Polizeieinsatz gegen Hertha-Fans: Höhepunkt einer bewussten Eskalation
Vor dem Hertha-Spiel gegen Schalke kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans. Der Verein kritisiert Polizei und Senatorin Spranger.
An einem Blockeingang zur Ostkurve, dem Bereich der Hertha-Fanszene im Olympiastadion, stehen sich Ultras und behelmte Einsatzkräfte gegenüber. Die Fans wollen ein Eindringen der Polizei in ihre als selbstverwaltet verstandene Kurve verhindern, einige versuchen noch mit Hilfe eines Ordners ein Tor zu schließen. Doch dann eskaliert die Situation, Polizist:innen rücken vor, verteilen Faustschläge und versprühen eine Wolke Pfefferspray, die Fans ziehen sich zurück, ein Bierbecher fliegt durch die Luft.
Auf Videos im Netz ist die zentrale Szene der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans vor Beginn von Herthas Heimspiel gegen Schalke 04 am Samstagabend zu sehen. Dem vorausgegangen war die Festnahme eines Fans. Doch es ist bei Weitem nicht der einzige Vorfall. Andere Videos zeigen, wie sich Polizist:innen rücksichtslos den Weg durch die Menge auf dem Vorplatz des Stadions bahnen, Umstehende anrempeln und wegschubsen. In einem weiteren wird ein am Boden liegender Fan von vier Polizisten fixiert, einer schlägt mehrfach auf ihn ein. Aufnahmen zeigen zudem, wie die Polizei am S-Bahnhof Olympiastadion ohne ersichtlichen Grund in die Menge der abreisenden Schalker stürmt.
Die Hertha-Ultras hatten nach dem Zusammenstoß noch ihre vorbereitete Choreografie gezeigt und dann das Stadion aus Protest verlassen. Zurück blieben in der halb gelehrten Kurve ein Schriftzug aus Stofffetzen: „ACAB“. Stimmung wurde im Verlauf der Partie keine mehr gemacht, auch die Schalker Fanszene hatte sich dem Boykott angeschlossen und sprach im Nachhinein von einem „extrem aggressive[n] Verhalten der eingesetzten Polizeikräfte über den gesamten Tag hinweg“.
Die Fanhilfe von Hertha BSC, die Rechtshilfeabteilung des Förderkreises Ostkurve, spricht in einem Statement von den „tätigsten Übergriffen der Berliner Polizei gegen Herthafans seit mehreren Jahrzehnten“. Ihr zufolge habe es mindestens 30 verletzte Fans gegeben: Vier von ihnen „mussten umgehend ins Krankenhaus eingeliefert werden“, zwei hätten erhebliche Gesichtsverletzungen erlitten, einer „durch Schläge und Tritte“ kurzzeitig das Bewusstsein verloren. Auch Angestellte des Vereins seien unter den Verletzten.
Dass die Polizei in einer Mitteilung von 21 Polizisten und 32 Fans mit „leichten Verletzungen“ spricht, „verhöhnt die Betroffenen des polizeilichen Gewaltexzesses“, so die Fanhilfe. Kritisiert wurde ebenso, dass Polizist:innen noch vor dem Krankenhaus, in das die Fans eingeliefert wurden, sich postiert hatten und in der Umgebung Fans „durch die Straßen jagten“.
Konfrontation mit Vorgeschichte
Die Eskalation am Samstag wird dabei nicht nur von den Fans als Ergebnis einer sich bereits seit Monaten andauernden Zuspitzung zwischen Polizei und Fanszene gesehen. Ein Kipppunkt sei dabei das Spiel gegen Dynamo Dresden Anfang November gewesen, bei dem es vor Beginn zu einem kurzen Schlagabtausch zwischen einigen Fans im Oberrang gekommen war.
Im Statement der Fanhilfe heißt es nun, sie habe schon lange vor einer solchen Situation gewarnt und „auf die Zunahme polizeilicher Provokationen hingewiesen“; doch Vermitlungs- und Gesprächsangebote vom Verein seien „von Seiten der Polizei und der Innensenatorin ausgeschlagen“ worden. Bereits in der Woche vor dem Spiel war die Polizei bei mehreren Fans wegen Graffiti an zwei Zügen zu Hausdurchsuchungen angerückt und habe dabei „rechtsstaatliche Grenzen derart überschritten, dass selbst wir als Fanhilfe überrascht sind“.
Rene Lau, Fananwalt
Der auf die Berliner Fanszenen spezialisierte Strafverteidiger Rene Lau sagt gegenüber der taz, dass seit Monaten „viel mehr Polizei“ bei Herthas Spielen präsent sei, und nennt dies „völlig unerklärlich“. Schon im August beim Spiel gegen Karlsruhe, zu deren Fans eine intensive Fanfreundschaft gepflegt wird, seien Hubschrauber und Wasserwerfer vor Ort gewesen. Lau betont, dass der Einsatz von uniformierter Polizei im Bereich des Ostkurveneingangs, wo sich auch ein Fanwagen und die Fanbetreuung befinden, laut Sicherheitabsprachen nicht vorgesehen sei.
Ein möglicher Hintergrund ist, dass sich Schalke-Fans auch Tickets für den an die Ostkurve angrenzenden Heimbereich besorgt hatten und ein Aufeinandertreffen der als verfeindet geltenden Lager verhindert werden sollte. Doch das massive Auftreten im Bereich der Hertha-Ultras ist im Kontext eines grundsätzlichen Spannungsverhältnisses zwischen Ultras und der Polizei eine Provokation. Dazu passt die Beschreibung aus Sicht der Polizei: Nachdem die aktive Fanszene „den Einlass passierte, weigerte sie sich, weiter in Richtung Stadionvorplatz zu gehen, da sie dafür am Ort stehende Polizeikräfte hätte passieren müssen“. Fananwalt Lau kritisert: „Einzig die Polizei hält sich nicht an die getroffenen Absprachen.“
Massive Kritik an Spranger
Lau spricht von einer „repressiven Linie“ von Innensenatorin Iris Spranger (SPD), die für die überdimensionierten Einsätze die Verantwortung trage. Dabei sei Herthas Szene eine „engagierte“, keine sonderlich konfliktsuchende. Von der Fanhilfe fällt die Kritik an der Senatorin noch härter aus. Diese setze „einzig und allein auf Eskalation“ und sei damit „direkt verantwortlich für jede verletzte Person“. Schon im Dezember hatten Berlins Fanszenen scharfe Kritik an Spranger geübt, weil diese sich im Vorfeld der Innenministerkonferenz nicht gegen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen gegenüber Fans ausgesprochen hatte.
Im Interview mit 11 Freunde am Sonntag berichtet Fanhilfen-Sprecher Fritz Müller von einer aufgeladenen Situation beim Pokalspiel gegen Kaiserslautern im Dezember, bei der sich Hertha-Präsident Fabian Drescher lautstark mit dem Einsatzleiter gestritten habe. Weiter sagt er: „Als unser Präsident sich bei der Innensenatorin darüber beschwerte, schrie sie ihn ebenfalls an.“ Von Spranger, „die sich bisher jedem Dialog sowohl von Vereins- als auch von Fanseite verweigert“ habe, erwarte er, „dass diese Polizeimaßnahmen gegen Fans sofort gestoppt werden“.
Auf Anfrage der taz kündigte Spranger am Montag an, Mitte der Woche ein Gespräch mit Hertha-Geschäftsführer Peter Görlich und der Polizeipräsidentin Dr. Barbara Slowik Meisel zu führen. Die Frage, wann sie zuletzt an Sicherheitsgesprächen teilgenommen habe, blieb unbeantwortet.
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