Offensive der Türkei in Nordsyrien

Putin gibt den Vermittler

In Manbidsch stoppt Russland die türkische Armee – und vermittelt zwischen den Kriegsparteien. Von den USA aber will sich Erdoğan nichts sagen lassen.

Eine große Gruppe von Soldaten hält Flaggen und Plakate in die Höhe.

Syrische Soldaten in Manbidsch: Einen Zusammenstoß mit türkischen Truppen will Putin verhindern Foto: dpa

ISTANBUL taz | Sieben Tage nach dem Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien zeichnen sich erste Einigungen für die Zukunft der Region ab. Während sich der türkische Präsident Recep Tayyip westliche Einmischung kategorisch verbittet, sucht er selbst das Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und steht über Russland auch im Austausch mit dem Assad-Regime.

Zuvor hatte er die Forderung von US-Präsident Donald Trump, sofort einen Waffenstillstand zu vereinbaren, mit aller Schärfe zurückgewiesen. Vor Parlamentariern seiner Partei sagte er, die Türkei werde nicht eher die Waffen schweigen lassen, „als bis wir unser Ziel einer Sicherheitszone entlang der türkisch-syrischen Grenze erreicht haben“. Erst recht werde man nicht den US-Forderungen nachkommen und sich mit einer „Terrororganisation“ (gemeint ist die kurdische YPG-Miliz) an einen Tisch setzen.

Vor weiteren Sanktionen hätte die Türkei keine Angst, ließ er Trump auch gleich wissen. Zunächst hieß es, Erdoğan lehne es sogar ab, US-Vizepräsident Mike Pence oder US-Außenminister Mike Pompeo persönlich zu treffen, was ein Erdoğan-Sprecher schließlich dementierte. In türkischen Medien wird derweil heftig kritisiert, dass Trump einen Kommandanten der YPG-Milizen angerufen, also mit einem „Terroristen“ telefoniert haben soll.

Ganz anders verhält sich Erdoğan gegenüber Putin. Nachdem russische Truppen am Dienstagabend vor der Stadt Manbidsch, deren Eroberung Erdoğan vorher als wichtigstes Ziel ausgegeben hatte, eine Sperrzone zwischen türkischen und syrischen Truppen errichtet hatten und damit den Angriff der türkischen Armee stoppten, ließ Erdoğan sich mit Putin verbinden.

An der Front gehen die Kämpfe weiter

Laut Kreml teilte Putin Erdoğan mit, dass Russland eine direkte Konfrontation zwischen Assad-Truppen und der türkischen Armee beziehungsweise deren syrischen Hilfstruppen nicht zulassen wird. Erdoğan solle sicherstellen, dass keine weiteren IS-Kämpfer aus Lagern und Gefängnissen in Nordsyrien entkommen. Der Kreml stellte Erdoğan ein Treffen mit Putin in Moskau noch in diesem Monat in Aussicht.

Obwohl es Erdoğan seit Jahren ablehnt, mit Vertretern des Assad-Regimes zu reden, sind nach Informationen der türkischen oppositionellen Plattform Oda-TV insgeheim Gespräche zwischen dem türkischen und syrischen Geheimdienst und den Verteidigungs- und Außenministerien in Gang. Am Mittwoch sagte Erdoğan vor seiner Fraktion, er könne damit leben, wenn syrische Truppen in Manbidsch und Teilen Nordsyriens wieder die Kontrolle übernehmen. „Das sind schließlich die legitimen Besitzer des Landes.“

Putin teilte Erdoğan mit, dass er eine direkte Konfrontation zwischen Assad-Truppen und der türkischen Armee nicht zulassen wird

Dessen ungeachtet gingen am Mittwoch die Kämpfe an der Front weiter. In der Stadt Ain Issa töteten türkische Granaten mindestens zwei syrische Regierungssoldaten, obwohl Russland genau das verhindern wollte. Auch rund um die Grenzstädte Ras al-Ain und Tal Abjad, auf die sich der türkische Vorstoß von Beginn an konzentrierte, wird weiter gekämpft. An einigen Fronten werden die Kurden-Milizen mittlerweile von syrischen Regierungstruppen unterstützt.

Die Türkei scheint sich jetzt darauf zu konzentrieren, lediglich das rund 100 Kilometer lange und 30 Kilometer tiefe Gebiet zwischen Ras al-Ain im Osten, Tel Abjad im Westen und der Autobahn M4 im Süden zu konsolidieren. Gegenüber Trump hat Erdoğan telefonisch zugestanden, die kurdische Stadt Kobane nicht angreifen zu lassen. In Kamischli an der irakischen Grenze ist Assad bereits stark vertreten. Erdoğan will offenbar das jetzt umkämpfte Gebiet als Faustpfand in den Verhandlungen mit Putin einsetzen.

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