: „Nie wurde nach den Communitys gefragt“
Burak Yılmaz ist Autor, Host des Podcasts „Brennpunkt“ und arbeitet als Theaterpädagoge mit Jugendlichen zu Rassismus und Antisemitismus
Foto: Fabrizio Bensch/reuters
Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wir alle nehmen die Grauen des Anschlags gleich wahr. Ich kann mich noch gut an den 12. September erinnern. Ich war 14 Jahre alt und bin mit meinem Kumpel wie immer von unserem Stadtteil Duisburg-Marxloh zur Schule gelaufen. Es war ein stilles Gespräch. „Hast du mitbekommen, was gestern los war?“ „Ja.“ Dann liefen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Für uns war total absurd, dass wir zur Schule gehen müssen. Dort waren alle völlig verstört. Wir hatten Angst, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen.
Auch in unserem Stadtteil herrschte emotionales Chaos. Da war Unglauben darüber, was eigentlich passiert ist; Entsetzen darüber, wie viele Menschen gestorben sind, und Angst, dass Amerika nun womöglich mit einem Rundumschlag im Nahen Osten – von der Türkei bis Pakistan – eine Atombombe abwirft und alles plattmacht. Und es würde nicht lange dauern, bis ich Menschen im Bus hörte, die genau das für eine gute Idee hielten – „einfach eine Atombombe drauf“.Es gab da diesen Einspieler von Menschen irgendwo im Nahen Osten, die nach dem Anschlag gejubelt haben und „Tod Amerika“ gerufen haben. Irgendwie wusste ich direkt, jetzt denken die alle, dass wir feiern, was da passiert ist. Statt von den Terroristen zu reden, ging es in der medialen Berichterstattung bald um den Islam als große Gefahr für den Westen.
Nach dem 11. September war Marxloh nicht mehr das „Türkenviertel“, sondern das „Moslemviertel“. An den Hauswänden im Viertel gab es plötzlich Graffitis „Islam gleich Terror“. In Magazinen ging es darum, wie Deutschland islamisiert wird. Nie wurde die Frage gestellt, was das eigentlich mit den Communitys macht. Mir hat das alles Angst gemacht.
Anfangs dachten meine Freunde und ich, wir müssen die Deutschen aufklären und ihnen zeigen, was unsere Religion wirklich bedeutet. Dann kam der Trotz und wir stritten miteinander. Weil da auch das Gefühl war, es ist ohnehin scheißegal, wie wir uns benehmen. Die Deutschen hassen uns sowieso.
Mein einer Lehrer hat immer Zeitungsartikel ausgeschnitten. Als irgendwann ein Anschlag in Pakistan folgte, legte er mir den Artikel dazu vor die Nase und sagte: „So, erklär mal bitte der ganzen Klasse hier: Warum machen das deine Glaubensbrüder?“ In so Situationen wurde ich dann nicht mehr als Burak wahrgenommen, plötzlich wurde ich zum Außenminister vom Islam. Egal was ich sagte, es gab keine richtigen Antworten. Und wenn ich sagte, ich wollte gerade nicht die Gespräche führen, wurden mir heimliche Sympathien unterstellt.
Ein Kumpel erzählte damals, wie manche in seiner Klasse Bombenlegerwitze über ihn machten. Auch andere aus meinem Freundeskreis kamen in solche Situationen. Aber wir erzählten uns nicht davon, wie wir mit Fragen bombardiert wurden, wie wir bei der intellektuellen Sprache unserer Lehrer nicht mithalten konnten, wir irgendwann gar nichts mehr sagten – das ist nicht die Geschichte, die du deinen Jungs erzählst. Lieber erzählten wir uns, wenn wir rhetorisch gewandt antworteten.
Foto: Yavuz Arslan/ullstein bild
Meine deutschen Freunde fragten: Stimmt das, dass der Islam gefährlich ist? Stimmt das, dass ihr alle lernt, Ungläubige zu hassen? Stimmt das, dass ihr alle den Westen kaputtmachen wollt? Für sie war ich der Daueraufklärer. Und zugleich radikalisierten sich in Teilen ihre Eltern und untersagten ihren Kindern, mich zu sehen. Ich merkte damals, es gibt hier diese riesigen Veränderungen und ganz viel Rassismus. Nur musste sich dazu nie jemand äußern.
Unsere Eltern haben gemerkt, dass bei ihren Kids was los ist. Aber durch die viele Schichtarbeit war es echt ein Problem für sie, gut mit uns darüber zu reden. Oft sagten sie dann, wir sollten uns nicht unterkriegen lassen. Aber wir sollten den Deutschen auch keine Gründe geben, uns noch mehr zu hassen. Das hat mich zerrissen.
Ich wollte mir das nicht einfach gefallen lassen. Aber ein Teil von mir dachte sich, wenn die Terror haben wollen, dann lasst uns den doch geben. Meine Freunde und ich haben dann zum Beispiel angefangen, im Bus arabische Floskeln und Begriffe wie „Maschallah“ zu nutzen. Damals war das provokant, die Leute gerieten direkt in Panik, zum Teil wurde die Polizei gerufen – heute ist das Jugendsprache. Oder als so ältere Typen im Bus sagten: „Jetzt kommt die ganze Molukkenscheiße zu uns“, haben mein Kumpel und ich so getan, als würden wir mit Waffen auf die schießen. Das war unsere Art von: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es gab aber auch krassere Sachen, da bin ich vorn in den Bus gestiegen und habe „Allahu akbar!“ gerufen, meine Jungs sind hinten rein und haben zurückgerufen. Alle sind aus dem Bus gerannt, und der Busfahrer sagte, er würde den Staatsschutz rufen. Dann sind wir abgehauen.
Später in meiner Arbeit als Pädagoge mit Jugendlichen habe ich ähnliche Dynamiken nach dem 7. Oktober gesehen. Da gab es Meldungen vom Schulministerium, dass Lehrer doch bitte explizit mit den muslimischen Schülerinnen über den Nahostkonflikt sprechen sollten. Eine Stigmatisierung von ganz oben. Ich habe auch Workshops in Schulen zu Antisemitismus und Rassismus gemacht. An einer Schule wurden wirklich nur die muslimischen Kinder zur Veranstaltung bei mir verdonnert – so nach dem Motto, ich soll die jetzt mal geradebiegen.
Was ich aber eigentlich am tragischsten finde ist, dass der ewige Generalverdacht gegen uns und die immer neuen Forderungen nach Abschiebungen, auch ein Angriff auf unsere Imaginationskraft ist. Es ist schwer für uns, sich eine andere Realität vorzustellen, mit anderen Erzählungen, anderen Debatten, anderen Medien.
Foto: Seeliger/imago
Protokoll: Adefunmi Olanigan
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