Ökonom Henrik Enderlein ist tot: Europäer aus Leidenschaft
Wie kaum ein anderer Ökonom hat er sich für einen wirtschaftlich und finanzpolitisch geeinten Kontinent eingesetzt.
In einem Interview der taz hatte Henrik Enderlein mal gesagt, er glaube nicht an das fundamental Gute im Menschen. „Wir müssten damit leben, dass die Mehrheit der Menschen nutzenmaximierend und rational vorgeht.“ Ein Optimist war der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, der bis Anfang des Jahres die renommierte Hertie School of Governance leitete, dennoch. Wenn das System falsch ist, müsse eben das System geändert werden, sagte er. Vor allem an einem besser funktionierenden Europa arbeitete der Sozialdemokrat bis zuletzt. Am vergangenen Freitag ist Enderlein gestorben – mit gerade einmal 46 Jahren.
Geboren in Reutlingen, machte Enderlein sein Abitur an einer Waldorfschule in Berlin. Auch wenn er die Anthroposophie an sich kritisierte, habe er die Freiheiten und die Förderung der Kreativität an seiner Schule schon geschätzt, sagt er. Das Vermitteln sei an der Waldorfpädagogik zentral und nicht das bloße Lesen – diesen Gedanken übernahm er, als er nach Stationen am Science Po in Paris, bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt und an der Freien Universität Berlin 2005 die Hertie School of Governance mitgründete, eine private Hochschule, die Führungskräfte insbesondere für europäische Institutionen ausbildet.
Während der Finanzkrise galt Enderlein als einer der profiliertesten Experten in Europa. Er plädierte für eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik „als einzig mögliche Antwort“ auf die Krise. Wie kaum ein Zweiter habe er sich „für die Zukunft Europas mit einer festen, belastbaren deutsch-französischen Achse“ eingesetzt, schreiben seine Kolleg:innen der Hertie School.
2018 erfuhr Enderlein von seiner Krebserkrankung. Mit der Hertie School hinterlässt er eine Institution, die an seinen Visionen festhalten will.
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