Oscar-Verleihung und Vorbilder: Ein Schlag ins Gesicht

Das Video von der Ohrfeige bei der Oscar-Verleihung macht immer noch die Runde, als Unterhaltungseinlage in Endlosschleife. Das ist sehr bedenklich.

Will Smith (rechts) verpasst Moderator Chris Rock (links) auf der Bühne bei der 94. Verleihung der Academy Awards in Hollywood eine Ohrfeige

Voll uncooles Herumschlägern Foto: Chris Pizzello/picture alliance/dpa/Invision/AP

In der U 5 kracht es. Mitten im Waggon hebt jemand blitzartig die Hand und erteilt eine Backpfeife. Sein Gegenüber taumelt und torkelt wie ein angeknockter Boxer. Es wird schallend gelacht.

Diesmal handelt es sich weder um BVG-Geldeintreiber*innen, die auf eigene Faust unterwegs sind, noch um andere Berufshooligans. Die Attacke findet zudem auf einem 6-Zoll-Display statt. Zwei Schwarze Männer im Smoking sind aneinandergeraten. Vier Schüler, höchstens 15 Jahre alt, hocken vor dem Handy und ergötzen sich, während Superstar Will Smith dem Hollywood-Kollegen Chris Rock in die Fresse haut.

Nach dem Eklat bei den Oscars wurde Will Smith für zehn Jahre aus der Academy ausgeschlossen. Das Video macht allerdings immer noch die Runde, und zwar als Unterhaltungseinlage in Endlosschleife. Sehr bedenklich.

Denn die von dem 53-jährigen Schauspieler begangene Handgreiflichkeit beinhaltet eine Straftat. Von Notwehr kann hier keine Rede sein, und mit Beate Klarsfeld ist Will Smith nicht gleichzusetzen. Der Comedian Chris Rock ist auch nicht Kurt Georg Kiesinger. Rock teilt eher das Schicksal seines Komikerkollegen Oliver Pocher, der einen Tag zuvor in Dortmund wortwörtlich übers Ohr gehauen wurde. Seither muss Pocher um irreparable Hörschaden fürchten. Der Angriff auf Rock war nicht so brutal. Aber hat Rock den Schlag überhaupt verdient?

Grenzwertiger Witz

Der Witz, den Rock über Smiths Gattin Jada erzählt hat, mag grenzwertig sein. Geschmack ist halt Geschmackssache. Zweifelsohne ist die Krankheit Alopezie, an der Jada leidet, ein gleichsam haariges Thema.

In „Afro zu tragen ist ein Akt des Widerstandes“, einer 2020 erschienenen Dokumentation der Filmemacherinnen Poliana Baumgarten und Elif Küçük, beschreibe ich die hohe Bedeutung der Frisur als Ausdrucksmittel des Stolzes in der Schwarzen Community. Mitgefühl für Jada ist also nachvollziehbar. Sie ist aber keine Geschädigte. Denn kein Verbrechen wurde an ihr, sondern an Chris Rock verübt.

Interessanterweise hat ihr Gemahl Will sogar über den Witz gelacht, wie zahlreiche andere Scheinheilige im Dolby Theatre. Bis der Leinwandheld sich in seiner Maskulinität gekränkt fühlte und seine patriarchalischen Ansprüche „bühnenreif“ geltend machte. Er ließ die Sicherheitsleute abblitzen, ergatterte seinen Oscar und erhielt Standing Ovations.

Bei aller Liebe, aber toxische Männlichkeit als Tugend zu feiern rettet keine Frau. Es ist vielmehr jugendgefährdend. Deshalb enttäuscht es mich, dass auch einige Schwarze den Angriff gutheißen. Dazu zählt leider eine Berliner Autorin, die zumindest von Weißen als Rassismuskritikerin abgöttisch gefeiert wird. Auf Instagram leitete sie Posts, die den Angriff verharmlosten oder verherrlichten, zustimmend weiter.

Kampf um Aufmerksamkeit

Ich bin, wie jene Person, aktuell mit einem neuen Buch über Rassismus unterwegs, und im Kampf um die Aufmerksamkeit ist die Versuchung, tagesaktuelle Zwischenfälle zu kommentieren, manchmal groß. Diesmal tappte sie jedoch in eine Falle, in der sich keine erfahrene Rassismuskritikerin erwischen lassen sollte. Mit ihrem Fangirl-Moment erweckt sie den Eindruck, Black-on-Black-Crime sei zu rechtfertigen. Es ginge um den Schutz der Frau.

Na ja, das klingt wie Ritterromane und Rosamunde Pilcher. Fakt ist, BIPoC-Jungs, die sich Machos wie Will Smith zum Vorbild nehmen, bekommen keinen Oscar, sondern Handschellen, Schusswunden und Särge. Das gilt im Bergmannkiez, das gilt in der Bronx. Eine Ohrfeige wird mit Waffengewalt erwidert, der Konflikt eskaliert exponentiell. Dann gibt es nur noch Blaulicht und Bestatter sowie das Kopfnicken der Rassist*innen, die sich über Ehrenmorde in ethnischen Subkulturen auslassen. In der Community brauchen wir eine Rosa Parks und keine Rosamunde Pilcher im Blackface. Schläge zur Streitschlichtung zu empfehlen, ist in jeglichem Alter entsetzlich. Wer für die Gerechtigkeit kämpft, setzt nicht auf Fäuste gegen die Meinungsfreiheit, sondern auf Meinungsbildung mit Wortgewalt und Weltgewandtheit.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Michaela Dudley (Jg. 1961), eine Berliner trans* Frau mit afroamerikanischen Wurzeln, ist eine „Frau ohne Menstruationshintergrund, aber mit Herzblut, in der Regel“. So lautet ihr Signatur-Lied, und so kennt man sie als wortgewandte taz-Kolumnistin. Sie ist Autorin des Februar 2022 erschienenen Buches RACE RELATIONS: ESSAYS ÜBER RASSISMUS (Verlag GrünerSinn: ISBN 9783946625612). Ebenjene historisch fundierte Einführung reüssiert als lyrischer Leitfaden zum Antirassismus. Dudley, eine gelernte Juristin (Juris Doctor, US) schreibt auch für den Tagesspiegel, die Siegessäule, die Zeit / das Goethe, Missy Magazine, Rosa Mag und den Verlag GrünerSinn. Zudem tritt sie als Kabarettistin, Keynote-Rednerin und Diversity-Expertin in Erscheinung. Ihr Themenspektrum umfasst Anti-Rassismus, Feminismus und die Bedürfnisse der LGBTQ-Community. Elegant und eloquent, reüssiert die intersektional agierende Aktivistin als die „Diva in Diversity“. Als impulsgebende Referentin arbeitet sie mit der Deutschen Bahn, der Führungsakademie der Bundesagentur für Arbeit, der Frankfurter Buchmesse und dem Goethe-Institut zusammen. In der Fernsehsendung „Kulturzeit“ (3Sat/ZDF, 25.08.2020) hat sie ihre Ballade „Owed to Marsha“ zu Ehren der queeren Ikone Marsha P. Johnson uraufgeführt. In einer anderen Folge (17.06.2020) hatte sie für die „Meinungsverantwortung“ plädiert, als sie die Äußerungen der Schriftstellerin J.K. Rowling in puncto Transsexualität kritisierte. Immer wiederkehrend kommentiert sie brandaktuelle Themen (ARD, MDR, RBB, WDR). Ihr satirisches, musikalisch untermaltes Kabarettprogramm heißt: „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. Sie liebt die Astrophysik, spielt gerne Schach, spricht u.a. Latein und lebt tatsächlich vegan. Ihre Devise: „Diversity ist nicht einfach, sondern mehrfach schön. Kein Irrgarten, sondern ein Wir-Garten.“

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de