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Neuer WirtschaftsweiserFelbermayr für Emissionshandel in Landwirtschaft

Der Top-Ökonom empfiehlt, dass die EU Treibhausgase, Dünger und Pestizide der Agrarbranche bepreist. Das soll Umweltschäden reduzieren.

Landwirte liefern Nahrungsmittel, aber schaden auch der Umwelt: Traktor fährt mit angehängter Egge auf einem Feld in Brandenburg Foto: Soeren Stache/dpa

Der designierte Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr rät, die Landwirtschaft in den EU-Emissionshandel einzubeziehen. „Das gleiche Instrument sollte auch auf andere Schadstoffe wie Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmittel ausgeweitet werden“, heißt es in einer Studie, die der Ökonom gemeinsam mit Kollegen seines Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Umweltorganisation Nature Solidarity verfasst hat. Ein „Grenzausgleichsmechanismus“ solle verhindern, dass dann ein Teil der Lebensmittelproduktion ins Ausland außerhalb der EU verlagert wird.

Die Landwirtschaft liefert der Studie zufolge zwar die Rohstoffe zur Ernährung. Aber die Branche verursache weltweit rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen. Zudem gebe sie pro Hektar Ackerfläche jährlich über 50 Kilogramm mehr Stickstoff in die Umwelt ab, als von den Pflanzen aufgenommen wird. Das trägt zur Verschmutzung des Wassers bei. Die Autoren sehen auch einen „maßgeblichen Beitrag zum Artensterben durch Pflanzenschutzmittel und die dadurch ermöglichten Anbauverfahren“.

Doch diese Umweltschäden würden bisher weder von den Landwirten noch den Verbrauchern über den Preis der Güter bezahlt. „Das begünstigt den Einsatz von Produktionsmethoden mit negativen Auswirkungen auf die Umwelt“, so das Autorenteam um Felbermayr, der in Kürze in den Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen werden soll. Zwar schreibe die Europäische Union den Landwirten Umweltauflagen vor, wenn sie Agrarsubventionen erhalten wollen. Aber dieses System sei teuer, bürokratisch und „nicht sehr wirksam“.

Verursacher zur Kasse bitten

Deshalb empfiehlt Felbermayr „marktbasierte Instrumente nach dem Verursacherprinzip, weil sie Umweltschäden einen Preis geben und dort ansetzen, wo sie entstehen“. Gleichzeitig würden sie den Betrieben die Freiheit lassen, diese Kosten des Umweltverbrauchs auf die günstigste Weise zu senken.

Ein Emissionshandel für die Landwirtschaft ist so ein System: Die Agrarbetriebe müssten je Tonne Treibhausgas ein Zertifikat bezahlen. Falls sie es nicht mehr benötigen, könnten sie es verkaufen. Doch welche Treibhausgase genau an welcher Stelle bepreist werden sollen, lässt Felbermayr offen. Zu aufwendig sei, die Emissionen jedes Betriebs individuell zu berechnen. Aber der Staat könnte zum Beispiel bei der Zahl der Tiere ansetzen, mit der der Ausstoß von Methan und Lachgas zusammenhängt. „Betriebe müssten Zertifikate für jede Vieheinheit erwerben“, skizziert Felbermayr.

Allerdings müssten die Verbraucher zumindest vorübergehend etwas mehr für Lebensmittel bezahlen. Der Anteil der Kosten von landwirtschaftlichen Rohstoffen an den Preisen sei jedoch gering, so die Studie. Ein „Klimageld“ beispielsweise könnte die Belastung reduzieren.

Der Deutsche Bauernverband ließ eine Bitte der taz um Stellungnahme bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Vor Kurzem hatte Verbandspräsident Joachim Rukwied jedoch aus Anlass des Irankriegs gefordert, selbst die bisherige CO2-Bepreisung von Diesel auszusetzen, die auch die Landwirtschaft belastet. Die Betriebe könnten sonst die aktuellen Kostensteigerungen nicht tragen, so Rukwied.

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