Politische Filme in Venedig: Höflichkeit als Waffe

Die Filmfestspiele in Venedig erreichen die Zielgerade. Zum Abschluss geht es um einen Arbeitskampf sowie um Kritik am polnischen Staatsapparat.

Ein junger Mann steht vor einer Reihe Polizisten

Wie die polnische Justiz Familien zerrüttet: „Leave No Traces“ von Jan P. Matuszyński Foto: Filmfestspiele Venedig

Der Wettbewerb auf dem Lido geht dem Ende zu, und noch scheint offen, wer in diesem Jahrgang gewinnen wird. Auch wenn es mit den Filmen von Paul Schrader, Jane Campion und Michelangelo Frammartino einige sehr unterschiedliche potenzielle Kandidaten für den Goldenen Löwen gibt, wobei der italienische Beitrag des Letzteren zu den unwahrscheinlicheren Optionen zählt.

Der Großteil des Wettbewerbs wartet mit sparsam und großzügig Erzähltem auf, einiges davon recht geradlinig, vieles mit sicherer Hand, aber wenige greifen zu überraschenden Mitteln. Was nicht unbedingt zu enttäuschenden Filmen führt.

So hat Stéphane Brizé mit „Un autre monde“ seinen dritten Film über die Härten der Arbeitswelt mit Vincent Lindon in der Hauptrolle beigesteuert. Nach „Der Wert des Menschen“ und „Streik“ ist dies der stillste Teil dieser Trilogie. Er erzählt zudem vielleicht die interessanteste Geschichte, denn das Drama kennt diesmal nicht so klare Fronten wie in den anderen Filmen, in denen der Kampf von arbeitslosem Individuum und Institutionen („Der Wert des Menschen“) oder Gewerkschaftern gegen Unternehmer („Streik“) geführt wurde.

In „Un autre monde“ wird auch gekämpft, aber innerhalb der Führungsebene eines Unternehmens. Philippe Lemesle (Vincent Lindon) leitet die Fabrik einer internationalen Firmengruppe. Er soll, wie die übrigen Fabrikdirektoren, einen Sparplan in die Tat umsetzen. Will sagen: Leute feuern. Doch obwohl sein engster Mitarbeiter rechnet und rechnet, findet dieser keine Möglichkeit, Personal zu reduzieren, ohne den Betrieb ernsthaft zu gefährden. Daher beschließt Philippe, einen anderen Weg zu probieren.

Philippe muss danach zahlreiche Verhandlungen mit der französischen Geschäftsführung durchstehen. Der Ton bei den Treffen ist meistens sachlich, ruhig, zugleich markiert Brizé in diesen Szenen die eisige Sprache der Höflichkeit als Waffe, mit der Karrieren beendet oder Loyalitäten in unanständiger Form auf Kosten Untergebener eingefordert werden.

Stummer Protest

Brizé zeigt dabei, wie in den anderen beiden Filmen, viel und gern das Gesicht Lindons in Großaufnahme. Diesmal variiert er jedoch stärker. Besonders in einer Szene, in der Philippe und seine Frau Anne (Sandrine Kiberlain) ihr zum Verkauf stehendes Haus vorzeigen, lässt er die Kamera bei Lindon und Kiberlain verweilen, während die unscharfen Körper der Interessenten wie Schatten um sie kreisen.

Eine wunderbar muffige Atmosphäre schafft hingegen der polnische Film „Żeby nie było śladów“ (Leave No Traces) von Jan P. Matuszyński. Nach wahren Ereignissen schildert er den Kampf der Dichterin Barbara Sadowska (Sandra Korzeniak) um Gerechtigkeit für ihren Sohn Grzegorz Przemyk. Dieser stirbt, nachdem er von der Polizei auf offener Straße verhaftet und auf der Wache geschlagen wurde, an zahlreichen inneren Verletzungen.

Einziger Zeuge für die Polizeigewalt ist Grzegorz’ Freund Jurek (Tomasz Ziętek). Da Sadowska die internationale Presse benachrichtigt und Zehntausende die Beerdigung Grzegorz’ als stummen Protest begleiten, gerät die Sache zur Staatsaffäre.

Matuszyński führt den polnischen Staatsapparat in seinem systematischen Bemühen, die Angelegenheit zu vertuschen, mit gnadenloser Gründlichkeit vor. Wie er einschüchtert, Familien zerrüttet, die Justiz gängelt. Überzeugt auch als indirekte Kritik an der Justizreform der aktuellen PiS-Regierung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de