Notübernachtung für Frauen in Berlin: Corona killt die Anlaufstellen

Für obdachlose Frauen wird das Überleben schwieriger. In der Notübernachtung in Mitte halten ehrenamtliche Helferinnen die zehn Schlafplätze offen.

Eine Frau laeuft in die Notuebernachtung fuer Frauen in der Tieckstraße in Berlin Mitte.

Eine der wenigen Anlaufstellen für obdachlose Frauen in Berlin Foto: Thomas Trutschel/photothek.net

BERLIN taz | Angst vor Corona hat sie eigentlich keine. „Wenn ich's krieg, dann krieg ich's“, sagt Melanie mit einem Schulterzucken, hinter dem sich eher Resignation als Gleichgültigkeit zu verstecken scheint. Es gibt viele andere Sorgen im Moment. Die 44-Jährige sitzt in einem Korbstuhl in der Notübernachtung für Frauen in der Tieckstraße und wärmt sich die Hände an einem Becher Pfefferminztee.

Melanie, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, war lange draußen heute. Um 19 Uhr öffnet die Unterkunft, vorher muss man gucken, wo man bleibt. Für sie war das bisher kein Problem: Tagsüber besuchte sie eine „Maßnahme“, die das Jobcenter über sie verhängt hatte: „Da lernt man ein bisschen was am Computer.“ Und man sitzt im Warmen.

Die Nachmittage verbrachte Melanie meistens in öffentlichen Räumen. Oder, wenn die finanzielle Lage es erlaubte, auch mal im Café. „Die Stadtbibliothek, das war schon gut, da konnten wir das Handy laden. Und da sind kleine Sofas zum Sitzen.“ Nun fällt das alles weg.

Quarantäne zu Hause – wie soll das gehen, wenn man kein Zuhause hat? Ende März ist es immer noch kalt draußen. Die letzten zwei Tage sei sie mit der U- und der S-Bahn umhergefahren, erzählt Melanie. Was sie tun wird, sollten auch noch die öffentlichen Verkehrsmittel schließen, will sie sich nicht ausmalen. Und bei Ausgangssperren haben Obdachlose in anderen Ländern schon Geldstrafen erhalten, weiß sie. Melanie hofft auf einen Job, den sie ab dem 1. April beginnen sollte. Andere, weiß sie, können auf so etwas nicht hoffen.

Auch der Verkauf von Straßenzeitungen in den U-Bahnen wird schwierig. Petra Nelken, Sprecherin der BVG, sagte der taz, dass das Verkaufen von Straßenzeitungen bisher toleriert wurde, obwohl es offiziell nicht erlaubt sei. In Coronazeiten sei das anders. Fahrgäste hätten sich beschwert, dass die Abstände nicht eingehalten würden. „Da haben wir die Zeitungen explizit kontaktiert und gesagt: Ihr müsst eure Leute jetzt zurückziehen. Das geht jetzt nicht.“

„Social Distancing“ ist in den Räumen der Notübernachtung nicht wirklich umsetzbar.

Gegen 18 Uhr kommt Meltem Katırcı in der Tieckstraße an. Sie ist ehrenamtliche Betreuerin in der Notübernachtung für Frauen. Im Treppenhaus sitzen drei Wartende auf den Stufen. Sie scheinen schon lange da zu sein, dabei werden die Räume für sie erst in einer Stunde geöffnet.

Normalerweise, erzählt Katırcı, kämen tagsüber Sozialarbeiterinnen her, die vom Senat bezahlt werden. Im Zuge der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus wurden sie alle nach Hause geschickt. Nun kommen nur noch je zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen für die Nachtschichten.

Es stehe in ihrem eigenen Ermessen, ob sie weiterhin arbeiten oder nicht. „Gerade konnten wir jede Nacht belegen und es läuft“, erzählt sie. „Aber es ist natürlich auch eine psychische Belastung. Nicht zu wissen: Hab ich dieses Scheiß-Virus, stecke ich die Frauen an? Kann ich immer die Distanz halten, die man halten muss?“ In der Unterkunft gibt es Frauen, deren Angst vor Corona weit größer ist als bei Melanie. Marina, Anfang 40, fürchtet, dass sie mit ihrem schwachen Immunsystem vom Virus schwer getroffen würde.

„Social Distancing“, das ist in den Räumen der Notübernachtung nicht wirklich umsetzbar. Es gibt einen Flur, von dem die Übernachtungszimmer abzweigen. Pro Zimmer zwei Frauen. Außerdem einen Gemeinschaftsraum zum Essen und Fernsehgucken, eine Küche, weiter hinten zwei kleine Badezimmer. Und ein Büro, in dem die Betreuerinnen übernachten.

Unmöglich für zwölf Personen, sich in diesem Flur nicht über den Weg zu laufen. Im Gemeinschaftsraum kommen die Frauen zum Essen zusammen und gucken gemeinsam Nachrichten. An diesem Abend: Merkel in Quarantäne. Und Nudeln.

Freie Schlafplätze? Fehlanzeige

Bis 19 Uhr sind die Ehrenamtlerinnen noch alleine in den Räumen und bereiten die Notübernachtung vor. Während Ina Hoffmann sich ans Kochen macht, hört Eva Habermann den Anrufbeantworter ab; es gibt ja keine Sozialarbeiterin mehr, die die Anrufe tagsüber entgegennehmen kann. Viele Anruferinnen fragen nach freien Schlafplätzen – doch es gibt keine. Eine Frau bittet um Hilfe, weil sie zu Hause bedroht werde und auf keinen Fall in ihre Wohnung könne. Häusliche Gewalt, befürchten Frauenhäuser, nehmen in Zeiten kollektiver Quarantäne zu.

Ein Quarantänezentrum sowie eine rund um die Uhr erreichbare Hotline für Obdachlose plant die Sozialgenossenschaft Karuna. Rund 2.000 obdachlose Menschen gehörten in Berlin zur besonders gefährdeten Covid-19-Risikogruppe. Drei Hotels hätten ihre Bereitschaft erklärt, ihre Immobilien als mögliches Quarantänezentrum zur Verfügung zu stellen.

Eine kostenfreie Essenausgabe für Obdachlose sollte am Montag auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain starten. Neben Lebensmitteln soll jede bedürftige Person ohne Voraussetzung eine Soforthilfe von zehn Euro erhalten. (epd)

Eva Habermann ruft stets zurück. Und verweist auf andere Anlaufstellen, bei denen man es noch versuchen könne. Selbst wenn in der Tieckstraße am Abend doch noch ein Schlafplatz frei würde, dürften auf Anweisung des Senats keine neuen Frauen mehr eingelassen werden, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Für die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona hat Meltem Katırcı zwar Verständnis. Allerdings fordert sie genau deshalb, dass für Obdachlose mehr Geld in die Hand genommen wird. „Wenn ich mir angucke, wie schnell Hilfspakete für die Wirtschaft und andere Sachen überlegt wurden, dann wundere ich mich schon.“

Sie verweist auf Großbritannien: Dort hat die Regierung die Unterbringung von Obdachlosen in Hotels organisiert. In Zeiten einer Pandemie die einzig richtige Übergangslösung, findet Katırcı, die auch in der Initiative „Stadt von unten“ aktiv ist. „Da könnten die Frauen sich selber isolieren und zur Ruhe kommen.“ Danach sieht es aber erst mal nicht aus. Der Paritätische Wohlfahrtsverband etwa beklagt aktuell, dass für soziale Einrichtungen in der Coronakrise kein Budget freigegeben wird.

Um 19 Uhr macht Eva Habermann die Tür der Notunterkunft auf. Zwei der wartenden Frauen laufen als Erstes zu den Badezimmern, als könnten sie es kaum mehr aushalten. Hinter ihnen stellen sich andere in die Schlange. Es gibt draußen für sie kaum noch Möglichkeiten, zur Toilette zu gehen. „Jedes Mal am Bahnhof 1 Euro, das ist zu teuer“, sagt Melanie.

Bis acht Uhr am nächsten Morgen dürfen die zehn obdachlosen Frauen in der Notübernachtung bleiben. Dann beginnt für jede ein neuer Tag auf der Suche nach Toiletten und warmen Orten.

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