Papstbesuch in Algerien: Das Tabu von Tibhirine
Papst Leo XIV. rührt in Algerien an sensiblen Themen. Dazu gehört der Umgang mit Migranten – und vor allem das unaufgeklärte Erbe des Bürgerkriegs.
Die katholische Basilika Notre Dame d’Afrique thront auf einem steilen Hügel voller Dornbüsche hoch über der Bucht von Algier, das unruhige Armenviertel Bab el-Oued und der gemütliche Strandvorort Bologhine zu ihren Füßen. Entstanden aus einer Marienkapelle der französischen Kolonisatoren und erbaut als Sitz der afrikaweit tätigen Missionsgesellschaft der Weißen Väter, vertritt das imposante Kirchengebäude heute zwar weniger als 0,01 Prozent der Bevölkerung Algeriens. Es bezeugt aber noch heute den Status des Christentums, das dort älter ist als der Islam.
Auf seiner in Algerien begonnenen Afrikareise hat Papst Leo XIV. am Dienstag den nordafrikanischen Wurzeln seiner Kirche mit einem Besuch in Annaba Tribut gezollt, dem römischen Hippo Regius, Heimat des Heiligen Augustinus, dessen Orden Leo XIV. angehört.
Die damit ausgerückte Würdigung religiöser und kultureller Diversität nimmt in den algerischen Berichten über die Papstreise breiten Raum ein. Das Editorial der Zeitung L’Expression erklärt Augustinus praktisch zum ersten Algerier, „allgemein anerkanntes Symbol eines Volkes, das Frieden und Toleranz zu seinen Schlüsselwerten erklärt hat“. Der Papstbesuch stehe für gemeinsame Werte auf beiden Seiten des Mittelmeeres.
Am Montagabend hatte der Papst nach einem Besuch der Gedenkstätte für die Opfer von Algeriens Unabhängigkeit und der Großen Moschee von Algier auch die Basilika besucht und dort Algiers kleine katholische Gemeinde begrüßt. Nicht von ungefähr betonte der katholische Erzbischof von Algier, Kardinal Jean-Paul Vesco, in seiner Willkommensrede die Arbeit der Kirche mit inhaftierten afrikanischen Migranten. Die werden bei der Flucht über das Mittelmeer Richtung Europa in Algerien festgesetzt – viele landen in Haft und werden später Tausende Kilometer weiter südlich in der Wüste Sahara ausgesetzt. Der Papst besuchte auch ein Denkmal für Schiffbrüchige vor dem Kirchenbau.
In Erinnerung an das „schwarze Jahrzehnt“
Dieser Aspekt wird in den algerischen Papstberichten eher verschwiegen, ebenso der eigentliche Höhepunkt dieser Station des Papstes. In einer Seitenkapelle der Basilika zündete Leo XIV. eine Kerze vor der Ikone der „19 Märtyrer“ an – jenen 19 katholischen Geistlichen, die während des blutigen Bürgerkriegs zwischen Armee und islamistischen Untergrundkämpfern im Algerien der 1990er Jahre getötet wurden.
In jenem „schwarzen Jahrzehnt“, das mit der Annullierung von Parlamentswahlen durch das Militär zur Verhinderung eines islamistischen Wahlsiegs 1992 begann, starben mehrere Hunderttausend Menschen. Erst 2005 dekretierte die vom Militär dominierte Regierung 2005 eine „Versöhnung“, die allen sich ergebenden Terroristen sowie allen Soldaten Amnestie für Kriegsverbrechen gewährte. Seitdem herrscht Grabesruhe in Algerien, der Staat bleibt autoritär, und über die Toten spricht man nicht.
Der höchstrangige der „19 Märtyrer“ ist der damalige Bischof von Oran, aber die berühmtesten sind die sieben Mönche des Trappistenklosters Notre Dame de l’Atlas in Tibhirine, hoch oben im Atlasgebirge, 90 Kilometer südlich von Algier. Im Jahr 1996 bezahlten sie mit dem Leben dafür, dass sie inmitten von Bürgerkrieg und Terror unermüdlich weiter der Bevölkerung Einkehr, Schutz und Zuflucht boten. Sie wurden in der Nacht zum 27. März 1996 von der Terrorgruppe GIA (Groupe Islamique Armé) aus ihrem Kloster entführt. Am 31. Mai vermeldete die Armee, ihre abgetrennten Köpfe gefunden zu haben. Am 2. Juni 1996 wurde in der Basilika von Algier für sie die Totenmesse gelesen, die Köpfe wurden zwei Tage später in Tibhirine beigesetzt. Der Rest der Leichen bleibt bis heute verschollen.
Der Papst ehrt die Getöteten
Tibhirine gehört zu den sensibelsten Kapiteln der Bürgerkriegsgeschichte Algeriens. Die GIA bekannte sich zwar zur Ermordung der Mönche. Laut Insidern fielen diese aber versehentlich einem Kampfhubschrauberangriff der algerischen Armee zum Opfer. Soldaten hätten ihnen danach die Köpfe abgeschnitten, um ihren Tod den Terroristen zuschreiben zu können. Aufgeklärt ist das bis heute nicht.
Der französische Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ hat Tibhirine weltweit bekannt gemacht. Der Vatikan sprach die Getöteten 2018 selig, aber in Algerien bleibt das tabu. Tibhirine ist heute verlassen.
Jetzt, dreißig Jahre danach, ehrte Papst Leo XIV. die Mönche mit einer Kerze und einem stillen Gebet vor der Nachbildung des Kreuzes von Tibhirine aus dem Kloster. Darauf ist Jesus nicht leidend, sondern triumphierend am Kreuz dargestellt, dabei stehen die Worte „Er ist auferstanden“ auf Arabisch.
Kardinal Vesco betonte in seiner Begrüßungsrede, Algeriens Volk sei „vor Kurzem erst von einer traurigen Geschichte gezeichnet worden, in der 19 der Unsrigen ihr Leben verloren“. Die Ikone und das Kreuz von Tibhirine in der Basilika von Algier „zeugen davon, dass sie heute unter uns sind“. Der Papst würdigte seinerseits in seiner Ansprache, dass die Mönche von Tibhirine sich treu geblieben seien „bis zur Aufoperung ihres Lebens, an der Seite so vieler Männer und Frauen, Christen und Muslime – ohne Überheblichkeit und ohne Lärm, mit Gelassenheit und Klarheit“.
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