Neuer „Tatort“-Darsteller Dar Salim: „Kein Vorbild, aber ein Beleg“

Am Pfingstmontag ist der Däne Dar Salim zum ersten Mal als Kommissar im „Tatort“ zu sehen. Ein Gespräch über liebe Bösewichte und harte Klischees.

Der Schauspieler Mads Andersen

Dar Salim verkörpert im Bremer „Tatort“ Kommissar Mads Andersen Foto: Christine Schroeder

Einmal als Kommissar im „Tatort“ ermitteln – davon träumt so mancher Schauspieler in Deutschland. Bei Dar Salim, der es sich gerade draußen auf seiner Terrasse mit Laptop bequem gemacht hat, ist es umgekehrt: Dass ein internationaler Top-Schauspieler einmal die Rolle eines Kommissars übernimmt – davon konnte das deutsche Fernsehen nur träumen. Ab Montag ist es so weit: Salim spielt in Bremen den Ermittler Mads Andersen. Die Figur hat er sogar mitentwickelt. Wie es dazu kam, wird er gleich im Videointerview erzählen, bei strahlendem Sonnenschein über seinem Haus in der Nähe von Kopenhagen, in fließendem Deutsch. Doch erst mal klingelt es an der Tür. Salim öffnet. Ein Paketbote.

Dar Salim: Post aus Deutschland. Das Drehbuch für den zweiten „Tatort“, wir haben morgen Leseprobe.

taz: Herr Salim, das heißt, es geht weiter?

Wie es aussieht, ja.

Im ersten Teil, so viel darf man sicher verraten, sieht es nicht danach aus. Ihre Figur ist nur mit Rollkoffer unterwegs, immer kurz vor der Heimreise nach Dänemark. Warum bleibt er?

Grundsätzlich ist dieser Kommissar ein Typ, der sich an einem gewissen Punkt entscheidet, ob er eine Sache durchzieht oder nicht. Wenn er es will, dann beendet er es auch, egal was es kosten mag. Ob er wirklich länger in Bremen bleibt und warum, das müssen wir im zweiten Fall sehen.

Das steht in dem Drehbuch, das Sie gerade bekommen haben.

Genau.

Seine Vergangenheit wird nur angedeutet, es ist von heiklen Undercover-Einsätzen die Rede. Seine dunkle Seite?

Er macht seinen Job sehr gut. Aber das Leben ist nicht schwarz oder weiß, auch nicht bei der Polizei, daher würde ich sagen: Er ist ein komplizierter Mensch, aber er steht absolut auf der guten Seite. Mads agiert wie ein Chamäleon, ein Schauspieler, der mit sehr viel Empathie genau wahrnimmt, wie Menschen ticken und was sie denken. Das wiederum spüren die Leute und öffnen sich deshalb. So kommt er an seine Informationen. Typen wie er sind kompromisslos bei ihrer Arbeit, und das bedeutet auch Verluste im Privatleben.

Gibt es Parallelen zu Ihnen? Sie sagten, er agiert wie ein Schauspieler?

Absolut. Als Schauspieler muss man ja alle Charaktere in sich selbst finden, egal wie schlimm sie sind oder wie positiv. An der Figur des Mads Andersen arbeiten der Drehbuchautor Christian Jeltsch und ich seit zwei Jahren. Ich liebe diesen Charakter sehr, er hat viele Seiten, die ich mag: Er denkt sich intensiv in Leute hinein, versucht sie ohne Vorurteile oder Vorverurteilungen zu verstehen, auch wenn sie schreckliche Verbrechen begangen haben. Mads macht seine Polizeiarbeit so wie ich meine Schauspielarbeit.

Wie kam es dazu, dass Sie die Rolle mitgestaltet haben?

Das Angebot habe ich vor etwa drei Jahren erhalten. Ab und an hatte ich schon Rollen in deutschen Produktionen, daher habe ich eine Einladung für das Casting zum Bremer „Tatort“ bekommen – die ich aber erst mal ausgeschlagen hatte. Ich dachte, früher oder später kämen die Produzenten sowieso zu dem Schluss, dass die Rolle mit einem deutschen Schauspieler besetzt werden müsse. In Großbritannien habe ich das auch schon erlebt, zunächst kam ein Angebot für eine Hauptrolle, dann wollte man lieber einen Engländer.

Aber hier kam es anders.

Ja, für den „Tatort“ sollten tatsächlich starke Schauspieler aus ganz Europa gecastet werden. Ich habe mich beteiligt und es hat geklappt. Nun bin ich der erste Däne, der einen deutschen Kommissar spielt. Das fügt sich ganz gut in meine bisherige Laufbahn: Ich habe das große Glück, es sozusagen „geschafft zu haben“, Hauptrollen spielen zu können und dafür anerkannt zu werden.

Sie sind als Kind mit Ihren Eltern aus dem Irak geflohen und mit sieben Jahren nach Dänemark gekommen, Ihre Eltern hatten dort Asyl beantragt. Jetzt sind Sie einer der beliebtesten Schauspieler Dänemarks.

Lange Zeit haben Menschen, die nicht der typischen Vorstellung davon entsprechen, wie Dänen auszusehen haben, nur Nebenrollen gespielt. Sidekicks, oder sehr stereotype Rollen. Die Generation nach mir hat jetzt andere Möglichkeiten.

Wird man als Schauspieler nicht mehr in Klischeeschubladen gesteckt?

Dieses Problem haben Schauspieler nach wie vor. Aber es lässt sich auch ändern. Dir werden so lange bestimmte Rollen angeboten, bis du selbst aktiv wirst und das Narrativ von dir änderst. Ich habe es immer so gehalten, dass ich stereotype Rollen abgelehnt habe – unabhängig davon, ob ich dann die Miete bezahlen konnte. Das heißt aber nicht, dass ich die Rolle des arabischen Clan-Chefs per se nicht annehme.

Person

Geboren 1977 in Bagdad, kam als Siebenjähriger nach Dänemark. Nach dem Abitur ging er zum Militär, anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Piloten, die er u.a. mit Jobs als Koch und Fitnesstrainer finanzierte. Parallel zu seiner Tätigkeit als Pilot nahm er Schauspielunterricht in New York.

Karriere

Seit 2003 ist er in dänischen TV- und Kinoproduktionen zu sehen, u.a. in „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ oder „Dicte“. International bekannt wurde er mit seiner Rolle des Blutritters Qotho in „Games of Thrones“. Ab Pfingsmontag ermittelt er als Polizist Mads Andersen im neuen „Tatort“-Team aus Bremen.

Diese Rolle haben Sie 2014 gespielt, interessanterweise auch in einer Folge des Bremer „Tatorts“, „Brüder“ hieß sie. Sie haben sehr gute Kritiken dafür bekommen.

Es gibt einen Unterschied, den man verstehen muss: Die Figur des Clan-Chefs ist nicht notwendigerweise eine stereotype Rolle, solche Typen gibt es ja in Deutschland. Sie müssen also auch gespielt werden. Die Frage ist aber, wie man sie spielt. Deshalb war die Rolle damals erfolgreich, weil ich sie nicht als überzeichnet böse gespielt habe, sondern versucht habe, einen sehr bösen Menschen zu zeigen. Er war auch charmant, er hatte Humor, zeigte sich liebevoll und so weiter. Daraus ergibt sich erst der wahre Abgrund. Entscheidend ist, wie die Rolle geschrieben ist. Und problematisch wird es dann, wenn das die einzigen Rollen sind, die mit PoC-Schauspielern besetzt werden. Ich spiele in Dänemark ganz selbstverständlich den lustigen Onkel im Kinderfilm, den Ehemann, den Polizisten, den Helden, den Kriegsveteran oder den Mann, der seinen Sohn verloren hat.

Oder den „Macho Man“, einen schwulen türkischstämmigen Cousin in der gleichnamigen deutschen Komödie.

Auch den, ja. Wenn ich einen Film wie „Macho Man“ mache, dann beinhaltet das auch eine Chance. Die Figur hilft dem weißen Deutschen, der sich in seine Schwester verliebt hat. Das ist im Hinblick auf Stereotype das umgekehrte Konstrukt. Prinzipielle Veränderungen in den Rollenbesetzungen lassen sich im Castingprozess steuern. Über die deutsche Filmindustrie weiß ich in der Hinsicht zu wenig, aber in Dänemark gibt es langsam ein Umdenken. Wenn Produzenten für eine Rolle eine Frau oder einen Mann zwischen 35 und 40 suchen, dann können nicht mehr nur weiße Schauspieler präsentiert werden. Das kann man auch einfordern.

Das heißt aber noch nicht unbedingt, dass der weiße Schauspieler nicht doch die Rolle bekommt, oder?

Wenn ich in einem Casting die Chance bekommen habe, habe ich sie genutzt und den Leuten gezeigt, dass ich der Beste im Raum bin. Man darf den Leuten keine Möglichkeit lassen, sich für andere zu entscheiden, egal wie vorurteilsbeladen manche in der Branche noch sein mögen.

Bevor Sie Schauspieler wurden, hatten Sie etliche andere Jobs, Sie waren auch Pilot. Schon zwei Berufe, von denen viele Kinder träumen. Was wollten Sie als kleiner Junge werden?

Ich bin in der sogenannten Arbeiterklasse aufgewachsen, die Leute hatten nicht sehr viel Geld, es gab auch keine Künstler oder kreativen Leute in meinem Umfeld. Die Schulen waren auch mittelmäßig. Aber es gab in der Nähe einen Flughafen, daher habe ich ganz naiv gedacht: Pilot! Das ist der beste Job, den es gibt. Man verdient 3.000 bis 4.000 Euro im Monat – für mich damals unfassbar viel Geld, was macht man damit? – man trägt eine Uniform und arbeitet international. Im Rückblick würde ich sagen, das Wichtigste war nicht der Job an sich, das Reisen als Pilot, sondern meine eigene Reise von diesem kleinen Jungen zum Piloten in Uniform: zu zeigen, dass das möglich war. Denn eigentlich war es für Kinder wie mich nicht möglich, aber ich habe es trotzdem geschafft.

Wie?

Die Leute glauben, sie kennen die Wahrheit, aber sie kennen auch nur ihre Sicht. Wenn jemand zu mir sagt, das geht aber nicht oder das kannst du nicht machen, dann sage ich bis heute: Danke für den Rat, aber ich mache das jetzt und dann sehen wir weiter.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Sie haben sich nicht von strukturellen Widerständen abhalten lassen?

Man muss die Augen offenhalten und einen Weg finden. Ich halte es für ein großes Problem der kommenden Generation, also die unserer Kinder, dass sie so privilegiert leben. Sie haben alle Möglichkeiten und erwarten, dass die Welt oder das Leben fair zu ihnen ist. Das Leben ist aber nicht fair. Du kannst alles richtig machen und trotzdem die Chance nicht bekommen oder verlieren. Egal wer du bist, du wirst auf Steine auf deinem Weg treffen, auf Leute, die nein sagen. Wer aber erwartet, dass alles fair zugeht, den treffen diese Schläge viel härter.

Nach Ihrem Abitur sind Sie zum Militär gegangen. Weshalb?

Das war ein Instinkt. Heute kann ich das erklären, damals war es mir nicht klar. Ich hatte das Gefühl, ich müsste über die Begrenzungen meines damaligen Lebens gucken. Zwar wusste ich nicht, wohin das führen würde, aber ich wollte es herausfinden. Das Militär war eine ganz andere Welt mit anderen Typen, anderen Regeln, anderen Erwartungen, ein anderer Lebensort.

Wie war die Zeit im Rückblick, wurden Sie dort auch angefeindet?

Es war eine Herausforderung. Ich habe dabei meine Stärken kennengelernt, aber auch die Schwächen. Eine Woche in einem Wald leben ohne Nahrung, einfach immer weitergehen und weitermachen, dann die langen Wartezeiten, die Disziplin, Chefs, die total inkompetent sind, aber trotzdem weisungsbefugt. Das sind alles Erfahrungen.

Aber Ihre Herkunft war kein Problem?

Nein, das war in meinem Leben auch sonst nie ein Thema. Es läuft immer mit, weil ich so aussehe, wie ich aussehe, aber ich habe nie ein Thema daraus gemacht. Auch nicht in Interviews, denn ich weiß, wie einfach es ist, das Thema abzumoderieren. Niemand würde ja zugeben, dass man eine Rolle wegen der Hautfarbe nicht bekommen hat. Es ist und bleibt ein schwieriges Thema, und alle haben eine eigene Agenda. Die Filmindustrie besteht ja nun nicht aus Rechtsradikalen, in Deutschland sicherlich auch nicht, dort arbeiten Humanisten, die an das Gute glauben, die aber trotzdem manchmal blind sind und stereotype Vorstellungen haben.

Haben Sie Erinnerungen an die Zeit, als Sie mit Ihren Eltern in Dänemark angekommen sind?

Ja, aber ich halte sie für nicht so bedeutend für meinen weiteren Lebensweg. Das ist 35 Jahre her und war die erste Strecke meines Lebens, seither habe ich so viele Leben gelebt. Die ersten Schritte waren schwierig, du kannst die Sprache nicht, musst sie lernen und verstehen, musst mit den Leuten umgehen, von zu Hause bekommst du kaum Hilfe, weil die Eltern ja auch alles lernen müssen. Ich hatte keine Wahl und musste sehr jung selbstständig sein.

Was halten Ihre Eltern von Ihrer Karriere, sind Sie stolz?

Ja, die freuen sich. In Dänemark bin ich schon ziemlich bekannt, und die Leute in ihrem Umfeld wissen, dass ich ihr Sohn bin, das freut sie.

Mischen Sie sich auch in politische Debatten in Dänemark ein? Das rechte politische Spektrum bekommt dort auch Zulauf.

Da halte ich mich bewusst heraus. Ich glaube, mein Job ist es, die Leute jeden Sonntagabend oder wann auch immer sie Filme sehen, davon zu überzeugen, dass ich die Person bin, die ich spiele. Ich will, dass sie mir alle Rollen und Figuren abnehmen. Das geht nur, wenn ich eine unbeschriebene Person bin. Man kennt das ja aus dem eigenen Bekanntenkreis: Menschen mit starken Haltungen verbindet man immer damit. Wenn dieser Mensch dann im Kino überzeugend einen Arzt oder einen Polizisten verkörpern will, dauert es viel länger, bis diese Haltung nicht mehr präsent ist. Das gilt übrigens auch für mein Privatleben, ich halte mich von der Boulevardöffentlichkeit völlig fern. Niemand in Dänemark weiß, ob ich eine Freundin habe oder nicht. Und trotzdem glaube ich, dass ich, ohne darüber zu reden, einen großen politischen Unterschied in Dänemark mache.

Wie meinen Sie das?

Menschen, die aussehen wie ich und jeden Tag in den Nachrichten gesagt bekommen, dass sie nicht gut genug sind, also ständig mit dieser Doppelmoral konfrontiert werden, diese Menschen sehen, dass das nicht stimmt. Wir können es schaffen und etwas erreichen. Sicher werden nicht alle Schauspieler, aber sie sehen, dass ein Aufstieg in unserem Land möglich ist. Ich glaube, dass das viel mehr bringt als reden.

Sie sehen sich als Vorbild?

Ich bin kein Vorbild, aber ein Beleg: Man muss es ja immer sehen, um es glauben zu können. Es ist sicher kein Zufall, dass Nico Rossbergs Vater auch Formel-1-Fahrer war. Hassan oder wie auch immer er heißen mag, könnte auch der schnellste Formel-1-Fahrer der Welt sein, aber wir finden es gar nicht erst heraus. Weil ihm niemand sagt, komm setz dich mal in ein Go-kart und zeig uns, was du kannst.

In der Serie „Borgen“ haben Sie einen Politiker einer linksökologischen Partei gespielt. Wie haben Sie sich in diese Welt eingearbeitet?

Ich war immer politisch interessiert, von daher war es inhaltlich kein großes Ding. Zur Vorbereitung habe ich mich mit Politikern getroffen und bin öfter ins Parlament gegangen. Schauspielerisch habe ich dabei eine Menge gelernt. In der ersten Staffel „Borgen“ hatte ich zwar nicht mein Debüt, aber die zweite große TV-Rolle. Damals wusste ich nicht so genau, wie man an die Story herangeht, wenn man eine Nebenrolle spielt. Man hat ja nur zwei Takes und dann geht es schon weiter. Nach und nach habe ich mir in der Rolle dann eigene Entscheidungen zugetraut, zum Beispiel auch beim Kostüm. Das ist ja auch immer so eine ­Sache.

Inwiefern?

Ich bin mit Kostümbildnern nicht immer auf einer Wellenlänge. In der ersten Staffel „Borgen“ haben sie meine Figur mit T-Shirt eingekleidet, weil sie einen anderen Typus Politiker verkörperte. In der zweiten Staffel habe ich mich durchgesetzt und Amir Dwian trug einen Anzug und Krawatte. Der Punkt ist, dass es zum Zeitpunkt der Serie in Dänemark keine Politiker mit dunkler Hautfarbe gab. Das hat sich geändert, jetzt haben es einige geschafft. Aber Dwian war auch in der Serie der Erste. Und wenn du der Erste bist, dann verhältst du dich nicht anders, weil du an sich ja schon außergewöhnlich bist. Mit Krawatte hat die Rolle dann auch gleich besser funktioniert.

Susanne Lang ist freie Journalistin in Berlin und hat nach diesem Gespräch noch einen Grund mehr, endlich bei „Game of Thrones“ einzusteigen.

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