Neues Buch von Simon Reynolds: Allem Shoegazing wohnt Melancholie inne
Traumhaftes aus der Tiefschlafphase: „Still in a Dream“, das neue Werk des britischen Autors Simon Reynolds widmet sich Shoegaze, Slackern und Dreampop 1984–94.
Inhaltsverzeichnis
Im Orwelljahr 1984 heißen die größten Popstars Wham!, Depeche Mode, Frankie Goes to Hollywood, Laura Branigan und Prince. Die SciFi-Komödie „Ghostbusters“ wird zum Blockbuster im Kino, sogar der Titelsong von R&B-Sänger Ray Parker Jr. wird im Radio rauf und runter gespielt. Die Kulturindustrie perfektioniert damit zum ersten Mal Crossmarketing als Promotionskampagne.
Rockmusik gilt in dieser Zeit längst als der angestaubte Sound der Eltern, auch der revolutionäre Geist von Punk oder Postpunk als Ergebnis des chaotisch inszenierten „Rock ‚n‘ Roll Swindle“ ist 1984 bereits verpufft.
Synthesizer, Drumcomputer und kühle Hallräume bestimmen den Sound in den Charts. Mithilfe von Midi-Technologie lassen sich Maschinen bereits leichter miteinander synchronisieren und ermöglichen es, mit elektronischen Klangerzeugern wie eine Band zu performen. Schon damals waren Musikergewerkschaften alles andere als begeistert von der neuen Technologie, die so manchen Studiomucker arbeitslos machte.
Simon Reynolds: „Silence in a Dream. Shoegaze, Slackers and the Reinvention of Rock, 1984 – 1994“. White Rabbit, London, 2026. 464 Seiten, ca 25 Euro
Eine deutsche Übersetzung erscheint im Dezember im Ventil-Verlag/Mainz
Popmusiker:innen lassen sich Mitte der 1980er lieber mit einem Umhängekeyboard oder vor virtuellen Tron-Welten ablichten, als öffentlich eine Gitarre in die Höhe zu recken. Selbst die Rolling Stones und Paul McCartney flirten mit der sogenannten New Wave.
Schmalz und geschnitten Brot
Und „You’re My Heart, You’re My Soul“ von Modern Talking (konzipiert vom ehemaligen DKP-Mitglied Dieter Bohlen) war westdeutscher Erz-Synthie-Pop und in seiner Schmalzigkeit – mit der auch Popstars à la Rick Astley ihr Publikum begeisterten – ein State-of-the-Art-Pop-Produkt. Hitsongs verkauften sich noch wie geschnitten Brot.
In der Afrodiaspora der USA entwickelten sich HipHop und das neue elektronische Musikgenre Acid House, erste Tracks, produziert mit minimalistischem Equipment, stürmten an die Chartspitze als Vorhut einer Dancefloorbewegung, die sich konsequent von der Schule der Rockmusik verabschiedete.
Der britische Popjournalist Simon Reynolds startet in seinem neuen Buch „Still in a Dream“ ausgerechnet in dem Jahr, in dem bekanntlich George Orwell seinen Dystopieroman ansiedelte, um sich auf die Suche nach wegweisender Gitarrenmusik zu machen!
Sein Buch endet schließlich 1994. Justamente in dem Jahr, als sich US-Rockstar Kurt Cobain (Nirvana) das Leben nahm. Reynolds möchte mit diesem Buch „die definitive Geschichte der Slacker und Shoegazer“ erzählen, die in dieser kurzen Zeitspanne Undergroundrock seiner Meinung nach „neu erfunden“ haben – und die schließlich im tragischen Weltereignis Nirvana endete. Wie ist es dazu gekommen?!
Sphärenklänge der Cocteau Twins
Eine zentrale Rolle spielen für Reynolds die Künstler:Innen des britischen Indielabels 4AD. Bands wie die US-amerikanischen Pixies, aber vor allem die wavigeren Briten Cocteau Twins, die inzwischen bis in die Gen Z hinein Kultstatus genießen. Vor allem Songs ihres Albums „Heaven or Las Vegas“ dürfen gegenwärtig in keiner Playlist fehlen.
Selbstverständlich handelt das Buch auch von Sonic Youth und den Anfängen der Weltstars R.E.M. Reynolds hat als Redakteur des britischen Musikmagazins Melody Maker zwischen 1986 und 1990 mit allen relevanten Bands Interviews geführt. Und die vielen Zitate machen das Buch auch sehr lesenswert. Sein Fundus an interessanten O-Tönen scheint unerschöpflich.
Den Buchtitel hat er sich von der britischen Shoegaze-Band My Bloody Valentine ausgeliehen: „(When You Wake) You’re Still in a Dream“ heißt ein Song auf ihrem wegweisenden Album „Isn’t Anything“ (1988).
Shoegaze beschreibt den Blick von scheuen Musiker:innen auf den Boden, die seinerzeit vor lauter Bühnenangst mehr mit ihren Effektpedalen als mit dem Publikum in Kontakt traten. Auch die hierzulande sträflich unterschätzte britische Band A. R. Kane, die ihre Musik selbst als „Dream Pop“ labelten, stand bei der Titelgebung Pate. Und natürlich R.E.M. – bekanntlich die Abkürzung für „Rapid Eye Movement“, der sogenannten Tiefschlafphase.
Summer of Love als Geist in der Nebelmaschine
Während selbst bei Hardrockhits wie „The Final Countdown“ von Europe demonstrativ Synthesizer und Sequenzer im Mix nach vorne gemischt wurden, war aus dem Geist des Summer of Love in der Tradition von Blues und Folk nur noch ein Soundtrack zum Einsatz der Nebelmaschine im Stadion geworden.
Wo war er nur hin, der Geist der Jimi Hendrix Experience?! Das psychedelische Spiel mit den Sounds?! Die magischen Verzerrungen in sakralen Hallräumen?! Oft mehrstimmig vorgetragene, verträumte Gesänge à la Mamas and Papas?! Der feingewobene Soundtrack zum LSD-Trip?!
Aber wohin mit dem Unbehagen?! Wenn das, woran man glaubte oder wonach man sich sehnte, so gar nichts mit den Bands und ihren Images im Mainstreampop resonierte? Überhaupt die Unterscheidung von Underground und Mainstream: Musik, die bewusst fürs Collegeradio produziert wurde, ohne Rücksicht auf das, was heute noch als Formatradiosound bezeichnet wird.
Wo eine gewisse LoFi-Ästhetik sowohl aus Geldmangel und mangelnder Produktionserfahrung als eben auch aus einer gewissen Überzeugung heraus entstand. Und wo die Alben am Ende Indielabels wie die schon erwähnten 4AD und das US-Hardcorepunklabel SST in Plattenläden standen – die garantiert noch nicht davon leben mussten, wiederveröffentlichte Fleetwood-Mac-Werke zu verkaufen, so wie das heute der Fall ist.
Sirenen, Wände und Schraffuren
Simon Reynolds findet in der ersten Hälfte seines Buchs einen schlüssigen ästhetischen Faden in seinen klingenden Traumwelten. Vom sirenenhaften Gesang einer Elizabeth Fraser (Cocteau Twins), der nicht nur unfassbar verhallt gemischt ist, sondern oft auch nur aus gut klingenden Worten besteht, über die lauten Rockwände von J. Mascis (Dinosaur Jr.) in bester Neil-Young-&-Crazy-Horse-Manier, bis hin zu den innovativen Gitarrenschraffuren eines Kevin Shields von My Bloody Valentine.
Erstaunlich oft fällt in Reynolds Werk die kalifornische Folkrockband The Byrds als Referenz – ob von Spacemen 3 aus England oder The Replacements aus den USA genannt. Die Punkgeneration hatte weitestgehend versucht, zu allem, was unter Hippieverdacht stand, auf Distanz zu gehen. In Reynolds’ Buch rücken Bands in die Hauptrolle, in denen Frauen endlich zu den stilprägenden Künstlerinnen gehören – wie Kim Deal von den Pixies und Kim Gordon bei Sonic Youth. So spinnt Reynolds die Geschichte der 1960er-Psychedelia konsequent und zugleich auch progressiv weiter.
Aber alle Protagonist:innen kennen sowohl die peinsame Innerlichkeit der Hippiegeneration als auch den enttäuschenden Ausverkauf des Punks. So wohnt aller Rockmusik von „Still in a Dream“ eine schwere Melancholie inne. Und weil vorherige Undergroundbewegungen mit all ihrem oft esoterischen Aufbruchs- und Ausbruchsgehabe die Welt am Ende nur schlimmer gemacht haben, weiß der lärmende Rock von Sonic Youth, Pixies, Hüsker Dü und My Bloody Valentine auch gar nicht, wohin er eigentlich ausbrechen soll. Wogegen er noch aufbegehren soll!
Empfohlener externer Inhalt
Sonic Youth „Star Power“
So tritt die introspektive Musik dieser Zeit als Wall of Sound absichtlich auf der Stelle. In einer schrecklichen Welt, in der Mensch wenigstens seinen Träumen trauen möchte – so diffus sie auch immer sein mögen.
Dass Simon Reynolds in „Still in a Dream“ keinen Blick auf das bundesrepublikanische Geschehen wirft, sei ihm verziehen. Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf seinen Lieblingsbands aus UK und die USA.
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