#Pimmelgate offiziell beendet: 3:2 für die Rote Flora
Mit dem Verzicht auf einen Strafantrag beendet Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) das Spiel um das Beleidigen seiner Person als „Pimmel“.
Der Klügere gibt nach: Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) hat die Polizei wissen lassen, er beabsichtige nicht, künftig Strafantrag zu stellen, wenn irgendwo im Stadtbild zu lesen ist: „Andy, du bist so 1 Pimmel.“ Damit hat er der Polizei, deren oberster Dienstherr er ist, einen Gefallen getan. Denn die musste in den letzten Wochen erst immer wieder Aufkleber dieses Inhalts von Laternenpfählen abknibbeln. Und dann rückte sie mehrmals beim besetzten autonomen Zentrum Rote Flora an, um an deren Fassade ein Wandbild gleichen Inhalts mit dicker schwarzer Farbe zu übermalen, das über Nacht immer wieder neu erschienen war. Denn: Es könnte ja der Straftatbestand der Beleidigung erfüllt sein.
Klingt durchaus vorbildhaft, wenn der Senator nun sein Ego hintan stellt – wenn bloß die Vorgeschichte nicht wäre. Denn der Straßenkampf mit Spachtel und Farbeimer ist nur ein analoger Ausläufer einer digitalen Auseinandersetzung, die seit Monaten schwelt.
Begonnen hatte sie der Senator selbst: Als im Frühsommer die Infektionszahlen runter- und die Temperaturen raufgingen, hatte sich der aufgestaute Drang nach menschlichem Kontakt in heißen Partynächten im Schanzenviertel entladen. Grote schickte seine Truppen, um dem Treiben ein Ende zu setzen, und empörte sich auf Twitter: „In der #Schanze feiert die Ignoranz! Manch einer kann es wohl nicht abwarten, dass wir alle wieder in den Lockdown müssen … Was für eine dämliche Aktion!“
Damit war er nicht der Einzige. „Was sich am Wochenende in der Schanze abgespielt hat, war total daneben“, tweetete die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), „auf dem Ballermann geht es gesitteter zu!“
Grote selbst bei einer illegalen Sause erwischt
Nur hatte sich Grote dummerweise nicht mal ein Jahr vorher, als noch harter Lockdown herrschte, dabei erwischen lassen, wie er seine zweite Amtszeit mit einer illegalen Sause feierte – und das sogar in einem geschlossenen Raum. Er zahlte ein Bußgeld und beschweigt bis heute, wer dabei war. In Sachen Coronaschutz ist Grote seither als Vorbild eher ungeeignet, außer für den Volksmund, in dem die Teilnahme an illegalen Partys seither „groten gehen“ heißt. Zumindest hat Grote bei dem Thema eine ziemlich schwache Sprecherposition.
Das findet auch der Wirt der Kiezkneipe „Zoo“ und antwortet auf Twitter mit den mäßig originellen Worten: „Du bist so 1 Pimmel.“ Für die Staatsanwaltschaft Grund genug, Ermittlungen gegen den Urheber einzuleiten. Und selbst nachdem der geständig ist, lässt sie noch die Wohnung durchsuchen, in der seine Kinder und deren Mutter leben – angeblich, um das Tat-Handy zu beschlagnahmen.
Grote stellt Strafantrag wegen Beleidigung und versucht, das Ganze als Teil einer Offensive gegen Hass im Netz zu darzustellen. Bei näherem Hinsehen stellt sich aber heraus, dass es im Stadtstaat wegen Beleidigung im Netz gerade mal sieben Durchsuchungen im laufenden Jahr gegeben hat. Überall berichten vor allem Frauen über massive Gewaltandrohungen im Netz, nach denen Ermittlungen regelmäßig ergebnislos eingestellt würden. Gab es eine Vorzugsbehandlung für den Senator?
Einigkeit bei CDU und Roter Flora
„Pimmelgate“ trendet bei Twitter – und die Witzbolde der Republik überbieten einander mit Schabernack rund ums männliche Geschlechtsteil, die Hansestadt, ihre Polizei und deren Senator. Man kann das Schimpfwort nicht mal mehr googeln, ohne beim Partysenator zu landen.
Am Ende sind sich erstmals in der Geschichte die Rote Flora und die Hamburger CDU einig: Die letzte Version der Fassadenmalerei ist um den Zusatz „tritt zurück“ erweitert. Und genau das fordern nun auch die Christdemokraten.
Für diese Forderung hätte es bessere Anlässe gegeben, etwa das Versagen der Hamburger Polizei beim G20-Gipfel 2017: Weil sie Proteste brutal niederknüppelte – aus Sicht der Roten Flora. Oder weil sie sie ungestört eskalieren ließ – aus Sicht der CDU.
40.000 mal Danke!
40.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Was uns besonders macht? Sie, unsere Leser*innen. Sie wissen: Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Wir suchen auch weiterhin Unterstützung: suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus – schon mit 5 Euro im Monat! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
„Edgy sein“ im Wahlkampf
Wenn eine Wahl als Tanz am Abgrund verkauft wird
Denkwürdige Sicherheitskonferenz
Europa braucht jetzt Alternativen zu den USA
Überraschung bei U18-Wahl
Die Linke ist stärkste Kraft
RTL Quadrell
Klimakrise? War da was?
Absturz der Kryptowährung $LIBRA
Argentiniens Präsident Milei lässt Kryptowährung crashen
Ukraine-Verhandlungen in Saudi-Arabien
Wege und Irrwege aus München