OSTEN-Festival in Bitterfeld: „Nicht von der AfD diktieren lassen“
Stärkt Kunst die Demokratie? In Bitterfeld soll sie Raum für Begegnung schaffen. Dort ist wieder OSTEN-Festival, diesmal kurz nach den Wahlen.
„Da entstehen utopische Mini-Räume,“ findet Aljoscha Begrich, „wenn Leute sich einen Raum teilen, die sonst nie einen teilen würden.“ Das OSTEN-Festival habe da eine eigene Kraft. Im September organisiert er als einer von vier Kurator*innen wieder das Kunst-Festival in Bitterfeld. „Kontinuierlich Dinge machen ist wichtig. Das zeigt, dass man es ernst meint.“
Die dritte Festivalausgabe findet eine Woche nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt statt. Der Fokus liege auf Kunst. Das sei kein Festival für soziale Arbeit oder ein Begegnungsfestival, so Begrich. Er sieht Kunst vielmehr als Anlass, um in Begegnung zu kommen: „Manchmal ist es vielleicht gut zu tanzen und nicht zu sprechen.“ Für ihn sei es wichtig, sich aus engen gedanklichen Räumen zu befreien. „In 300 Jahren wird kein Mensch mehr über die AfD reden.“
Prognosen sehen für Sachsen-Anhalt braun-blau: Die AfD liegt vorne, gefolgt von der CDU, in Umfragen mit einem Abstand von rund 10 Prozentpunkten. Falls die Christdemokrat*innen weiterhin eine Koalition mit AfD und Linken ausschließen, steht eine Minderheitsregierung im Raum. Aber falls die CDU die Brandmauer in Sachsen-Anhalt einreißt, käme es zu einer „Wahnsinns-Koalition, die die anderen vor sich hertreiben wird,“ so die Prognose des Kurators.
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.
„Kein Festival gegen die AfD“
„Wir wollen kein Festival gegen Rechte sein, oder gegen die AfD,“ so Begrich. Denn als 2021 die erste Ausgabe des Festivals geplant war, wurde es „in den Strudel der Wahl gezogen,“ so Begrich. Gegen die Ausgabe von 2024 erstattete ein AfD-Bundestagsabgeordneter Anzeige. Deshalb findet das Festival diesmal nach der Wahl statt. Begrich: „Wir wollen unser Programm nicht von der AfD diktieren lassen.“ Stattdessen reagiere das Festival mit seinem Angebot „inhaltlich und emotional“.
Das Wichtigste sei, mal aus seiner Bubble rauszukommen, findet Begrich. Das gelte auch für ihn selbst. Der Kurator wurde im damaligen Bezirk Magdeburg geboren und wohnt heute in Berlin. „Damit muss man transparent sein.“
Die Künstler*innen kommen zum Teil aus dem Osten, „aber das kann Leipzig oder auch Mazedonien heißen,“ so Begrich. Für ihn sei es wichtiger, dass die Künstler*innen sich thematisch mit dem Wissen vor Ort verbinden. Ähnlich wie damals beim „Bitterfelder Weg“ gehen viele Projekte der Frage nach, wie alle an Kunst partizipieren können.
Etwa beim Chorprojekt „Wie klingt der Osten?“: Unter diesem Motto sammelten Federico Vöcks de Schwindt (geboren in Argentinien) und Wenzel Vöcks de Schwindt (geboren in Magdeburg) über ein Jahr lang Liedgut aus der Region. Auf dem Festival führen es dann Bitterfelder*innen auf.
„Festival für gegenseitiges Interesse“
Das OSTEN-Festival gehe mehr von den lokalen Initiativen aus, meint Begrich. Das Frauenhaus oder das Mehrgenerationenhaus seien wichtigere Schnittstellen als der Fotograf von vor Ort, der sein Foto zeigt. „Der kommt aber auch!“ Außerdem werden die Veranstaltungsorte wieder durch die Installationen und Workshops einbezogen. Das ist das ehemalige Kraftwerk Zschornewitz und verschiedene Locations im Stadtteil Wolfen-Nord, unter anderem der ehemalige Jugendclub 84.
Das verspricht auch der Untertitel: „Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse“. Auf dem Programm über zwei Wochen stehen viel Kunst, Klanginstallationen, Lesungen und Performances. Das Theater Halle gastiert auch in Bitterfeld. Außerdem gibt es Spaziergänge in der Gegend, Filme sowie Programmpunkte für „Begegnung“ und „Gespräch“.
„Gegen den Diskurs, hier geht nichts mehr“
Die stärkende Wirkung von Kunst auf Demokratie schätzt Begrich sachlich ein: „Damit erreicht man nicht 80 Prozent der Bevölkerung. Man erwartet da zu viel von Kunst.“ Für ihn gehe es mehr darum, dass Kunst überhaupt stattfindet. Wenn er mit kuratorischen Anfragen anklopfe, sei die erste Reaktion oft: „Das wird doch eh nichts.“ Diese Haltung habe sich in seiner Wahrnehmung verstärkt.
Wie soll es dieses Jahr laufen? „Ich wünsche es mir so, wie es war. Aber das ist eine Falle,“ lacht Begrich. Er freue sich jedenfalls wieder darauf, wenn der Hipster aus Leipzig auf die Seniorin aus Bitterfeld trifft.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert