Ökobilanzen-Experte über Transparenz: „Wir zeigen, dass es geht“

Ein Gesetz soll Kinderarbeit verhindern. Es gibt aber für Unternehmen viel mehr Gründe, die Lieferkette transparent zu machen, sagt Klaus Wiesen.

Montage eine E-Golf in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden.

Wo kommen die Teile her? Produktion des E-Golf in Dresden Foto: Rainer Weisflog/imago

taz: Herr Wiesen, die Bundesregierung plant ein Lieferkettengesetz. Große Wirtschaftsverbände regen sich darüber auf. Wieso ist es so schwierig, Lieferketten transparent zu bekommen?

Klaus Wiesen: Ein Unternehmen hat heute keine Lieferkette mit zwanzig Lieferanten, sondern mit mehreren Hundert oder sogar einigen Tausend. Und die meisten können gar nicht sagen, wer ihren Lieferanten beliefert – oder noch schlimmer: nicht einmal sagen, wo der Direktlieferant jetzt wirklich produziert. Je tiefer ich in die Lieferkette hineingehe, desto schwieriger und unübersichtlicher wird es. Die Unternehmen haben diese Daten also selbst nicht, haben sie vermutlich auch gar nicht angefragt. Wenn sie Transparenz über ihre Nachhaltigkeitsrisiken herstellen wollen, müssen alle in der Lieferkette mitarbeiten.

Sie sprechen von Nachhaltigkeitsrisiken. Es geht für die Unternehmen also nicht nur darum, nachzuweisen, dass sie ihrer menschenrechtlichen Verantwortung nachkommen?

Menschenrechtliche Verantwortung ist derzeit ein wichtiger Treiber für ein Lieferkettengesetz. Und die Einhaltung von Arbeitsstandards gehört generell zum nachhaltigen Wirtschaften dazu. Aber allein mit dem Nachweis „keine Kinderarbeit“ kann ein Unternehmen im Wettbewerb nicht punkten. Kinderarbeitsfrei produzieren wollen ja alle.

Das 2017 gegründete Kölner Start-up Sustainabill hilft globalisierten Unternehmen, Transparenz in ihre komplexen Lieferketten zu bringen. Die Informationen stammen von den Lieferanten und deren Vorlieferanten. Jeder erhält ein Profil, in dem er seine Vorlieferanten, Zertifikate und Produktionsdaten pro Produkt hinterlegt.

Diese Selbstauskünfte validiert Sustainabill, etwa mit externen Daten wie Satelliteninformationen oder durch automatische Plausibilitätsprüfungen. Zu den Kunden gehören unter anderem Volkswagen, Zalando, die Seidensticker Group und Econvent.

Um was geht es sonst noch?

Die Welt – und vor allem die Investoren – verlangen zunehmend nachhaltiges Produzieren. Und das bringt auch die Unternehmen nach und nach zu einem Systemwechsel, weg vom: „Ich muss es gar nicht so genau wissen.“

Wo zum Beispiel?

In der Autoindustrie heißt es heute wegen der Wende zur E-Mobilität nicht mehr: Wie viel verbraucht das Auto? Sondern: Wie nachhaltig wurde die Batterie hergestellt? Wie nachhaltig ist der Motor, wie öko der Fahrstrom? Die Autoindustrie hat diesen Weg als zentrale Lösung im Zusammenhang mit den Klimazielen dargestellt. Sollte sich jetzt herausstellen, dass Elektroautos nicht sozial- und ökologisch verträglich herzustellen sind, ist das für die Autohersteller ein Super-GAU. Sie müssen sich also richtig Mühe geben, können aber keine belastbare Ökobilanz machen, wenn sie nicht die Fakten aller Akteure aus der Lieferkette haben.

Klaus Wiesen gehört zu den Gründern und ist CEO von Sustainabill. Zuvor forschte er beim Wuppertalinstitut zu Kreislaufwirtschaft und Ökobilanzierung.

Mit Ihrem „Sustainabill-Team“ stellen Sie eine Plattform bereit, über die Unternehmen ihre Lieferanten und Vorlieferanten anfragen und auf der dann alle ihre Daten miteinander teilen können. Wo sind die Schwierigkeiten in diesem Prozess?

Lieferanten sind es zwar zu einem gewissen Maße gewohnt, dem Kunden Auskunft über die eigene Geschäftstätigkeit zu geben. Um Transparenz zu schaffen und Nachhaltigkeit entlang der Lieferkette bewerten zu können, bedarf es aber auch anderer Daten, als die Lieferanten schon gewohnt sind zu teilen. Dabei kann es sein, dass ihnen diese Daten selbst nicht vorliegen, eben weil sie bis dahin nicht abgefragt wurden. In einigen Fällen wollen Lieferanten diese Daten aber auch nicht teilen.

Kann man dann davon ausgehen, dass sie etwas zu verbergen haben?

Wenn Lieferanten Daten nicht teilen wollen, kann das unterschiedlichste Gründe haben. Kulturelles Unverständnis, mangelndes Vertrauen und manchmal auch die Angst, dass sie den Ansprüchen des Kunden an Nachhaltigkeit nicht gerecht werden können. Am wichtigsten wäre aber, dass Lieferanten einen Vorteil darin sehen, die Daten zu teilen. Das anfragende Unternehmen, muss einen nachvollziehbaren Grund angeben können, warum die Daten wichtig sind – eigene Nachhaltigkeitsziele zum Beispiel. Für den Lieferanten muss nachvollziehbar sein, dass es hier um die langfristige Zusammenarbeit geht und man gemeinsam mit dem Thema auf dem Markt erfolgreich sein möchte. Oftmals bieten Unternehmen auch an, zusammen mit dem Lieferanten Probleme anzugehen, wenn welche identifiziert werden. Wenn auf diese Weise Missstände behoben werden, gewinnen am Ende alle Akteure in der Lieferkette.

Woran hakt es dann bei der konkreten Umsetzung?

Viele Unternehmen haben keine Position, die das Thema Nachhaltigkeit ernsthaft vorantreiben. Der Einkauf denkt in ökonomischen Kategorien. In einer CSR-Abteilung (Corporate Social Responsibility oder Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung) geht es meist um Maßnahmen im Unternehmen, nicht in der Lieferkette. Oft arbeiten dort Personen, die ursprünglich aus anderen Bereichen kommen, ihnen fehlt das Wissen über nachhaltiges Produzieren. Das ändert sich erst langsam.

Wie lässt sich das Problem des mangelnden Vertrauens lösen?

Kommunikation ist entscheidend. Für Lieferanten ist wichtig, dass die Daten nur innerhalb der Lieferkette transparent sind, dass jedes Unternehmen die volle Kontrolle über seine Daten hat. Und wenn es anfangs nur ganz wenige Informationen sind, die sie teilen wollen, ist das ein guter Anfang. Da hilft dann ja auch die Technik.

Inwiefern?

Wenn ein Lieferant nicht bereit ist, Geschäftsdaten zu teilen, aber vielleicht seinen Standort preisgibt, lassen sich damit schon Risiken highlighten. Und Risiken besser zu verstehen, ist für viele Unternehmen noch wichtiger als die Frage der Nachhaltigkeit – wobei beides eng zusammengehört. Eine Farm zum Beispiel: Wenn ich weiß, dass sie in einem bestimmten Gebiet liegt, kann ich mithilfe von Geoinformationen sehen, ob sich da Wald verringert, ob es dort nur Monokulturen gibt. Dorthin können die Unternehmen dann Auditoren schicken, was für die gesamte Lieferkette nicht leistbar wäre. Und mit künstlicher Intelligenz wird künftig noch viel mehr möglich sein – etwa wahrzunehmen, wenn es über Social Media Hinweise auf Kinderarbeit gibt. Oder zu erkennen, ob der Energieverbrauch eines Unternehmens mit dem angeblichen Produktionsvolumen kompatibel ist.

Was nützt es, wenn die Unternehmen in der Lieferkette zwar die Informationen haben, sie aber der Öffentlichkeit vorenthalten?

Bislang ist das ein Problem, dass die Unternehmen selbst die Daten gar nicht haben und sich dann viel zu oft genau dahinter verstecken. Nun können wir zeigen: Doch, Lieferketten sind nachvollziehbar, können transparent gemacht werden. Das zeigen Unternehmen, die vorangehen – und es gibt welche, die das tun. Für die Politik, den Gesetzgeber ist das wichtig, wenn es um die Frage von Regulierung geht.

Welche Art von Regulierung wäre nötig?

Ein Lieferkettengesetz, wie es jetzt in Aussicht steht, würde schon sehr helfen. Es müsste allerdings in die Tiefe gehen und nicht beim ersten oder zweiten Glied der Ketten stehenbleiben. Es müsste Wettbewerb erlauben, damit diejenigen, sie sich mehr Mühe geben und strengere Regeln einhalten, auch etwas davon haben. Umgekehrt müsste es bei Verstößen auch Sanktionen bereithalten. Abgesehen von diesem Gesetz würde es auch helfen, CO2-Preise auf Waren zu verlangen und dabei die Emissionen der Lieferkette zu berücksichtigen, wie es die EU im Green New Deal mit der CO2 -Grenzausgleichssteuer fordert.

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