Neues Album des Jazztrios Grünen: Aufgehobener Zeilensprung

Pianist Achim Kaufmann gehört zu den Größten seines Fachs. Über die Konzertpause hinweg hilft das Album „Disenjambment“ seines Trios Grünen.

Ein Mann mit Brille sitzt lächelnd am Klavier.

Hat viel Sinn fürs Offene und für Überraschungen: der Pianist Achim Kaufmann Foto: Peter Gannushkin

Musiker, bewusst oder unbewusst, denken in Musik. Sie hat Strukturen, folgt Regeln, die man enger oder weiter fassen kann, es gibt in ihr Formen wie Satz oder Phrase. Was die Frage aufwirft, wie sich Musik und Sprache zueinander verhalten. Ist Musik am Ende eine Sprache?

So heißt es gern über Musiker, sie hätten eine bestimmte „Klangsprache“ entwickelt. Was einerseits verständlich ist, hat Musik doch Rhythmus, es gibt auch so etwas wie Intonation. Überhaupt findet sich vieles, was die Musik in ihrem Klang kombiniert, in nahezu identischer Form in der Sprache. Dort ist umgekehrt von Dingen wie „Sprachmelodie“ die Rede.

Trotzdem ist die Frage nicht so eindeutig zu beantworten. Zumal man mit Musik allein kaum ein Bier bestellen oder Nachrichten formulieren kann. Provisorisch könnte man festhalten, dass Musik strukturiert ist wie eine Sprache.

Der Pianist Achim Kaufmann hat in dieser Frage eine sehr differenzierte Ansicht. Zwar stimmt er zu, dass Musik „kein eindeutiges Kommunikationsmittel für Inhalte und Bedeutungen“ ist. Andererseits hält er dagegen: „Was jedoch nicht heißen soll, dass es nicht auch konkrete Botschaften und Signale in Musik geben kann, die – zumindest in einem spezifischen kulturellen Zusammenhang – allgemein verstanden werden können.“ So könne Musik „für bestimmte Ideen, Bilder, Emotionen, Impulse auch das geeignetere Medium (die geeignetere Sprache) sein als ‚Sprache‘“.

Kaufmann hat sich einen ähnlich ausdifferenzierten Zugang zu seinem Instrument erarbeitet. Haarfein zwischen Komposition und Improvisation bewegt sich seine Musik, die man getrost Jazz nennen kann. Keine unverbindlichen Freundlichkeiten zur Hintergrundbeschallung diskreter Bars. Dafür viel Dichte, manche Reibereien und sehr viel Sinn fürs Offene. Der Reiz beim Musikmachen besteht für ihn in der „Ambiguität“.

Solo ebenso aktiv wie in diversen Projekten

In den achtziger Jahren studierte Kaufmann in Köln bei den Pianisten Frank Wunsch und Rainer Brüninghaus. Danach lebte er in Amsterdam, vor gut zehn Jahren zog er nach Berlin. Er arbeitet viel solo, spielt und spielte aber zugleich in verschiedenen Gruppen. Unter seinen aktuellen Projekten ist auch das 2009 gegründete Trio Grünen mit dem Bassisten Robert Landfermann und dem Schlagzeuger Christian Lillinger. „Disenjambment“ heißt der Titel ihres in diesem Jahr erschienenen zweiten Albums. Womit man wieder bei der Frage nach der Sprache angelangt wäre.

Denn „Enjambement“ ist ein Stilmittel der Dichtung. Es bezeichnet einen Zeilensprung, der meistens dadurch zustande kommt, dass eine Satzeinheit länger ist als das Ende des Verses: „Warte nur! Balde/ Ruhest du auch“, um ein berühmtes Beispiel zu nehmen (Goethe). Beim „Disenjambment“, nach dem die Platte benannt ist, fehlt hingegen nicht bloß ein „e“ in der Mitte, es hinterlässt einen vor allem ratlos, wie das Präfix „Dis“ zu verstehen ist, das normalerweise für Verneinung steht.

Geht es um den verneinten Zeilensprung, also Versmaß as usual? Was auf gehobenen Quatsch hinausliefe. Oder, ganz anders, ist das „Dis“ musikalisch gemeint, als der Ton Dis, bei dem man landet, wenn man sich vom D einen Halbton aufwärts bewegt? Also ein Zeilensprung, welcher Art auch immer, bei dem das Dis eine maßgebliche Rolle spielt?

Durch unbekanntes Terrain

Egal, welche Option man bevorzugt, landet man bei einem Wortspiel, in dem Kaufmann eine intellektuell spielerische und verspielte Herangehensweise ans Musizieren erkennen lässt: Bei aller Strenge der Ausführung, in der das Trio Grünen auf höchstem Niveau wie selbstverständlich durch unbekanntes Terrain navigiert, sind stets etwas Leichtes in der Beweglichkeit und viel Freude am Unbekannten zu hören. Zu Beginn eines Stücks weiß man nie, was einem unterwegs an Entwicklungen begegnet. Von denen gibt es viele unerwartete.

Grünen ist eine Art Kammerjazz-Gipfeltreffen, alle drei Beteiligten sind auf Augenhöhe im höchst anspruchsvollen „Gespräch“ miteinander. Man kann diese Art des Aufeinander-Hörens akademisch finden, was allerdings vorwiegend nominell zutrifft: Zwei der drei Musiker sind Professor an einer Musikhochschule, Kaufmann seit 2018, Landfermann seit 2019.

„Akademisch“ heißt bei dieser Aufnahme ganz sicher nicht blutarm, sondern blitzschnelles Reagieren, feines Ausspinnen von Einfällen – und ein Zusammenspiel, bei dem gar nicht immer klar ist, was frei und was nach Noten zustande gekommen ist. Energisch ist im Zweifel beides. Wobei die Unvorhersehbarkeit nichts mit Regellosigkeit zu tun hat.

Für Grünen sind Regeln keine Handlungsanweisungen, die die eigene Bewegungsfreiheit beschränken, sondern umgekehrt die zugrundeliegenden abstrakten Prinzipien, die ihre spontane, strukturierte Freiheit in alle denkbaren Richtungen ermöglichen. Rhythmisch, harmonisch, melodisch und klanglich. Und dass nicht alles harmonisch klingt, kommt im Jazz halt hin und wieder vor. „Zusammen“ bedeutet schließlich weder zwangsläufig „unisono“ noch „konsonant“.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben