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„Odyssee“ nach Madeline MillerGöttin, macht das Spaß!

Ja, Odysseus ist cool, aber haben Sie schon mal von Circe gehört? Wie feministische Neuerzählungen unsere Autorin für griechische Mythologie begeisterten.

W o ich dieses Jahr meinen Sommer verbracht habe? Danke der Nachfrage, Aiaia heißt die Insel, die mal im Tyrrhenischen Meer vor Sizilien, mal in der Adria und mal 100 Kilometer südlich von Rom verortet wird. Sie hat nur eine einzige Bewohnerin, die am höchsten Punkt der Insel in einem prachtvollen steinernen Anwesen lebt, umgeben von zahmen Wölfen und Löwen und all ihren Kräutern und Tinkturen, mit denen sie schiffbrüchige Männer in Schweine verwandelt. Circe und ich hatten eine tolle Zeit miteinander, beispielsweise als ich, statt vier Stunden vierundvierzig, sechs Stunden achtundfünfzig mit dem ICE von Berlin nach Köln brauchte. Da nahm sie mich bei sich auf. Wie sie das auch schon mit Odysseus tat, der bekanntermaßen ähnlich lange unterwegs war.

500 Seiten umfasst Madeline Millers Roman „Ich bin Circe“, der das Leben der verbannten Hexe und Tochter des Sonnengotts Helios nachzeichnet und in mir eine Liebe zur griechischen Mythologie auslöste, von der ich nicht wusste, dass sie in mir schlummerte. Ein Jahr verbrachte Odysseus zwischen seiner Begegnung mit Menschen fressenden Ungeheuern und einem Trip in die Unterwelt bei Circe. Sie päppelte seine Männer auf und ließ ihn in ihr Bett, obwohl er auch dort nie aufhörte, von Penelope zu erzählen. Seiner Weiterreise stellte sie sich nicht in den Weg, versorgte ihn stattdessen mit überlebenswichtigen Ratschlägen.

In Christopher Nolans Megablockbuster nimmt Odysseus’ Jahr bei Circe etwa zehn Minuten in Anspruch, und wenn Ihnen das genauso wie mir nicht reicht, dann probieren Sie’s doch mal mit dieser feministischen Neuerzählung. Göttin, macht die Spaß!

Madeline Millers Roman ist kein Geheimtipp, er erschien bereits 2018, wurde gleich ein Bestseller und löste in der Belletristik einen kleinen Trend aus. Bereits wenige Monate zuvor hatte die Altphilologin Emily Wilson als erste Frau die „Odyssee“ übersetzt und es gewagt, Odysseus im ersten Satz nicht etwa als „listenreich“ oder „viel gewandert“ zu bezeichnen, sondern als einen „komplizierten Mann“. Seitdem findet sich auf ihrer Website ein Kontaktformular für „misogynes Trollen“ – denn Homer’sche Gelehrte und die, die sich dafür halten, konnten es nicht fassen.

Der Versuch, die Leerstellen zu füllen

Auch Madeline Miller, die wie Wilson Altphilologin ist, bemüht sich, Odysseus’ Ambivalenzen herauszuarbeiten: seine Cleverness und seine Niedertracht, seinen Machthunger und seine menschlichen Momente. In „Ich bin Circe“ entwickelt er nach seiner Rückkehr übrigens eine handfeste posttraumatische Belastungsstörung und macht seiner Familie das Leben zur Hölle. Aber genug über Odysseus.

Circe ist in Madeline Millers Werk nicht nur Zwischenstopp für einen verirrten Kriegsversehrten, sondern verstoßene Tochter, mächtige Zauberin, alleinerziehende Mutter und ausdauernde Kämpferin gegen alles Feindselige, das ihre Festung bedroht. Die Rahmenhandlung basiert auf den einschlägigen Schriften, dazwischen habe sie versucht, Leerstellen zu füllen. Denn: „Wie kann es sein, dass Odysseus, der neugierigste Mann der antiken Literatur, Circe nicht fragt, warum sie Männer in Schweine verwandelt?“, sagte Miller kürzlich in einem Interview mit der New York Times. Auch habe sie ergründen wollen, warum Circes Stimme in Homers Gedicht als die einer Sterblichen beschrieben wurde. Was macht das mit einer Göttin? Und: Ist das wirklich eine Schwäche?

Meine größte Freude hatte ich dabei, nachzugoogeln, welcher wahnwitzige Plot-Twist in „Ich bin Circe“ vom Original gedeckt ist und welcher nicht. Es stellte sich heraus: Die allermeisten waren’s. Griechische Mythologie ist so eine Daily Soap!

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Apropos Daily Soap und Plot-Twists, die nicht von dieser Welt sind: Auch zur „Ilias“ hat Madeline Miller eine Interpretation vorgelegt, ihr Debüt „Das Lied des Achill“. Erzählt wird aus Sicht des Patroklos, Achills engstem Gefährten und – nicht nur nach Millers Auslegung – Geliebten. Schon Platon und Aischylos gingen davon aus, dass das zwischen den beiden mehr war als nur tiefe freundschaftliche Verbundenheit. Miller hat einen Roman draus gemacht, und wenn ein literarischer Stoff es verdient hat, ins IMAX-Format überführt zu werden, dann ist es dieser. Denn nein, nicht die „Odyssee“ braucht eine Neuauflage, sondern „Troja“ (2004), der heterosexuellste Film aller Zeiten. Nur diesmal eben ganz nach Homer.

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Leonie Gubela

Leonie Gubela Redakteurin wochentaz

Jahrgang 1992, Politik- und Anglistikstudium in Bonn, danach Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Seit 2018 bei der taz.
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