„Nimbus“ von Marion Poschmann: Die Sanftheit der Schneeflocken

Sie reiste in die Mongolei, nach Sibirien und Japan. Marion Poschmann hat ihre Erfahrungen vielfältig in ihre Gedichte einfließen lassen.

Einsamer Spaziergänger auf schneebedecktem Hügel, mit drei Bäumen

Poschmann schreibt selbst aus der „Scham einer Seele aus Schnee“ Foto: Winfried Rothermel/AP

Marion Poschmann zählt zu denjenigen Repräsentanten der gegenwärtigen deutschsprachigen Lyrik, die sich am konsequentesten innerhalb einer weit ausgreifenden Suchbewegung befinden. Vor einiger Zeit hielt sie im Rahmen einer Reihe der Universität Wien zum Thema des Verhältnisses von Dichtung und Spiritualität einen Vortrag mit dem Titel „Figuren des Unaussprechlichen“.

Nun hat sie einen Gedichtband vorgelegt, in dem sie ihre Reise durch die Mongolei, nach Sibirien und Japan zum Anlass nimmt, ihre Suchbewegung näher zu bestimmen und Antworten auf ihre Fragen zu finden.

Zunächst: Lyrik erfüllt hier einmal mehr ihre wunderbare Aufgabe, Seismografin der Epoche zu sein. Was ist mit einer Wirklichkeit los, die voller Tetra Pak und anderem Plastikmüll steckt, in der Unheimliches geschieht, die Nationen nach Erdöl jagen, der Waldbestand weltweit schrumpft und man sich morgens wundern kann, dass die Glasflasche mit Milch wie gewohnt vor der Tür steht, als wäre doch alles Gewohnte nicht längst schon bedroht.

Die Dichterin weiß ein Hilfsmittel: die Metapher des Schnees. Sie meint sowohl die Natur als auch das eigene Ich als etwas überaus Leichtes und Kostbares zugleich.

Rückbesinnung auf elementare Natur

„Bald campierte ich mit meinem Federbett / in den kälteren Nächten am Straßenrand, um / der erschütternden Sanftheit der Flocken / ein Polster zu sein“. Poschmann fühlt Verwandtschaft mit dem Verletzlichen und schreibt selbst aus der „Scham einer Seele aus Schnee“. Es gibt sogar die „Zungenrede des Schnees“, als könne diese Rückbesinnung auf elementare Natur ein Vorbild werden am Ende für pfingstlich beflügelte poetische Rede.

Eine Sequenz von Gedichten widmet sich der Expedition, die der schwäbische Forscher Johann Georg Gmelin (1709–1755) durch Sibirien unternahm, um die dortige Natur in seinen Aufzeichnungen möglichst vollständig zu erfassen.

Was seinen Zweck in der Erschließung von Bodenschätzen und Handelsschätzen haben sollte, wird in den Augen der Dichterin jedoch zum Desaster, und der arme Forschungsreisende muss eine radikale Infragestellung der im Abendland für sicher geglaubten Denkwelt erfahren. „Sein Ich fiel nicht mehr mit ihm selbst zusammen, / er hatte maßlos weiten Raum entdeckt“.

Die Lyrikerin selbst sucht eine Weite, von der sich eine erstarrte Ich-Identität in Frage stellen lässt, und hat dennoch zugleich Ich-Findung wieder zum Ziel. Das macht die Lektüre spannend. Ihr lyrisches Ich inszeniert gleichsam auf den Spuren von Edgar Allan Poe eine Malstrom-Erfahrung, in der die Begegnung mit dem tosenden, grollenden Meer in ein Innen führen soll, das wohl selbst jenseits alles Bekannten liegen muss.

Wenn sie durch Sibirien reist, geht es ihr ebenfalls um Ich-Findung und die Freisetzung der eigenen inneren Bewegung. „Sich ganz in den Schwung dieser Gipfelkette zurückziehen“.

Ode an die chinesische Seladon-Keramik

Der Band trägt ein Motto von Klopstock, und auch die Arbeit an der Sprache ist hier höchst umsichtig und gleichsam schweifend geworden. Das reicht von nüchterner Prosa hin zu Reim und hohem Ton, Formverzicht und Formsuche. „Rettung des Weltklimas aus / dem Geist der deutschen Ode – / haben wir uns da nicht etwas / viel vorgenommen?“ Neues Vertrauen in Dichtung ist es immerhin.

Marion Poschmann: „Nimbus“. Suhrkamp, Berlin 2020, 115 Seiten, 22 Euro

Besonders anschaulich sind die Oden an die graugrüne chinesische Seladon-Keramik geraten. „Ein zaubrisches Grau, das ins / Unbestimmte zu kippen beginnt, / sobald man sich nähert“. Poschmann sucht keine banale Abschilderung mehr, sondern dasjenige, was sich der Darstellung entzieht.

Einmal notiert sie: „Weit hinten erscheint eine Ferne, / so nah sie auch sein mag“. Es handelt sich um eine fast wörtliche Übernahme von Walter Benjamins Definition der Aura, mit der der Philosoph in Zeiten, in dem ihm der Historische Materialismus politisch geboten schien, dennoch die Idee einer Entrücktheit festhalten wollte, die etwas Ursprüngliches verbürgen und Einspruch gegen eine Gesellschaft entseelter Massenproduktion erheben sollte.

Marion Poschmann weiß um diesen Auftrag und sucht im Zenbuddhismus in die Schule zu gehen und neue Achtsamkeit zu erlernen. „Glätte der Teeschalen, pechschwarze Blüten in alten / Brokatbeuteln, frisch entfaltet wie am ersten Tag“. Gibt es noch einmal Spiritualität, wird sie allein aus genauem Hinschauen entstehen.

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