Podcast „Realitäter*innen“: Inklusiv, aber nicht insiderisch
Die DJs der feministischen Partyreihe hoe_mies machen jetzt auch einen Podcast. Mit Themen und Gästen abseits der Mehrheitsgesellschaft.
Die Podcast-Szene boomt. Gefühlt kommen jeden Tag neue Formate auf den Markt. Wer behält da den Überblick? Wir helfen
Von der inklusiven HipHop-Party zum woken Podcast. Das DJ-Duo Gizem Adiyaman und Lúcia Luciano veranstaltet seit knapp zwei Jahren Hoe_mies – eine HipHop-Partyreihe für Frauen* und queere People of Color. Und jetzt kann man den beiden auch jeden zweiten Donnerstag beim Diskutieren zuhören. In Realitäter*innen geht es um „Themen und Identitäten abseits der Mehrheitsgesellschaft“, wie es im Teaser heißt. Statt zwei weißen labernden Männern kommen hier beispielsweise queere oder von Rassismus betroffene Menschen zu Wort.
In der aktuellen Folge diskutieren die Realität*innen über Hanau und warum Rassismus uns alle betrifft. Zu Gast sind die Journalistin Ferda Ataman und Mouctar Bah, der seit Jahren für die Aufklärung im Fall Oury Jalloh kämpft. So erzählt er, wie er Hitler-Devotionalien auf dem Schreibtisch eines Kollegen der Polizist:innen entdeckt, in deren Obhut sich Oury Jalloh angeblich selbst angezündet haben soll. Das „zieht einen runter“, sagt Bah. Und er hat recht.
Jetzt kann man behaupten, dass ein Podcast, in dem Menschen mit vermeintlich ähnlicher Meinung diskutieren und der im Zweifel nur von Menschen gehört wird, die ohnehin schon wissen, worum es geht, kaum Mehrwert bietet. Doch diesen Vorwurf müssen sich die Hoe__mies nicht gefallen lassen. Die beiden legen Wert darauf, dass Realitäter*innen nicht zu einem Insider-Podcast verkommt, den nur diskurssichere Zuhörer:innen verstehen. Abstrakte Begriffe wie Fetischisierung erklären die Moderatorinnen, fremdsprachige Worte werden übersetzt. So nimmt der Talk auch die mit, die sich mit den besprochenen Themen noch nicht intensiv auseinandergesetzt haben.
Nein, Realitäter*innen ist kein profaner Laber-Podcast, und die neueste Folge ist für quarantänegeplagte Gemüter nur schwer verdaulich. Trotzdem sollte man sich gerade diese Folge genau jetzt anhören. Denn viel zu schnell, so scheint es, rückt das Gedenken an Hanau in den Hintergrund. Und damit das Bewusstsein, dass diese Morde eben keine Einzelfälle waren, sondern in einer Reihe stehen mit dem Fall Jalloh und allen anderen rassistisch motivierten Morden in Deutschland.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!