Western auf den Filmfestpielen in Venedig: Was auf die Kuhhaut geht

Lidokino 3: Jane Campion kehrt zurück mit einem hinterhältigen Western. In den Hauptrollen: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst und Leder.

Schauspieler Benedict Cumberbatch als Cowboy vor einem Canyon

Phil (Benedict Cumberbatch) hat ein Auge nicht nur für die Berge Foto: Netflix

Dieses Jahr ist wieder deutlich mehr Betrieb auf dem Lido. Mehr Akkreditierte laufen auf dem Gelände herum, was sich vor allem bei den Vorabbuchungen der Tickets bemerkbar macht, die dieses Jahr zur Lotterie werden, so schnell verschwinden die verfügbaren Sitze, wenn sie online freigeschaltet werden.

Auch die Stars sind wieder zahlreicher vertreten. Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion war auf dem roten Teppich an der Seite des italienischen Schauspielers Roberto Benigni zu sehen, kurz bevor er bei der Eröffnungsgala den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk entgegennahm.

Jane Campion ist für die Premiere ihres lakonischen Westerns „The Power of the Dog“ gekommen, in dem Benedict Cumberbatch und Kirsten Dunst im kargen Montana die Qualitäten des Landlebens weniger genießen als erdulden. Campion erzählt die Geschichte zweier Brüder, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Farmer einigen Erfolg haben, dafür aber wenig zu lachen.

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Phil (Benedict Cumberbatch) ist ein knurriger, betont hartgekochter Cowboy, der es ablehnt, ein Bad in der warmen Wanne zu nehmen. Seinen Bruder George (Jesse Plemons) nennt er „fatso“, hält ihn für inkompetent und lässt stets erkennen, wer von beiden im Haus das Sagen hat. Die effizient tyrannische Ordnung gerät ins Wanken, als George sich mit der verwitweten Wirtin Rose (Kirsten Dunst) anfreundet, sich verliebt und sie schließlich als seine Ehefrau mit auf den Hof bringt.

Toxische Feindlichkeit

Weit sind die Panoramen der Gebirgslandschaft rings um die Rinderweiden der Brüder, menschenabweisend dunkel ist das stattliche Haus, in dem sich fortan Phil, George und Rose gemeinsam zurechtfinden müssen.

Die Feindlichkeit, die Phil gegen Rose zeigt, ist dabei in einem fast tödlichen Grade toxisch. So sehr, dass Rose nach und nach zur Selbstvergiftung als Ausweg greift und Alkoholikerin wird. Spätestens als ihr Sohn Peter hinzukommt, wird jedoch deutlich, dass der raue Männerpanzer Phils eine Seite verbirgt, die er seinem Umfeld nicht eingestehen kann.

Gesprochen wird wenig, geblickt und sichtlich gelitten dafür umso mehr. Campion wählt ein betont langsames Tempo, das einerseits die Eintönigkeit des Lebens auf dem wenig besiedelten Land deutlich spürbar macht, andererseits das Unbehagen der Protagonisten miteinander auf fast unerträgliche Weise auskostet und weniger eskalieren als zum tinnitusartigen Dauerschmerz anschwellen lässt.

Die Filmmusik von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood findet eine Vielzahl an Registern für die stets lauernde Gefahr dieser ungesunden Konstellation.

Am Ende kommt es zur Katastrophe, – wenngleich auf ebenso stille Weise wie der Rest des Films und mit einem Moment der Überraschung. Kuhhäute spielen eine Rolle, Kuhhäute, die Phil benutzt, um daraus Lederleinen zu flechten. Wie überhaupt Campion die Utensilien von Cowboys mit scharfem Blick auf ihren Fetischcharakter hin prüft. Glatte Ledersättel wollen eben gestreichelt werden.

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Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.

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