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Für das Bündnis Buschfunk setzt sich Sophie Mentzel seit Jahren für bessere öffentliche Toiletten ein. Einiges wurde erreicht, sagt sie. Jetzt gibt es eine Ausstellung

Haben die neue Klo-­Ausstellung kuratiert und geben dem stillen Örtchen eine Stimme: Sophie Mentzel und Lou-Anne Gellert (v.l.n.r) Foto: Sarah Schweizer

Interview Plutonia Plarre

taz: Frau Mentzel, wann waren Sie das letzte Mal auf einer öffentlichen Toilette?

Sophie Mentzel: Letzte Woche.

taz: Im Sitzen oder in der Hocke?

Mentzel: Auf öffentlichen Toiletten nur in der Hocke. Das war auf der Wall-Toilette am Leopoldplatz. Die ist gratis, da gibt es ein ganz tolles System. Den Schlüssel kann man sich auf dem Platz an einem Infopoint holen. Genau gesagt schließen die einem die Tür auf. Die Toilette ist sauber, aber ziemlich nass, weil nach jeder Benutzung automatisch die Reinigung losgeht, wenn man sie verlässt.

taz: Von was für Varianten hören Sie noch, um die Berührung mit der Klobrille zu vermeiden?

Mentzel: Die meisten Frauen machen diese Hockposition, aber das ist natürlich anstrengend. Ich habe mich mit sehr vielen Menschen unterhalten, wie sie vorgehen, vor allem mit älteren Personen, die nicht mehr so gut in die Hocke gehen können. Manchmal setzen sich die Menschen auf ihre Hände, weil man die danach waschen kann. Ich habe auch die Variante gehört, sich auf den Hosenbund zu setzen. Eine 78-jährige Dame hat mir das erzählt. Na ja, das ist alles nicht bequem, alles nicht schön, müssen wir aber machen.

taz: Sie sind die Vorsitzende des Buschfunk Bündnis e. V. und Mitinitiatorin der „Pee for Free“-Kampagne. Seit wann setzen Sie sich in Berlin für geschlechtergerechte kostenlose Toiletten ein?

Mentzel: Wir haben uns 2020 als gemeinnütziger Verein gegründet. Ursprünglich wollten wir nur eine Ausstellung machen, aber dann ist daraus eine politische Kampagne geworden. Die Ausstellung, die im Oktober 2020 auf dem Helmholtzplatz in Pankow stattgefunden hat, sollte eigentlich nur aufklären: Was bedeutet es, wenn es kostenlose Pissoirs gibt, aber keine kostenlosen Sitztoiletten im öffentlichen Raum? Wie gehen die Menschen überhaupt aufs Klo? Unser Anliegen war auch, dass die Leute lernen, darüber zu sprechen. Das Thema ist ja sehr schambesetzt. Wir wollten im Zuge dieser Ausstellung nicht nur eine Beschwerdekultur etablieren, sondern auch eine Gesprächskultur. Nur so kann man etwas verändern.

taz: Ist Ihnen das im Laufe der Zeit gelungen?

Mentzel: Auf jeden Fall! An allen Klohäuschen, an denen es früher auf der Rückseite gratis Pissoirs gab, sind die Toiletten auf der Vorderseite inzwischen auch gratis. 2025 wurde das umgestellt. Jahrelang war das nicht so. Das war eine Riesenkampagne von uns, den Linken und vielen anderen Bündnismitgliedern. Was sich auch geändert hat, ist, dass klimafreundliche Parktoiletten aufgestellt worden sind. 24 Stück, drei Jahre lang hat es sie gegeben. Mit Unisex-Urinalen oder einem Missoir …

taz: … das sogenannte Hock-Urinal.

Mentzel: Die meisten dieser Toiletten sind inzwischen allerdings wieder abgebaut worden. Aus Kostengründen, weil der Vertrag ausgelaufen ist. Nur 8 von 24 sind stehengeblieben.

taz: Wer waren die Anbieter?

Mentzel: Es gab zwei Anbieter. Das eine waren die Ecotoiletten, die auch die Wartung und die Organisation übernehmen. Und dann die Trockentoiletten von Finizio. Das sind diese Holzkisten, die auch ein Unisex-Urinal dabei haben. Die Ecotoiletten sind diese gelben Kästen mit jeweils einer Sitztoilette, einem Pissoir und einem Missoir.

taz: Beschreiben Sie das Missoir doch mal bitte.

Mentzel: Das ist ein in den Boden eingelassenes Gitter. Da kann man sich drüber stellen, in die Hocke gehen und pinkeln, wie hinterm Busch. Bloß halt nicht hinterm Busch, sondern in einem geschlossenen Raum.

taz: Das Missoir benötigt kein Wasser?

Mentzel: Richtig. Das ist ein Trockenmissoir, so wie alle klimafreundlichen Parktoiletten. Die kann man theoretisch überall hinstellen.

taz: Was passiert mit den Hinterlassenschaften?

Mentzel: Urin und Fäkalien werden nach Eberswalde gebracht, dort befindet sich die Forschungsanlage von Finizio. Die forschen, wie wieder ein Kreislauf hergestellt werden kann. Wie aus menschlichen Exkrementen Dünger gemacht werden kann. So wie es früher war, vor der Industrialisierung.

taz: Gerade findet in Brandenburg eine neue Toilettenausstellung von Buschfunk statt. Warum gerade jetzt?

Kuratorinnen der ­Ausstellung, die Politologin Sophie Mentzel, 34, (links im Bild)ist Vorsitzende von Buschfunk Bündnis e. V. und Mit­initiatorin der „Pee for Free“-­Kampagne.

Die Ausstellung „Klo-Lektion, Sammelwerke um das stille Örtchen“ findet in der Kulturmühle Perwenitz, bei Schönwalde-Glien statt: bis zum 14. Juni, immer samstags von 14 Uhr bis 19 Uhr und sonntags von 11 Uhr bis 18 Uhr.

Mentzel:Nachdem wir so viele Jahre Politik gemacht haben, haben wir gesagt, jetzt ist mal wieder Zeit für eine Ausstellung. Das macht großen Spaß! Vor fünf Jahren am Helmholtzplatz ging es hauptsächlich um Aufklärung. Jetzt sind wir von Buschfunk vor allem Kuratorinnen, andere Personen stellen ihre Objekte aus. Das Thema ist natürlich immer noch die Toilette und der öffentliche Raum. Aber es geht viel mehr um Design: Wie können Toilettenkonstrukte aussehen im öffentlichen Raum? Was gibt es schon? Es geht aber auch um provokative oder aufklärerische Stile, in dem Sinn: Was bedeutet dieses binäre System im öffentlichen Raum? Dass wir uns zwischen Männer- und Frauentoiletten entscheiden müssen. Und was ist, wenn ich mich da nicht wiederfinde? Wir haben ganz viele Designer:innen, Künstler:innen, Vi­sio­nä­r:in­nen und Ak­tio­nis­t:in­nen zusammengeholt, die sich schon jahrelang mit dem Thema beschäftigen und verschiedene Blickwinkel auf die Toilette zeigen.

taz: Auch Masterarbeiten zum Thema Toilette sind Teil der Ausstellung. Berlin sei ziemlich fortschrittlich, weil ein Toilettenkonzept fester Bestandteil der Stadtplanung geworden sei, schreibt eine Autorin. Teilen Sie das?

Mentzel: Ich bin sehr zufrieden, dass es eine Entwicklung gibt und ein Toilettenkonzept. Und dass es mittlerweile auch eine feste Stelle in der Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt gibt, die sich speziell mit der öffentlichen Sanitärversorgung befasst. Vor vier Jahren gab es noch keinen festen Ansprechpartner. Das ist sehr positiv zu bewerten. Zu bemängeln ist, dass die Wall-Toiletten zum Teil sehr lange defekt sind, obwohl in dem Konzept steht, dass sie umgehend repariert werden müssen. Es gibt eine Toiletten-App der Senatsverwaltung, Berliner Toiletten heißt sie, da sieht man, welche gerade defekt sind. Wenn man in den Bezirk Mitte reinscrollt, sieht man, jede dritte Toilette ist defekt. Das ist verrückt.

taz: Hat das nicht auch damit zu tun, dass Toiletten oft zum Drogenkonsum und als Schlafstätten benutzt werden und aufgrund von Vandalismus geschlossen werden?

Mentzel: Absolut! Das ist ein ganz großes Problem, aber ich sage immer, eine Toilette ist kein 5-Sterne-Hotel! Leute zu verscheuchen, die dort Drogen nehmen, finde ich nicht richtig. Das ist Symptombekämpfung, keine Ursachenbekämpfung. Man muss diesen Menschen andere Räume zur Verfügung stellen, damit sie nicht in Toiletten gehen müssen. Das Kreditkartensystem, das vor drei Jahren eingeführt worden ist …

taz: … dass manche Toiletten nur noch benutzen werden kann, wenn man mit einer Kreditkarte bezahlt.

Mentzel: Das ist keine Lösung.

taz: Dringen Sie von Buschfunk mit Ihrem Wissen im politischen Raum durch?

Wie können Toiletten­konstrukte aussehen im öffentlichen Raum? Was gibt es schon? Was bedeutet dieses binäre Toiletten­system?

Sophie Mentzel, Kuratorin

Mentzel: Wir waren schon bei Anhörungen im Abgeordnetenhaus und bei verschiedenen BVV-Sitzungen und auch schon im Bundestag. Die Stadt Köln hat auch mal angerufen, weil sie dort ein neues Konzept machen wollten. Daran kann man sehen, dass sich Städte wie Köln immer mehr um eine umfassende sanitäre Grundversorgung bemühen, aber es ist alles noch nicht zufriedenstellend.

taz: Was ist Ihre persönliche Triebfeder?

Mentzel: Ich sage immer, wenn man sich beschwert, muss man auch was machen. Außerdem hat mich gewundert, dass Männer so gar nichts wissen von den Problemen der Frauen und umgekehrt.

taz: Wie kam es zu der Wahl des Ausstellungsortes in der Kulturmühle Perwenitz bei Schönholz-Glien? Für Berliner ist das nicht gerade um die Ecke.

Mentzel: Wir wurden von der Kulturmühle angefragt und weil wir diesen Ort so wunderschön finden. Die Kulturmühle ist ja auch ein Verein, von Mai bis Oktober gibt es dort Ausstellungen. Die meisten von uns wohnen zwar auch in Berlin, aber wir finden, man kann das schön miteinander verbinden, die Ausstellung und einen Ausflug aufs Land. Einen richtig guten Cappuccino trinken und selbst gebackenen Kuchen essen. Einfach mal die Natur genießen und die Berlin-Brandenburg-Connection ein bisschen wiederbeleben.

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