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Neues Album von A$AP RockyEr rappt richtig linksliberal

Sozialkritische Botschaften in einer Krisenzeit: „Don’t Be Dumb“, das neue Album des US-Rappers zeigt einen scheinbar geläuterten Star.

Und es macht bling-bling: Rapper A$AP Rocky Foto: RCA

Dass Philanthropie von Tech-Milliardären wie Elon Musk und Mark Zuckerberg auch nur eine opportunistische Performance ist, steht endgültig fest. E-Mobilität als Chance für die Umwelt und Fact-Checking als Stärkung für die Demokratie sind bei ihnen längst Allmachtsfantasien und Männlichkeitswahn gewichen.

Und damit einher geht leider auch die Erkenntnis, dass Pop offensichtlich kaum etwas ausrichten kann gegen autoritäre Entwicklungen. Das wissen wir spätestens, seit Taylor Swifts Positionierung und Mobilisierung ihrer Fans gegen Trump im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl scheiterte. Es sind brisante Zeiten, das riesige Land ist schwer zu organisieren und steht am Abgrund. Da stellt sich die Frage, wie Rapper darauf reagieren, die ja zumindest früher ihre Stimme für die Marginalisierten erhoben.

In den letzten Jahren ging es im HipHop-Mainstream aber vor allem um ein Zusammenspiel aus weirdness, Drogen und Gewehrsalven. Opioide bis der Arzt kommt, manchmal kam er dann auch zu spät. Dissoziation durch Konsum. A$AP Rocky, Vorzeigerapper aus New York seit 15 Jahren – zumindest, wenn es darum geht, wer der Charmanteste ist –, konnte das schon immer gut.

Zum Karrierestart veröffentlichte er ein Mixtape, das so klang, wie man sich einen Opioidrausch vorstellt. Verhangen, schleppend, alles tröpfelte langsam vor sich hin und bildete am Boden eine sämige Soundpfütze. Rocky, ein Gangsta, dem nichts Brutales, sondern eher etwas „Ocean’s Eleven“-artiges Verschlagenes anhaftete. Charmant und verzinkt zugleich.

Erfolgreicher sozialer Aufstieg

Jetzt hat er sein neues Album „Don’t Be Dumb“ veröffentlicht. Rockys erstes Lebenszeichen seit sieben Jahren. Sein neues Werk bietet zumindest eine Idee davon, wie es klingt, wenn ein millionenschwerer Schönling, der den Klassenaufstieg vom kleinkriminellen Sohn einer alleinerziehenden Mutter hin zum Popstar erfolgreich vollzogen hat, checkt: Da läuft gerade was falsch in den USA, bei der Apokalypse mitmachen ist keine Option. Also: „Don’t be dumb“, rappt er, sei nicht blöd – immer wieder übers ganze Album verteilt. Es ist zu spüren, wie er die Stirn in Falten zieht und ungläubig auf die MAGA-Welt blickt.

„This is the way the world ends“, wiederholt er auf seinem Song „The End“ immer wieder, und diesem Mantra scheint in den letzten Jahren ein Reflexions-, womöglich sogar ein Politisierungsprozess vorausgegangen zu sein. Für seinen Teil beschäftigt sich Rocky nicht nur mit Rassismus und sozialer Ungleichheit im Bildungssystem, sondern auch mit dem Bienensterben und dem Klimawandel.

„It’s hard to sing ‚Sunshine, good morning‘ with global warming“, rappt er, und es folgt die Erkenntnis, dass A$AP Rocky wohl mittlerweile so was ist wie ein Linksliberaler.

In der Öffentlichkeit erwachsen geworden

Das hat sicher auch mit seinem Privatleben zu tun, das die Regenbogenpresse mehr interessiert als seine Musik. Er ist Vater geworden, mehrfach. Und die Mutter seiner Kinder ist nicht irgendjemand, sondern Rihanna. A$AP Rocky wirkt gesettelt, ein „Grown Man“, der zwar in den letzten Jahren immer wieder vor Gericht stand, aber letztlich davonkam.

An Impulskontrolle mangelt es noch, so scheint es, und das hört man auch in der Musik auf dem neuen Album. Denn natürlich ist „Don’t Be Dumb“ bei aller Liebe kein Polit-Album. A$AP Rocky ist weder Kendrick Lamar noch Teil von Run The Jewels, sondern immer noch einer, der sich als Rapstar eben auch durch Schönheit und Extravaganz definiert.

Für das Album bedeutet das inhaltlich, dass Rocky sein angelerntes kulturelles Kapital in Sachen Mode und Wohlstandscodes auslebt und dabei so versiert klingt, dass es Spaß macht zuzuhören. Und es bedeutet, dass er trotz glücklicher Beziehung weiterhin davon erzählt, dass Frauen ihm grundsätzlich ziemlich zugetan sind.

Lachen mit Salven

Es ist charmante Angebermusik, und manchmal hallen zwischendurch sogar mit dem Mund geformte Schussgeräusche, die aber nicht klingen wie die Morde der ICE-Paramilitärs, sondern so, als würde Rocky seine Kinder zum Lachen bringen wollen.

Und noch etwas ist interessant, Stichwort Ästhetik. A$AP Rocky hat sein Repertoire längst erweitert, baut nicht mehr nur auf trockene Beats und auch nicht darauf, dass alles blurry klingt. Es gibt die Gitarren, es gibt im Kontrast dazu die zerhackten elektronischen Dissonanzen, es gibt „Rocky Punk“ genannten Indiepopsong, und immer wieder zitiert er Horrorfilm-Rap aus Memphis.

Das Album

A$AP Rocky: „Don't be Dumb“ (RCA/Sony)

Viele Dinge, die sich andernorts bewährt haben und für einen gewissen Untergrundcharme stehen und noch immer als cool gelten, fließen nun bei ihm zusammen. Auf „Robbery“, schon wieder so eine filmische Räuberballade, erklingt sogar ein Jazzpiano. Und die verträumte US-Singer-Songwriterin Jessica Pratt singt ein paar leise Zeilen auf dem schon erwähnten Song „The End“.

Am Ende kommt die Erkenntnis, dass hinter „Don’t Be Dumb“ ein Künstler steht, der alles erreicht hat und trotzdem noch ein aufrichtiges Interesse an Musik besitzt. Das ist gerade bei Rapstars keine Selbstverständlichkeit. Und womöglich bewirkt es ja auch etwas, dass neben all dem angeberischen Gecroone Rocky mit „Don’t Be Dumb“ auch seinen Standpunkt klarmacht. Und der steht dem disruptiven Politikstil der Regierung Trump fundamental entgegen.

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