Politische Rücktritte in Österreich: Heftiger geschüttelt als erwartet

Seit dem Rücktritt von Sebastian Kurz rollen in der ÖVP die Köpfe. Nach Schallenberg folgt Finanzminister Blümel. Ob Kurz schon an seinem Comeback arbeitet?

Sebastian Kurz vor Fotografen.

Vorerst letzter Auftritt: Sebastian Kurz verkündet am 2. Dezember seinen Rückzug aus der Politik Foto: Martin Juen/sepa media/imago

Und plötzlich rollten Köpfe im sonst so netten, beschaulichen Wien. Sebastian Kurz machte den Anfang, da war noch Donnerstag: Er trat recht unvermittelt von allen ihm gebliebenen Ämtern zurück, aus “familiären Gründen„. Die Familie ist wichtiger als der eigene Ruf, so konnte man das deuten, was der österreichische Altbundeskanzler bei seiner Pressekonferenz vom Stapel ließ. Er, Kurz, blicke auf „zehn lehrreiche Jahre“ zurück, aber so manches “sei in dieser Zeit vernachlässigt worden„: “unter anderem die eigene Familie“.

Und dann nahmen die Ereignisse noch einige Wendungen, mit denen so nicht zu rechnen war: am Donnerstagabend warf auch der Nachfolger im Kanzleramt, Alexander Schallenberg, das Handtuch: Weil er fand, dass “Parteivorsitz und Kanzleramt in einer Hand„ liegen sollten. Und wohl nicht in seiner. Große Fragezeichen allenthalben: Wer hatte das beschlossen? Steckte da doch noch mal Kurz hinter? Schließlich gab auch Finanzminister Gernot Blümel auf – die mit den Grünen im Land regierende ÖVP steht vor einem Trümmerhaufen.

Merkwürdigerweise dreht sich auch am Freitag noch immer alles um Kurz. Schallenbergs Rücktritt? Eine Randnotiz.

Und wie war das mit den familiären Gründen? Eine eigene, eine selbstgegründete Familie hat der Sonnyboy, Schnösel und Schickimicki-Kanzler, der ehemalige Lieblingsschwiegersohn der kleinen Nation, seit Kurzem erst. Konstantin Thier heißt sein Sohn, noch, denn Mutter Susanne Thier hat sich bereits einverstanden erklärt, dass Sohnemann nach bürokratischen Verzögerungen freilich den Namen des Vaters tragen wird. Konstantin Kurz. Mal sehen, ob wir von ihm noch hören werden.

Vorgeschoben finden das manche, nicht nur parteiische Beobachtende. Er schützt die Familie vor, um auch beim totalen Rückzug noch halbwegs gut dazustehen. Was auf den jetzt auch ehemaligen ÖVP-Chef und ehemaligen Klubobmann (deutsch: Fraktionsvorsitzender) rein rechtlich zukommen wird, wird sich zeigen.

Entweder wird es sich auch weiters (deutsch: weiterhin) ganz ungeniert leben mit dem einmal ramponierten Ruf und den aufgegebenen Positionen, und auch sicherlich wird sich, wenn erstmal Gras über die ganze üble Angelegenheit gewachsen ist, noch ein gutdotiertes Plätzchen bei den Haberern (deutsch: Amigos) in der Wirtschaft für Sebastian Kurz finden lassen. Oder es wird doch auf der langen Bank am Comeback gearbeitet, für das sich bestimmt ein optimaler Zeitpunkt finden lassen wird. Timing, das konnte Kurz schließlich mal.

Mal sehen, wie das die Ermittler sehen

Seine Partei, die ÖVP, hat sich indes heftiger geschüttelt, als zu erwarten war. Köpfe rollen; man kolportiert, dass die Landesväter, die sich jahrelang still verhalten haben, hinter den Stürzen stecken sollen. Übernehmen soll jetzt Karl Nehammer, bisher Innenminister, ein Hardliner. Ein Parteirechter.

Österreich hat schon manche Über-Figur scheitern sehen in den letzten Dekaden. Haider, Strache, das sind nur die offensichtlichen grandios gescheiterten von ganz Rechtsaußen, der FPÖ. Der neue FPÖ-Chef Kickl, noch so eine Witzfigur, arbeitet bereits fleißig daran, in diese Fußstapfen zu treten, Stichwort Wurmmittel, und Leiten der Anti-Impf-Demo vom Krankenbett aus, an das er mit Corona gefesselt war. Die ÖVP wirft jetzt noch drei weitere Namen dazu: Kurz, Schallenberg, Blümel.

Sebastian Kurz, der junge Vater, der mit 35 Jahren tatsächlich und politisch immer noch jung ist, hat schlimme, nachgerade tölpelhafte Fehler gemacht. Die Inseratenaffäre mitsamt Vorwürfen der Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit sowie Kurznachrichten-Gate war nur einer davon; ein anderer war seine schwache Corona-Politik. „Ich bin weder ein Heiliger noch ein Verbrecher“, so sieht Kurz das in seiner Abschiedsrede. Mal sehen, wie das die Ermittler sehen.

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