Polnische Reaktion auf Sprengpläne wegen Cruise-Film: Hauptsache, es knallt

Für einen Streifen mit Tom Cruise soll in Polen eine Brücke in die Luft fliegen. Die Regierung ist dafür. Eine Denkmalschützerin klagt.

rostige Stahlbrücke über einem Fluss

Die Fischbauchträgerbrücke über die Bobertalsperre in Schlesien Foto: Fundacja Ochrony Dziedzictwa Przemysłowego Śląska

WARSCHAU taz | Atemberaubend schön glitzert der Stausee an der Bobertalsperre im polnischen Niederschlesien: rechts und links Kiefernwälder, im Hintergrund das Riesengebirge und an den geschlängelten Straßen verträumte Städtchen und Dörfer. Direkt gegenüber der begehbaren Talsperre scheint die über 100 Jahre alte Fischbauch-Stahlgitterbrücke von Pilchowice (Mauer) hoch über dem Bober (polnisch Bóbr) zu schweben.

In der Nähe verbrachten einst preußische Adels- und Königsfamilien ihre Sommerfrische. Heute zieht die Gegend Touristen aus aller Welt an. Auch Regisseure drehen hier inzwischen gerne. Als das Gerücht die Runde machte, dass US-Schauspieler Tom Cruise für die Dreharbeiten von „Mission Impossible 7“ die alte Stahlbrücke über den Bober sprengen wolle, tippten sich die Niederschlesier an die Stirn. Nun bestätigte Polens stellvertretender Kulturminister Paweł Lewandowski in Warschau, für „Mission Impossible 7“ soll die Brücke in die Luft fliegen.

Das Polnische Filminstitut zahlt der Produktionsfirma sogar mehr als 5 Millionen Zloty (rund 1,5 Mio. Euro), um sie nach Polen zu locken. Später könne man ja dann eine moderne Brücke bauen, die vor einigen Jahren stillgelegte Bahnlinie revitalisieren und an den Bahnhöfen Attraktionen wie einen der ausrangierten Film-Zugwaggons installieren. Schon im Trailer, der Monate vor dem Filmstart in den Kinos zu sehen sein wird, soll die Sprengszene vorkommen. Fans von Tom Cruise dürfte herzlich egal sein, wo die Brücke genau liegt, die da in die Luft fliegt, Hauptsache, es kracht.

Warschau versus Wojewodschaft Niederschlesien

Die Ortsansässigen aber sind entsetzt. Barbara Nowak-Oberlinda, Denkmalpflegerin der Wojewodschaft Niederschlesien, kanzelt die Regierungsvertreter im Interview mit dem Internetportal Wirtualna Polska scharf ab: „Die Warschauer haben nicht das Recht, über das Kulturerbe Niederschlesiens zu entscheiden!“ Sie interessiere sich nicht für Denkmäler, die „Filmproduzenten und ihre Mitarbeiter hier hinterlassen“ wollten. Sie sei für den Schutz bestehender Bauten zuständig und nicht dafür, Verdienste von Leuten anzuerkennen, die diese Denkmäler vernichten wollten.

Der Vizekulturminister könne weder vom Wiederaufbau einer Brücke sprechen noch von der Revitalisierung einer Bahnlinie, da das Sache der Polnischen Staatsbahn PKP sei. Die Verhandlungen zwischen der niederschlesischen Wojewodschaftsverwaltung und der PKP seien zwar noch nicht abgeschlossen, aber man hoffe, schon bald, rund 20 von der PKP stillgelegte Bahnstrecken übernehmen zu können. Dazu gehöre auch die Strecke von Jelenia Góra (Hirschberg) bis Żagań (Sagan) mitsamt der Bober-Stahlbrücke. Sie solle Teil einer neuen Route entlang niederschlesischer Technikdenkmäler werden.

Zwar sei die Brücke, so Nowak-Oberlinda, seit vielen Jahren in der sogenannten Evidenz aller Denkmäler Niederschlesiens erfasst, doch nun habe sie als Denkmalpflegerin die Prozedur gestartet, mit der die Brücke ins landesweite Register eingetragen werden soll. Die Zerstörung eines Denkmals aus dem Register könnte sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Für Vizekulturminister Lewandowski ist die Brücke kein Industriedenkmal von 1906, sondern vor allem eins: alt, unansehnlich und daher unnütz. Tatsächlich könne sein Ministerium nicht garantieren, dass am Ende Geld für die „Revitalisierung“ der zerstörten Brücke bereitstünde, aber es würde sich bei der PKP dafür einsetzen.

Wiederinbetriebnahme wäre möglich

Entsetzt ist auch Miles Oglethorpe, Präsident des Internatio­nalen Komitees zum Erhalt von Industriedenkmälern mit Sitz in Südengland. In einem Protestschreiben an Premier Mateusz Morawiecki wies er darauf hin, dass der bauliche Zustand der Brücke durchaus eine Wiederinbetriebnahme der 2016 stillgelegten Bahnstrecke erlaube. Mirosław Siemieniec von der PKP wiederum beruhigt. Er bestätigt zwar Anfragen von zwei Filmcrews für Dreharbeiten, doch es sei noch gar kein Vertrag unterzeichnet worden. Zuvor müssten ohnehin alle Genehmigungen der zuständigen Behörden vorliegen.

Mit den Stahl-Installationen, die im März an der Unterseite der Fischbauch-Konstruktion angebracht worden seien, habe die Polnische Staatsbahn nichts zu tun. Die komischen „Dinger“ nähren allerdings bei den Niederschlesiern das ungute Gefühl, dass ihnen die Brücke bald um die Ohren fliegen könnte. Drehbeginn soll im April 2021 sein.

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