piwik no script img

Nigerias Vizepräsident Yemi OsinbajoDer Stellvertreter rückt vor

Allmählich gewöhnt sich Nigeria daran, dass Vizepräsident Osinbajo die Geschäfte führt. Präsident Buhari weilt krank in London.

Aus Abuja

Katrin Gänsler

Manchmal übersieht man ihn fast, denn Yemi Osinbajo wirkt viel weniger staatsmännisch als seine westafrikanischen Amtskollegen. Nigerias Vizepräsident ist klein und unaufdringlich. Als er während einer Präsentation in der Hauptstadt Abuja auf dem Podium sitzt, schaut er unablässig auf sein Tablet. Ist ein Redner fertig, dann klatscht der 60-Jährige höflich und wartet, bis er selbst an der Reihe ist.

Um sein Erscheinen wird in Nigeria weitaus weniger Wirbel gemacht als um das des echten Präsidenten. Osinbajo ist schließlich nur „Acting President“ und somit die Vertretung von Muhammadu Buhari, der seit Anfang Mai wieder zur medizinischen Behandlung in London weilt. Dennoch kommt Osinbajo in Nigeria gut an – so gut, dass Buharis Abwesenheit kaum auffällt.

Dass der Vize sein Amt gut ausübt, bescheinigt auch Hussaini Abdu, Politikwissenschaftler und Leiter von Plan International in Abuja: „Er war eine gute Wahl.“ Dass sei umso bemerkenswerter, da seiner Einschätzung nach in vielen afrikanischen Ländern der Stellvertreter „weniger smart“ als der Präsident sei. „Stößt diesem etwas zu, dann wird die Führung schnell in Frage gestellt.“

Das hat in Nigeria niemand getan, als Osinbajo diese Woche den Staatshaushalt für 2017 mit fünfmonatiger Verspätung unterzeichnet hat. Buhari hatte zuvor aus London seine Zustimmung erteilt: Das Budget mit einem Rekordumfang von umgerechnet 23,7 Milliarden US-Dollar sei im Sinne der kriselnden nigerianischen Wirtschaft. Ein Berater Buharis sagte anschließend, dass 20 Prozent der Staatseinnahmen Gelder seien, die im Antikorruptionskampf zurückgefordert wurden – wichtig angesichts der gesunkenen Öleinnahmen.

Osinbajo hatte angekündigt, erst zu unterschreiben, wenn auch er mit dem Ergebnis einverstanden ist – ein Zeichen von Eigenständigkeit.

Jurist und Pfingstprediger

Der neue starke Mann Nigerias soll über ein gutes Netzwerk von Unterstützern und Beratern verfügen. Er studierte Jura, arbeitete als Rechtsanwalt und war Professor an der Universität von Lagos. 1999 wechselte er in die Politik und wurde im Bundesstaat Lagos Generalstaatsanwalt und Justizminister.

In Lagos war Osin­bajo Pastor in einer der größten Pfingstkirchen Nigerias

Darüber hinaus ist er Pastor in der Re­deemed Christian Church of God, einer der größten Pfingstkirchen Nigerias. Seine Gemeinde in Lagos hat er inzwischen abgegeben. Tritt der Vater von drei Kindern irgendwo auf, erinnert er weniger an einen lauten Prediger, sondern klingt wie ein nüchterner Analytiker, der versucht, das riesige Land zusammenzuhalten.

Genau das rechnen dem christlichen Südnigerianer auch viele Menschen im muslimischen Norden an. Auch Labaran Musa, der seit knapp zwei Jahrzehnten in Abuja lebt, hat er als Anhänger gewinnen können. Musa – er betreibt einen Gebrauchtwarenhandel – stammt aus der Millionenstadt Kano und ist Anhänger der oppositionellen People’s Democratic Party (PDP).

Anders als die Mehrzahl der Wähler in Nordnigeria hat er deshalb 2015 sogar für den Südnigerianer Goodluck Jonathan gestimmt, nicht für den Nordnigerianer Buhari. „Die Sicherheitslage hat sich verbessert. Doch die Wirtschaft ist eine Katastrophe“, bescheinigt der Händler Buhari nun und bemerkt: „Ohne ihn ist der Naira stärker.“

Es ist viel spekuliert worden, ob die nigerianischen Währungsschwankungen mit der An- oder Abwesenheit des Staatsoberhaupts zu tun haben könnten. Händler Musas Theo­rie lautet: „Buhari ist Korruptionsbekämpfer, und die Großen haben Angst vor ihm. Ist er weit weg, dann lassen sich besser Geschäfte machen.“ Auch daher rührt seine Vorliebe für Osinbajo.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare