Neues Album von Crooked Man: Nachts auf der orange beleuchteten Stadtautobahn
„Crooked Stile“ ist das neue Album des britischen Produzenten Crooked Man. Es vermischt House mit Northern-Soul und schmuckloser nordenglischer Lebensart.
Richard Barratt als die graue Eminenz der britischen House-Szene zu bezeichnen, ist stark untertrieben. Barratt repräsentiert House wie kein Zweiter. Dem Künstler selbst wäre dabei vermutlich eher unwohl. Auch auf seinem jüngst unter dem Produzenten-Alias Crooked Man erschienenen dritten Soloalbum „Crooked Stile“ verknüpft der Künstler mit erfrischender Nonchalance sorgfältig gesponnene Fäden zu dicken Tauen und bleibt doch bewusst unsichtbar hinter der kopfstarken Musik.
Oft arbeitet Barratt als Produzent im Hintergrund für Stars wie die irische Künstlerin Roísín Murphy. Für Barratts eigenes Houselabel Bitter End spendieren ihm die Hotshots immer wieder Gesangsspuren und Outtakes, lange bevor diese dann offiziell in anderen Versionen veröffentlicht werden. Das kollektive Arbeiten ist auch ein musikalisches Kennzeichen von „Crooked Stile“.
So hat Crooked Man zusammen mit Roísín Murphy den Track „Projection“ komponiert, eine federleichte, ätherische Disco-Nummer, die die perfekte Begleitung für nächtliche Schleichfahrten auf einer orange beleuchteten Stadtautobahn wäre.
Gleich nochmal im Dub
Die beiden kennen sich schon ewig. Einige Songs auf Murphys Album „Overpowered“ (2006) schrieben sie zusammen und komponierten und produzierten dann 2020 Murphys komplettes Album „Roísín Machine“, von dem Crooked Man schließlich auch eine Dubversion namens „Crooked Machine“ anfertigte.
Crooked Man: „Crooked Stile“ (Vicious Charm Recordings/Word&Sound)
Obwohl Barratt sich selbst und Murphy als eigensinnig und stur charakterisiert, empfindet er die Zusammenarbeit als problemlos: Sie streiten einfach so lange, bis etwas Kreatives herauskommt, das beide mögen.
Eigensinn und Sturheit sind Markenzeichen von Crooked Man. Gelangweilt vom eintönigen Freizeitangebot in Sheffield, fing er 1985 an, als DJ Parrot die tanzwütige Jugend von den grauen Straßen der Industriestadt in den Club „Mona Lisa’s“ zu locken, wo er zusammen mit zwei Kumpels die Partyreihe „Jive Turkey“ organisierte. Ihr Merkmal: Musikalisch nicht auf Genres fixiert schwingen schwarze und weiße Kids zusammen die Hüften.
Nördliche positive Vibes
Wegen der in der Stadt damals üblichen rassistischen Türpolitik war das keine Selbstverständlichkeit. Die positiven Vibes von „Jive Turkey“ verbreiteten sich weiter nach Norden, wo zur gleichen Zeit der Club „Hacienda“ ungleich berühmter wurde. Der Move zum Acid-Rave wurde in Manchester vorbehaltlos mitgemacht, und die Party verkam zum Selbstzweck. Medienwirksamer ist das allemal.
Als komplettes Greenhorn an den Plattentellern kam Parrot nicht auf die Idee, sich als Prediger in der DJ-Kanzel zu inszenieren. Nicht die Person Richard Barratt war wichtig, sondern immer die Musik. Die Leute sollten tanzen. Und das ist bis heute so geblieben. Am besten, wenn sie auch noch mitsingen. Soll heißen, Barratt hält nicht so viel von rein instrumentalen Tracks oder welchen, die vereinzelt ein paar Worte offenbaren, sagt er der taz. Wenn die Vocals den Tanzenden auch noch etwas zum Nachdenken mitgeben, umso besser.
Zum Beispiel im Remix von Jarvis Cockers „CUNTS“, dem fulminanten Finale von „Crooked Stile“. Zum vorwärts hackenden Groove, der einen repetitiven Flickerdreiklang knautscht, konstatieren abgeklärte Frauenstimmen eine traurige Gewissheit: „Cunts are still running this world.“ Arschgeigen beherrschen immer noch die Welt. Resignation macht die Sache nicht besser, doch die Formel beschwört das Kollektiv und preist seine Stärke, auch jenseits der Tanzfläche. Der Track „Scum (Always Rises To The Top)“ vom Debütalbum „Crooked Man“ funktionierte 2016 ganz ähnlich. Probieren Sie es selbst!
Getanzt wurde in Sheffield schon 1986 zur Coverversion „Don’t leave me this way“ von den Communards, die den gleichnamigen Nothernsoul-Klassiker von Thelma Houston in eine abgekühlte High-Energy-Lake tunkten. Crooked Man belebt nun in seiner aktuellen Version mit der Sängerin E. Angel die Soulfulness des Originals und verströmt zugleich nordenglische Härte mittels eines angenehmen stumpfen Beats und schlurrenden Hydrauliksounds, die daran erinnern, dass er zusammen mit Cabaret-Voltaire-Mastermind Richard H. Kirk 1990 unter dem Namen Sweet Exorcist Bleep-Techno erfunden hat. Die Erfindung von Rave will er sich aber nicht anhängen lassen, aber er war zweifelsohne früh dabei.
Auch den herzerweichenden Feenzauber-Song „Love & Resistance“ gab es in anderer Fassung bereits 2015, damals hatte ihn Barratt zusammen mit Mark Brydon und Carmen Squire im Trio Tooth Faeries veröffentlicht. Brydon war neben Roísín Murphy die andere Hälfte des Elektronikdisco-Duos Moloko und hatte zusammen mit Carmen Squire einige Songs komponiert, die eigentlich für die britische R&B-Sängerin Rihanna Kenny gedacht waren. Aber daraus wurde nix und so nahm Crooked Man sich den Demos an und brachte sie auf Tanzflächen-Kurs.
Empfohlener externer Inhalt
Crooked Man „Love&Resistance
„Love & Resistance“ war die B-Seite, die die Tooth Fairies auf dem Sheffielder Label Shabby Doll herausgebracht hatten. Los geht’s mit einem Signatur-Dreiklang, der Beat wummert eher Downtempo, dazu weht ein Hauch, ein paar untermalende Sounds und dann Carmen Squires entrückte Stimme. Ein Track, der zum Aufbruch und zugleich zum Relaxen einlädt.
Das ist eher ein Yachtrock-Effekt, den man vom Fleetwood-Mac-Klassiker „Big Love“ erwarten würde. Doch weit gefehlt. Wie Barratt der taz sagt, war er darauf fixiert, dass sein guter Freund Steve Edwards, der auch das Label Shabby Doll betreibt, den Gesangspart übernimmt. Für Barratt ist Edwards die personifizierte Liebe, „Big Love“ folgerichtig der perfekte Song.
Edwards überraschte seinen Auftraggeber jedoch, indem er dem Gesangspart einen dezent sinistren Unterton beifügte und die glaubwürdige Liebeslied-Atmosphäre des Tracks düstere Schlagseite bekam. Für ihn „wurde das ‚Haus auf dem Hügel‘ dadurch eher zum Gefängnis als zum Liebesnest. Aber vielleicht handelte der Text sowieso davon, und ich hab’s einfach nicht kapiert.“
Wie dem auch sei, Crooked Man folgt seinem Sänger und untermauert den Eindruck des Fatalen mit Flummibeats, Morsezeichen, Gabber- und Flutwellensounds sowie Teufelsgelächter. Dieser Twist macht den Track zur rasanten Talfahrt – nicht zurückschauen! – und berührt mehr als das Original.
All das wäre nichts ohne David Lewin, der in den Credits von Murphy über Tooth Fearies bis zu allen Barratt-Produktionen als Tontechniker, Arrangeur und Musiker auftaucht. „Um ehrlich zu sein, macht Dave die ganze Arbeit“, sagt Barratt. „Ich beherrsche kaum eine Note, aber ich habe gelernt, zu tricksen! Ein gewöhnlicher Arbeitstag von Dave und mir lässt sich ungefähr so beschreiben: Zunächst einmal stifte ich Verwirrung, bis Dave wirklich ärgerlich wird. Dann versuche ich ihm ohne musikalische Fachausdrücke zu erklären, was ich gern machen würde. Er setzt mein Laien-Gefasel dann um. Selbstverständlich grätsche ich ständig dazwischen, gebe mal grünes, meist rotes Licht.“
In Sheffield nennen sich die Leute gegenseitig ‚Love‘ und gehen hart, aber herzlich miteinander um. Das hört man in der Musik von Crooked Man in jedem Takt.
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