Opfer des NSU-Terrors in Nürnberg: Vom Tatort zum Gedenkort

Nirgendwo ermordete der NSU mehr Menschen als in Nürnberg. Die Stadt tat sich lange schwer, Gedenkorte einzurichten. Das soll sich nun ändern.

Eine Bronzetafel mit der Aufschrift "In Gedenken an unseren Mitbürger Ismail Yasar"

Eine Bronzetafel erinnert an den vom NSU ermordeten İsmail Yaşar Foto: Daniel Karmann/dpa

NÜRNBERG taz | Die Tatorte liegen zu weit außerhalb, als dass man zufällig über sie stolpern würde. Nicht am Rand der Liegnitzer Straße. Auch nicht in der Scharrer-, Scheurl- oder Gyulaer Straße. Vier Straßen in Nürnberg, in denen der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) zwischen 1999 und 2005 drei türkeistämmige Menschen ermordete und einen schwer verletzte. Die Tatorte liegen eher abseits, in südlichen Stadtteilen. Deshalb hat die Stadt Nürnberg im März 2013 das offizielle NSU-Mahnmal am Rand der südlichen Altstadt platziert und sich kaum um Gedenkorte an den Tatorten selbst gekümmert.

Der NSU hat insgesamt 10 Menschen in verschiedenen Städten ermordet, nirgendwo so viele wie in Nürnberg. Mit der Frage, wie der Opfer gedacht werden kann, tut sich die Stadt nicht immer leicht.

Das offizielle Mahnmal in der Altstadt ist eine Stele mit den Namen aller NSU-Opfer und knüpft an die „Straße der Menschenrechte“ des israelischen Künstlers Dani Karavan an. Diese symbolisiert in Form von 27 Säulen, zwei Bodenplatten und einer Säuleneiche die 30 Artikel der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen.

Das Mahnmal für die NSU-Opfer erkennt man erst bei genauerem Hinsehen, die Stele geht etwas unter. Im Umfeld erinnern noch weitere Gedenkorte an ermordete Sinti und Roma beziehungsweise die homosexuellen Opfer des NS-Regimes von 1933 bis 1945. Der antifaschistischen Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ reichte die offizielle Erinnerungsarbeit für die Opfer der braunen Terrorzelle nicht aus. Sie sorgte mit Aktionen und Infotafeln dafür, dass auch an den Tatorten über die Anschläge informiert wird.

Als sich im vergangenen Spätsommer der NSU-Mord an dem Blumengroßhändler Enver Şimşek in Nürnberg zum zwanzigsten Mal jährte, forderte ein breites Bündnis aus SPD, Grünen, Linken, Antifa und Kirchen, die Gedenkorte präsenter zu machen.

Keine Straße, aber immerhin ein Platz

So sollten auch Straßen nach den Opfern benannt werden, eine Forderung, die im CSU-regierten Rathaus auf wenig Begeisterung stieß. Aus Kostengründen, wie die CSU-Fraktion sagte. Sie beantragte im Herbst 2020 alternativ, nur eine Asphaltfläche am Tatort, dem Platz, wo Şimşeks Familie am Wochenende weiter Blumen verkauft, in Enver-Şimşek-Platz zu benennen. Verbunden werden sollte die Neubenennung mit einer Verschönerung des Areals und mit einem Gesamtkonzept für alle vier NSU-Tatorte in der Stadt.

Für „verbesserungsbedürftig“ hält Birgit Mair, die Leiterin des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung, das Gedenken an den NSU-Tatorten in Nürnberg. Mair hat das Begleitbuch zur Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ veröffentlicht. Die Idee, die drei Straßen, an denen die Morde geschahen, nach den Ermordeten zu benennen, findet sie gut, „allerdings sollten auch die Angehörigen damit einverstanden sein“. Das neue Konzept der Stadt Nürnberg gehe aber „auf die Forderungen aus der Zivilgesellschaft nur bedingt ein“.

Über die Benennung des Platzes hat Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) bei der Gedenkfeier am 9. September 2020 mit dem Sohn des NSU-Opfers, Abdulkerim Şimşek gesprochen. Der 33-jährige Şimşek sagt, in die Gestaltung sei er bisher nicht einbezogen worden, doch habe er „volles Vertrauen in die Stadt und den OB“. Alle seien „sehr offen und kooperativ“ gewesen. „Uns geht es um den Platz und nicht um die ganze Straße“, betont er im Namen der anderen Angehörigen. Er hofft, dass ihm das Konzept noch vorgestellt wird.

Federführend ist dabei das Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg. Martina Mittenhuber, die Leiterin, sagt, dass außer einer Sitzbank, ein paar Blumenbeeten und eventuell einer runderneuerten Stele keine großen Umgestaltungen an diesem Tatort vorgesehen seien. Die Kosten sollen überschaubar bleiben und notfalls über eine Stiftung finanziert werden. Der Stadtrat soll noch vor der Sommerpause am 21. Juli die Weichen dafür stellen. Die offizielle Umbenennung ist bereits für den 21. Jahrestag des Attentats am 9. September 2021 geplant.

Aktuell steht auf dem Platz eine Info-Stele, für die sich Kirchengemeinden einsetzten und die sie mit Spendengeldern realisierten. Der Text auf der Stele, ein Bibelvers, in dem das Wort „Fremdling“ auftaucht, sorgte für Kritik und Kontroversen. Şimşek stört sich aber nicht daran: „Es ist ein Zitat, in das man nichts reininterpretieren soll“, findet er.

Gedenkorte sind für Nazis neue Ziele

Für ihn persönlich ist vor Ort das Foto seines Vaters von größerer Bedeutung, das mit dem Zusatz „Am 9. 9.2000 von Nazis ermordet, kein Vergeben – kein Vergessen!“ an einem Baum angebracht ist. Angetan ist er von der Absicht des Menschenrechtsbüros, ein digitales Infosystem mit QR-Code zu installieren, das Besuchern der NSU-Tatorte via Smartphone Daten und Hintergründe zum NSU-Terror liefert.

Doch das dauert noch; voraussichtlich bis 2022, wie Mittenhuber erklärt. Dann sollen auch zwei neue Infotafeln angebracht werden: In der Scharrerstraße, wo einmal der Imbiss des 2005 ermordeten Ismail Yaşar stand, und in der Scheurlstraße, wo der NSU 1999 ein Sprengstoffattentat verübte, das bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist.

Als einziges, noch lebendes Mitglied des NSU wurde Beate Zschäpe 2018 verurteilt: Sie muss demnach lebenslang ins Gefängnis, die Richter stellten eine besondere Schwere der Schuld fest. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Ob das Verfahren 3 StR 441/20 noch einmal aufgerollt wird, ist unklar. Seit 19. Januar 2021 wird das höchstrichterlich geprüft, die Pressestelle des Bundesgerichtshofs teilt auf Anfrage mit: „Es ist bisher noch nicht absehbar, wann der Senat über die Revisionen entscheiden wird.“

Auch am Tatort des Mordes an Abdurrahim Özüdoğru in der Gyulaer Straße soll es eine Tafel geben. Özüdoğru wurde am 13. Juni 2001 vor einem Wohnhaus erschossen. Einige der heutigen Bewohner des Hauses hatten während des Abstimmungsprozesses Bedenken, wegen möglicher Anschläge von Rechtsextremen. Denn Gedenkorte sind für Nazis neue Ziele.

Beim Polizeipräsidium Mittelfranken sind von 2013 bis 2017 zwölf Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund an NSU-Gedenkorten aktenkundig – vom Beschmieren mit Kot über verunglimpfende Aufkleber bis zum Diebstahl. Obwohl seit gut dreieinhalb Jahren kein neuer Fall dazu kam, müsse „an den offiziellen Gedenkorten mit einzelnen Sachbeschädigungen gerechnet werden“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Prehl. Er empfiehlt eine Überwachungskamera. Die sei „bei einer Häufung von Fällen hilfreich“.

Jena gedenkt „mit Fingerspitzengefühl“

Auch das Gedenkporträt am Tatort des Mordes an Enver Şimşek musste nach Angriffen schon erneuert und weiter nach oben gehängt werden. Sohn Abdulkerim Şimşek und seiner Familie ist es wichtig, dass der geplante Enver-Şimşek-Platz sauber gehalten wird und keine verletzenden Schmierereien, Sprüche oder Hakenkreuze geduldet werden. Ein Vorteil sei, dass die Familie dort weiter arbeite, sagt Şimşek. „Bei Bedarf können unsere eigenen Leute den Schaden beseitigen.“

Er empfindet das Gedenken in Jena als besonders positiv, wo im September 2020 „mit Fingerspitzengefühl eine ganze Straße in zentraler Lage“ nach seinem Vater umbenannt wurde. Außerdem hält er die Gestaltung des ebenfalls zentralen Mehmet-Kubaşik-Platzes in Dortmund für sehr gelungen.

Auch Barbara John, seit 2011 die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der Opfer des NSU, hält das zentrale Mahnmal in Dortmund für „vorbildlich“. John appelliert eindringlich an alle Städte, bei Gedenkorten „die Angehörigen einzubeziehen und die Inhalte mit den betroffenen Familien abzustimmen“. Als erfreuliches Beispiel hebt sie Erfurt hervor, Regierungssitz des Bundeslandes Thüringen, aus dem die Täter stammen: Dort soll im Herbst 2021 vor dem Parlament ein Gedenkort entstehen. Dieser werde in einer „vorbildlichen Zusammenarbeit“ seitens der Stadt mit den betroffenen Familien und ihr entwickelt.

Für Nürnberg, „das wegen der drei Morde eine besondere Verantwortung gegenüber den Familien der Opfer hat“, wünscht sich John mit Blick auf die Zukunft, dass die Stadt „den Mut hat, in einer zentralen Lage ein Mahnmal zu schaffen, wo es viele wahrnehmen“. Nur so könne verhindert werden, dass die NSU-Strategie nachträglich doch noch aufgehe – und Tatorte in Randlage und mit schnellen Fluchtwegen dafür sorgten, die Täter zu schützen und die Ermordeten schnell in Vergessenheit geraten zu lassen.

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