Opposition in Russland: Kreml klont Kandidaten

Vor der Dumawahl hiflt die Kremlpartei „Einiges Russland“ der angestrebten Zweidrittelmehrheit nach. Dabei arbeitet sie mit schmutzigen Tricks.

Boris Vishnevsky hält ein Blatt hoch

Und plötzlich gibt es drei Kandidaten mit dem Namen Boris Wischnewski Foto: afp/Olga Maltseva

Natalia Michailowa aus der fernöstlichen russischen Kleinstadt Belogorsk staunte nicht schlecht. Am kommenden Sonntag tritt die unabhängige Journalistin bei den Wahlen für das Regionalparlament im Gebiet Amur für die Liberal Demokratische Partei Russlands (LDPR) an – eine sogenannte systemfreundliche Oppositionspartei.

Zu vergeben sind nicht nur 450 Sitze in der Staatsduma, sondern auch noch Mandate in einigen Regional- und Stadtvertretungen. Merkwürdigerweise tauchten jetzt in Michailowas Wahlkreis noch zwei Mit­be­wer­be­r*in­nen auf, die genau denselben Namen tragen.

Eine der Damen wurde mittlerweile wieder aus dem Rennen genommen, weil ihr Vorstrafenregister etwas zu lang war. Die verbleibende Konkurrentin ist bei der Verwaltung des Bezirkes Amur angestellt und hat absolut nichts mit Belogorsk zu tun. „Wie kann sie da die Interessen der Be­woh­ne­r*in­nen von Belogorsk vertreten“, zitiert der sibirische Dienst von Radio Freies Europa die „echte“ Michailowa.

Sie sitzt bereits im Belagorsker Stadtrat und veröffentlichte als Chefredakteurin der Lokalzeitung Prosto Gazeta (Deutsch: Einfach eine Zeitung!) bereits mehrfach Beiträge über die Veruntreuung staatlicher Gelder im Transportwesen. Unlängst ging ihr Auto in Flammen auf. Michailowa ist sich sicher, dass hinter der Kandidatur ihrer Namensvetterin die Kremlpartei „Einiges Russland“ steht.

Es wuchsen Bärte

Der Verdacht ist alles andere als abwegig. Denn offensichtlich ist sich die Partei „Einiges Russland“, die stark an Zustimmung eingebüßt hat, ihres Siegs nicht mehr so sicher. So bedarf es schon des einen oder anderen schmutzigen Wahltricks, um einem halbwegs passablen Ergebnis etwas nachzuhelfen.

Das Klonen von Kan­di­da­t*in­nen, das ein langjährig erprobtes Mittel ist, kann derzeit auch andernorts besichtigt werden. Unlängst machte der Fall Boris Wischnewski in der Metropole St. Petersburg Schlagzeilen. Wischnewski gehört dem Petersburger Stadtparlament seit 2016 an. Er tritt für die einzige echte Oppositionspartei, die liberale Jabloko, an und kolumniert für die Putin-kritische Publikation Nowaja Gaseta.

Auch Wischnewski bekam unlängst doppelte Gesellschaft. Zwei Mitbewerber hatten erst vor Kurzem eigens zu diesem Zweck noch ihre Namen geändert. Lediglich der mittlere Name, der Vatersname, unterscheidet die drei Protagonisten. Auch was ihr Aussehen betrifft, ereigneten sich wundersame Verwandlungen. So tragen alle drei Wischnewskis jetzt Bärte und sind kaum noch zu unterscheiden.

Das Trio infernale hatte zumindest in den sozialen Netzwerken einen gewissen Unterhaltungswert. So tauchte beispielsweise auch die Leiterin der Zentralen Wahlkommission, Ella Panfilowa, als Ella Wischnewskaja in einem Tweet auf – mit schmuckem Bart, versteht sich.

Jedes Mal schmutziger

Wischnewski, dessen Beschwerde gegen die Fake-Kandidaten von einem Gericht abgelehnt wurde, war nicht zum Lachen zumute. „Jedes Mal, wenn es Wahlen gibt, sagen wir, dass diese Wahlen die schmutzigsten gewesen sind, die es jemals gegeben hat“, sagte Wischnewski. „Ich bin sicher, dass wir das auch über die nächsten Wahlen sagen werden“, zitiert der Guardian den Kandidaten.

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