwache Bekanntschaft. Er wurde verhört und misshandelt. „Deshalb arbeiten wir unter höchsten Vorsichtsmaßnahmen, fast völlig klandestin“, sagt er. „Denn es steht unter Strafe, Polizei bei der Arbeit aufzunehmen oder Demonstrationen zu filmen.“ Die Journalisten gehen ihrer Arbeit oft versteckt am Fenster oder auf den Dächern nach, wenn unten die Polizei mal wieder eine Demonstration auflöst oder Häuser durchsucht. „Die sozialen Netzwerke bieten uns die Möglichkeit, unsere Arbeit zu veröffentlichen“, erklärt Ettanji. Equipe Media ist auf Twitter, Face­book und Youtube zu finden.

Großer Informationsbedarf

Die Agentur erhielt für ihre Arbeit mehrere internationale Journalistenpreise, meist in der spanischsprachigen Welt. Und 2017 wurde der 17-minütige Dokumentarfilm „3 Stolen Cameras“, der von der Arbeit von Equipe Media berichtet, beim Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig prämiert. Seit am 13. November nach einen Bruch des 1991 von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstands durch Marokko die Polisario den Kriegszustand ausrief, ist Equipe Media mehr gefragt denn je.

Vor allem die spanische Presse will Informationen über die aktuelle Lage in den besetzten Gebieten. Die Polizei- und Armeepräsenz vor allem in den Städten wurde verstärkt. Proteste werden sofort aufgelöst. Die wenigen Bilder, die es davon gibt, stammen von Equipe Media.

Bekannte Aktivisten werden besonders scharf überwacht, natürlich auch Ettanji selbst. Ettanjis Hochzeit war schon seit Langem auf den 21. November angesetzt. „Mein Haus und das meiner Verlobten, die ebenfalls Journalistin ist, wurden umstellt. Niemand durfte rein oder raus“, erzählt Ettanji. Mitten in der Nacht konnten sich die beiden doch noch sehen und vermählen. „Völlig klandestin, ohne Familie und ohne Gäste.“

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