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Neues russisches GeschäftsmodellDie Todeswirtschaft

„Deathonomics“ nennen Ökonomen Putins Kriegswirtschaft. Das hat die Wirtschaft angekurbelt, doch jetzt rutscht Russland rasant in die Krise.

Die Löhne für Soldaten – laut dem Plakat der „Stolz Russlands“ – haben die russische Wirtschaft am Laufen gehalten, so eine Studie Foto: Alexander Zemlianichenko/ap

Mit enormen Geld- und anderen Versprechen hat Russlands Machthaber Wladimir Putin mehr als eine Million Russen an die Front gelockt. Die Todeswirtschaft hat Russlands Wirtschaftswachstum angekurbelt. Aber eine an diesem Montag vorgestellte Studie „Deathonomics“ kommt zu dem Schluss: „Russlands zynische Kalkulation für einen kurzfristigen Gewinn“, wie Autor Wladislaw Insosemzew das Putin…sche Geschäftsmodell nennt, „wird der russischen Gesellschaft und Wirtschaft schweren Schaden zufügen“. Die Studie kommt vom Pariser Institut français des relations internationales und liegt der taz vorab vor.

„Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen in Russland ein elendes Leben ohne Perspektiven führen“, so der auf Zypern lebende russische Ökonom Inosemzew, „wird der Tod zum wirtschaftlich effektivsten Weg, sein Leben in Putins Reich zu leben“.

Dabei setzt der Kreml auf enorme Summen – und gezielt auf Häftlinge, Verarmte, Überschuldete und Menschen aus Randgebieten des Riesenreichs. Oder wie es Inosemzew zynisch formuliert: Der Kreml kaufe „das Leben von Russen, die praktisch keinen wirtschaftlichen Wert hatten – und zahlt ihnen mehr, als diese Menschen bis zu ihrer Rente hätten verdienen können. Diese Politik führte zu einer erheblichen Finanzspritze für die Wirtschaft und zum starken Anstieg der Löhne in den meisten Sektoren, was den Konsum ankurbelte.“

Russland habe so in den Jahren nach der Vollinvasion der Ukraine 2022 ein nachfragegetriebenes Wirtschaftswachstum erlebt. Vor allem in bis dahin wirtschaftsschwachen Regionen, aus denen die meisten derjenigen kamen, die für die Armee angeworben wurden. Ein Drittel der russischen Häftlinge sind in den Krieg gezogen, überwiegend Arbeitslose und Menschen mit geringem Bildungsgrad aus wirtschaftlich rückständigen Regionen. Ein Wirtschaftswunder mit neuen Häusern, teuren Autos und modernen Restaurants in zuvor verarmten Dörfern – bezahlt mit Blut.

„Fleischwolf“ und „Sargprämie“

Deathonomics eben. Die enormen Anwerbeprämien (bis zu 4 Millionen Rubel, umgerechnet 52.000 Euro), ein Jahressold von 5,2 Millionen Rubel, Schuldenerlasse und andere Vergünstigungen sowie eine im Volksmund „Sargprämie“ genannte Zahlung an Hinterbliebene eines Gefallenen von 5 Millionen Rubel: Durchschnittlich belaufen sich die Kosten pro Söldner auf über 200.000 Euro. Das sind gut 13 durchschnittliche Jahreslöhne (99.400 Rubel), steuerfrei. Inosemzew kommt sogar in einigen Fällen auf das 24-Fache, worauf normale Werktätige allerdings noch Steuern bezahlen müssten.

„Putin kauft sich Soldaten, fast egal, was es kostet“, meint der am Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien arbeitende russische Militäranalyst Alexander Golz. Etwa 40 Prozent der Befragten sprachen sich in einer Umfrage dafür aus, dass ein Familienangehöriger unter diesen Bedingungen zur Armee gehen sollte.

Die in Russland „Fleischwolf“ genannte Kriegsführung – in riesigen menschlichen Angriffswellen ohne Rücksicht auf Verluste unter eigenen Soldaten auf den Gegner zurennen – erfordert nach Schätzungen von Mi­li­tär­ex­per­t:in­nen in der Ukraine fast 40.000 neue Soldaten pro Monat. Inosemzew: „Selbst die Erhöhung der Personalkosten auf ein beispielloses Niveau hat die russische Armee nicht effektiver gemacht. Dies ist der gravierendste Mangel der Deathonomics.“

Inosemzew, früher Professor an der Moskauer Higher School of Economics und dann Gründer des Center for Analysis and Strategies in Europe auf Zypern, sieht die enormen Zahlungen als „erheblichen Stimulus für die angeschlagene russische Wirtschaft“. Jährlich würden 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts allein für diese Soldzahlungen und Todesfallleistungen aufgewandt.

Ökonom: „Deathonomics lösen kein einziges Problem“

Ökonomisch gehe diese Kalkulation bisher für den Kreml einigermaßen auf. Aber staatlich orchestrierte Großinvestitionen in Russland – eine Alternative zur Todeswirtschaft – erweisen sich fast immer als Rohrkrepierer: Bisher sei keine der großspurig als Alternative zu Airbus und Boeing angepriesenen Jakowlew-MC21 Mittelstreckenflieger an Fluggesellschaften ausgeliefert worden. Die Produktion eines eigenen russischen Halbleiters, der Baikal-M-Chips, wurde abgeblasen.

Die Deathonomics lösten „keines der drängendsten Probleme“, so Inosemzew: „Das wird weder den technologischen Rückstand überwinden noch die demografische Dynamik oder Russlands Position auf den globalen Märkten ändern. Dennoch fördert dieses Schema ein gewisses ‚Wachstum ohne Entwicklung‘“. Diese Wachstumsraten werden „bezahlt mit Blutvergießen und Todesfällen, aber die russische Führung zeigt sich davon völlig unbeeindruckt“.

Zusätzlich hat sich der gewaltige Kaufkraftschub durch Mega-Sold und „Sargprämien“ in stark gestiegener Inflation entladen. Infolgedessen hat die Russische Zentralbank den Leitzins auf bis zu 21 und zuletzt 16 Prozent festgesetzt. Die hohen Militär-Saläre und stark gestiegene Löhne in der Rüstungsindustrie haben dazu geführt, dass zivile Produktion nicht mehr konkurrenzfähig ist, Kredite unfinanzierbar wurden, Insolvenzen und „faule“ Kredite massiv anstiegen.

Die Folge: Russlands Industrie steckt in der Rezession, die Staatseinnahmen sinken dramatisch. Der vor dem Krieg aus Gas- und Öl-Einnahmeüberschüssen mit fast 800 Milliarden Dollar gefüllte Reservefonds für schlechte Zeiten (FNB) schmilzt wie Schnee in der Sonne. Bei der weiteren Ausgabewelle rechnen Öko­no­m:in­nen mit einem Leeren zum Jahresende und rasant steigenden Haushaltsdefiziten in dem bisher durch Überschüsse verwöhnten Land.

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