Packen wir's an: Zärtliche Veränderung

Was wir brauchen, ist laut Eva von Redecker eine gewaltfreie „Revolution für das Leben“, die auf eine kämpferische und praktische Solidarität setzt.

Spaziergang an Orte der Verdrängung und des Widerstandes Foto: Hände weg vom Wedding

„Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot“, hieß es vor Jahren in einer Fernsehwerbung für Sparkassen-Anlagen. Auch Polaroids von Pferden und Frauen knallten die Anzugträger bei ihrem Schwanzvergleich auf den Tisch im Edelrestaurant – was für eine sexistische Kackscheiße. Und doch so aufschlussreich.

Mühelos ließe sich heute in einem Weiterdreh dieser Szene ergänzen: Mein Land. Mein Schnitzel. Mein Pauschalurlaub. Meine Freiheit, keine Maske zu tragen.

Hinter diesem „Mein“ verbirgt sich ein spezifisch modernes – auch männlich konnotiertes – Besitzdenken. Denn nach dem Ende der feudalen Herr-schaft, nach dem Abdanken der Gutsherren hoch zu Pferde, so ist im neuen Buch der Philosophin Eva von Redecker zu lesen, blieb der Herrschaftsanspruch erhalten, wenn auch oft nur noch als „Phantombesitz“.

Von Redecker schreibt: „Phantombesitz ist ein Grundbaustein moderner Identitäten. Er besteht einerseits im Anspruch über bestimmte andere zu verfügen und andererseits darin, auf bestimmte Weisen als verfügbar zu erscheinen.“ Verfügen, verfügbar sein bis zu Krankheit und Tod, das ist das feudale Erbe des Kapitalismus.

Leben ohne zu zerstören

Über die natürlichen Ressourcen verfügen, bis den Schwächsten das Wasser zum Halse steht und uns allen die Luft wegbleibt. Verfügen über rassisfizierte Menschen, bis sie ersticken. Verfügen über das Ersticken von vorerkrankten Menschen, wenn es der Wirtschaft oder dem Ego dient. Gewinnmaximierendes Verfügen über Wohnraum. Verfügen über Frauen – und wenn es ihr Leben kostet.

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„Leben können, ohne dabei einander und die Welt zu zerstören“, ist die Alternative, die von Redecker in „Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen“ vorschlägt. In der Klimabewegung, in Black Lives Matter in NiUnaMenos und den Arbeitskämpfen während der Pandemie sieht von Redecker Ansätze für einen grundlegenden, revolutionären Wandel – für das Leben.

Diese Revolution kommt aus ohne einen grandiosen Kipppunkt, an dem Gewalt noch mehr Tote fordert. Diese Revolution setzt auf stetige, tagtägliche Übung, auf ein „Leben für die Revolution“, auf eine kämpferische, zärtliche Veränderung von Routinen und Mustern, auf praktische Solidarität.

Helfer*innen für Hilfsgüter

Etwa mit den tausenden Menschen auf Chios und Lesbos, in Thessaloniki, Patras, Athen, Bosnien und Rojava, die kaum das Nötigste besitzen, um über den Winter zu kommen. Der Brandenburger Verein „Wir packen's an“ möchte diese Menschen mit Sachspenden unterstützen.

Zelte, Schlafsäcke, Planen aber auch Hygieneartikel und wiederverwendbare Masken werden noch bis zum 1. November gesammelt. Eine detaillierte Liste, was noch gebraucht wird, findet ihr unter wir-packens-an.info. „Zum Verpacken der Hilfsgüter suchen wir auch DRINGEND fleißige und helfende Hände“, schreibt „Wir packen's an“ (täglich bis zum 13.11., 10-18 Uhr, ehemalige LPG in der Dorfstraße, Falkenberg/OT Torgelow).

Auch im Wedding erfahren immer mehr Menschen die Auswirkungen der kapitalistischen Besitzlogik: Ausgrenzung und Verdrängung bei zunehmenden Polizeikontrollen. Trotzdem werden solche Prozesse einer neoliberalen Stadtumstrukturierung von den Verantwortlichen vor Ort oft geleugnet. Die Initiative „Hände weg vom Wedding“ will sich bei einem kritischen Spaziergang durch den Kiez auf die Suche nach Orten der Verdrängung und Ausgrenzung, aber auch des Widerstandes machen. Mund-Nasenschutz ist dabei Pflicht. Anmeldung unter huuls@riseup.net (30. 10., 16 Uhr, U Leopoldplatz).

Zeit für Wohnungslose

Aus Berlin fährt ein Solibus zur Besetzung des Dannenröder Forsts, die den Weiterbau der klima- und lebensfeindlichen A49 verhindern möchte. Anmeldung unter berlin-danni-solibus@protonmail.com. „Wir bitten euch zwischen 15€ und 30€ pro Person an den Solibus zu spenden“, heißt es in einer Ankündigung (1. 11., 11 Uhr, Oranienplatz).

Die Corona-Pandemie gefährdet das ohnehin prekäre Leben wohnungs- und obdachloser in besonderer Weise. „Falls Du Interesse am respektvollen Umgang mit obdachlosen Menschen und am Arbeiten in einer selbstorganisierten Gruppe und obendrein noch donnerstags abends, nachts und/oder freitags früh Zeit hast, komm zu unseren Infotreffen“, heißt es in einer Einladung vom Kälteschutz im Mehringhof. Anmeldung unter kaelteschutz@riseup.net (3.11., 19 Uhr, Gneisenaustraße 2a)

Das Ende des Kapitalismus will bedacht, geübt und gelebt werden. Für unser aller Stadt, für unser aller Klima, für unser aller Freiheit, für unser aller Leben.

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Seit 2019 bei der taz. Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen aus den sozialen Bewegungen und queer durch die Kirchenbank. Gelernter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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