Termine zu gegen-institutioneller Praxis: Trauer darf nicht selektiv sein

Aktivistische Praktiken und Ethiken sind wichtiger denn je. Wir stellen drei Termine vor, die sich mit lebensfreundlicheren Strukturen befassen.

Container und Wäsche und drei Kinder in einem Camp für syrische Geflüchtete

Camp für Geflüchtete aus Syrien nahe Athen Foto: Julie Ricards/Unsplash

Vor 100 Jahren wurde Paul Celan geboren. 1942 deportierten die Nazis seine jüdischen Eltern in ein Lager. Sein Vater starb an einer Typhus-Infektion, Seine Mutter wurde erschossen. Celan blieb zurück, überlebte als Zwangsarbeiter, als displaced person, als Dichter mit der Sprache der Mörder. Er überlebte und überlebte doch nicht. 1970 nahm sich der schwerst Traumatisierte in Paris das Leben.

Ingeborg Bachmann, die Celan 1948 kennen gelernt hatte, versuchte sichim Gedicht „Exil“ in Celan hineinzuversetzen: „Ein Toter bin ich derwandelt/ gemeldet nirgends mehr/ unbekannt im Reich des Präfekten/überzählig in den goldenen Städten/ und im grünenden Land/ abgetan langeschon/ und mit nichts bedacht (…)“.

Selbst wer körperlich noch lebendig ist, kann schon tot sein, kann als überzählig betrachtet werden. Überzählig heißt in der Nazi-Sprache „unwert“. Das Leben von Celans Eltern und von Millionen anderen war den Nazis überzählig: nicht wert, betrauert zu werden.

„Betrauerbar sein heißt angesprochen sein auf eine Weise, die mich wissen lässt, dass mein Leben zählt“, schreibt die Theoretikerin Judith Butler in ihrem neuen Buch „Die Macht der Gewaltlosigkeit“. und weiter: „dass mein Leben zählt, dass sein Verlust nicht bedeutungslos ist, dass mein Körper als einer behandelt wird, der zu leben und zu gedeihen imstande sein sollte, wofür auch förderliche Bedingungen gegeben sein sollten.“

Wen aber betrauern wir jetzt in der Pandemie? Betrauern wir die Toten in Deutschland mehr? Und unter diesen? Bringen wir erst Trauer undEngagement auf, wenn die eigene Mutter darunter fällt? Wie steht es umjene, die weiterhin Ertrinken im Mittelmeer und um jene, die im Lager keinesfalls „zu leben und zu gedeihen imstande sind“?

Gegen-institutionelle Praxis stärken

Weihnachtsgeschenke, so schrieb der Ethnologe Claude Lévi-Strauss 1952 in einem Essay, stellen im Grunde versöhnliche Gaben an die ansonsten vernachlässigten Toten dar. Denn, wer könne „in einer Gesellschaft von Lebenden die Toten verkörpern, wenn nicht all diejenigen, die in irgendeiner Weise nur unvollständig in die Gruppe integriert sind (…)

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“Fremde, Sklaven und Kinder also seien – stellvertretend für die Toten –„zu den hauptsächlichen Nutznießern des Festes“ geworden. Jene also, deren Leben ansonsten weniger betrauerbar waren. Weihnachten erweistsich damit als Abschluss eines rituellen Ringens mit den Toten, das mit Halloween und Allerheiligen beginnt und sich den gesamten Herbst durchzieht: „der Triumph des Lebens, wenn an Weihnachten die mit Geschenken überschütteten Toten die Lebenden verlassen, um ihnen bis zum nächsten Herbst Ruhe zu gönnen.“

Doch die vernachlässigten Kinder an den EU-Außengrenzen, „abgetan langeschon/ und mit nichts bedacht“, sind keine Geister, die sich rituell beruhigen ließen. Die von der Pandemie besonders Gefährdeten ebenso wenig. Angesichts der Selektion, die Kinder und Alte in den Konzentrationslagern zuerst in die Gaskammern schickte, wurde festgehalten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Wie Weihnachten wird dieser Satz zum leeren, magischen Ritual, wo die Betrauerbarkeit weiterhin so ungleich verteilt ist. Wo Leben weiterhin Verhandlungsmasse ist. „Die Voraussetzung gleicher Betrauerbarkeit wäre nicht bloß eine Überzeugung oder eine Haltung, mit der uns ein anderer Mensch bejaht, sondern ein Grundsatz, nach dem die soziale Organisation von Gesundheitsversorgung, Nahrungsverteilung, Wohnung, Arbeit, Liebesleben und bürgerlichem Leben geregelt wird“, schreibt Butler.

Nicht Verbote könnten institutionelle Missstände überwinden, sondern nur ein gegen-institutionelles Ethos und eine gegen-institutionelle Praxis. Drei Termine geben diese Woche Gelegenheit zu solcher Praxis.

Wie funktioniert das autarke kurdische Gesundsheitssystem?

Eine Online-Veranstaltung will Polizeigewalt beleuchten. Laila Abdul-Rahman vom Forschungsprojekt „Körperverletzung im Amt“ an der Ruhr-Uni Bochum und Mit­glie­der*in­nen der Grün-Weißen Hilfe und der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP-Bremen) beleuchten rassistische Polizeigewalt und fragen:

Beginnt Polizeigewalt schon bei der sogenannten „Anlasslosen Kontrolle“ oder dem rechtswidrigen Kessel? Warum trifft sie manche Menschen häufiger als andere? Wie geht die Polizei mit Kritik um? Was unterscheidet die Gewalterfahrungen von Personen mit Migrationshintergrund sowie People of Color von Personen ohne Migrationshintergrund beziehungsweise weißen Personen? (10. 12., 19.30 Uhr, www.kukoon.de)

Elisa, eine Ärztin und Aktivistin, war regelmäßig in Rojava, unterstützte und lernte. Khaled, Krankenpfleger, unterrichtet an einer Pflegeschule in Berlin und kommt selbst aus Rojava. Außerdem ist er in der Vertretung der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien in Berlin. Wie funktioniert das kurdische selbstorganisierte Gesundheitssystem im Vergleich zum profitorientierten Gesundheitssystem hier? Was ist eigentlich die Frauenrevolution und was hat sie mit Medizin zu tun? (11. 12., 19 Uhr, Anmeldung über medics4rojava@systemli.org)

„Für die Vergesellschaftung des Gesundheitswesens! Gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne für alle! Frauen- und Geburtshäuser sowie kostenlose Unterstützungsnetzwerke ausbauen! Bleiberecht für alle illegalisierten Mi­gran­t*in­nen und eine menschenwürdige Unterbringung!“ Dies sind die Forderungen einer Kiezkundgebung, zu der die Initiative „Hände weg vom Wedding“ aufruft – mit Maske und Abstand (12. 12, 12 Uhr, U-Bhf Pankstraße).

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Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen queer durch die Kirchenbank. Studierter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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