Neuer Roman von Kazuo Ishiguro: Die gekaufte beste Freundin

In „Klara und die Sonne“ zeigt Kazuo Ishiguro unsere Leistungsgesellschaft. Und zwar durch die Augen eines Roboters in Mädchengestalt.

Ein Robotergesicht in Großaufnahme

So sieht künstliche Intelligenz in der Realität aus: „Kodomoroid“ bei einer Ausstellung in Hong Kong Foto: Sam Tsang / imago

Es ist so leicht, hereinzufallen auf diese Prosa. Kazuo Ishiguro, der vor vier Jahren für manche überraschend den Nobelpreis für Literatur erhielt, beherrscht die Kunst des literarischen Understatements wie kein zweiter. An der Oberfläche glatt, sanft, stets wohltemperiert scheinen seine Sätze wie von selbst über das Papier zu gleiten. Absolut unangestrengt gleiten Auge und Geist mit; Ishiguro garantiert easy reading auf hohem Niveau.

Aber diese leichte Zugänglichkeit ist in Wahrheit eine Art Verkleidung, eine freundliche Ummantelung existenzieller Menschheitsfragen, die sich durch Ishiguros Werke ziehen und in ewiger Unlösbarkeit seine Erzählungen grundieren: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Sind wir alle einzigartig? Sind wir gleich viel wert? Und wie überwinden wir unsere Einsamkeit?

In dem neuesten Roman Ishiguros ist das Prinzip der leichtgängigen narrativen Oberfläche sowohl auf die Spitze getrieben als auch gleichzeitig verbildlicht: in der Ich-Erzählerin, die eine künstliche Intelligenz ist, ein Roboter in Mädchengestalt. Klara, sagt die Managerin des Ladens, in dem die Maschine zu Beginn noch zum Verkauf steht, sei etwas Besonderes, da sie eine überdurchschnittliche Beobachtungs- und dadurch auch Empathiefähigkeit besitze.

Klaras großes Interesse an den Menschen und deren Verhalten macht es auch plausibel, dass sie zur Erzählerin wird. Ihre Art zu erzählen erinnert dabei oft an das, was wir Menschen als „leichte Sprache“ bezeichnen. Ihre Syntax ist stets korrekt, aber nicht sehr komplex, und ihr Wortschatz scheint sich mit der Zeit vielleicht zu erweitern, arbeitet aber mit zahlreichen Stereotypen.

Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Blessing Verlag, München 2021. 352 Seiten, 24 Euro

Zudem ist Klara nur begrenzt in der Lage, Schlüsse aus erlebter sozialer Interaktion zu ziehen. Ihre Wahrnehmungsgabe ermöglicht ihr meist, Menschen richtig einzuschätzen und auf sie einzugehen. Die Fähigkeit, Überlegungen über den gesellschaftlichen Kontext anzustellen, in dem diese Menschen leben, fehlt dem freundlich zugewandten Roboter dagegen komplett.

Daher bleibt es den LeserInnen überlassen, mithilfe von Klaras naiven Beobachtungen eigene Vermutungen über die Welt anzustellen, in der dieser Roman spielt. Und ähnlich wie in Ishiguros früherem Roman „Alles, was wir geben mussten“ ist es nicht gut möglich, die Handlung von „Klara und die Sonne“ adäquat zusammenzufassen, ohne zu viel zu verraten; denn nach und nach eigene Schlüsse aus dem Erzählten zu ziehen, ist wesentlicher Bestandteil des Leseerlebnisses.

Gesellschaft fürs Kind

Das Kernsujet ließe sich in etwa so beschreiben: Roboter-Klara wird von der Mutter der 14-jährigen Josie als Gefährtin für ihre Tochter gekauft. Die beiden leben in einem abgelegenen Haus inmitten von Feldern. Josie ist kränklich, bekommt zu Hause Privatunterricht über ihr „Rechteck“, wie Klara alle technischen Gadgets der Menschen nennt, und hat keine gleichaltrigen Freunde außer Rick, der in dem einzigen Haus wohnt, das in der Nähe ist. Bei einer Party, die Josie geben muss, wird deutlich, dass Rick ein Außenseiter ist, weil irgendetwas an ihm anders ist als bei den anderen Jugendlichen.

Bald geht es Josie immer schlechter, und Klara begreift, dass das Mädchen vielleicht sterben muss – und dass die Mutter mit Klara einen besonderen Plan verfolgt. Doch auch Klara hat einen Plan: Da sie selbst solarbetrieben ist, hat sie die Auffassung gewonnen, dass die Sonne über eine magische Kraft verfügt, die Klara „besondere Hilfe“ nennt und die Josie heilen könnte. Aus allem, was sie über die Welt weiß, generiert Klara einen Plan, wie sie die Sonne dazu bringen könnte, diese besondere Hilfe über dem kranken Mädchen zu entfalten, und sucht sich Unterstützer unter den Menschen.

Mit ihrem magischen Sonnenkult vollzieht Klara die Anfänge religiösen Denkens nach, während die menschliche Gesellschaft, von der sie umgeben ist, sich offenbar jeglichen Hang zum Metaphysischen abgewöhnt hat; es gibt nur noch das Physische. Und das materielle Denken macht auch vor dem Menschen selbst nicht halt. Ist nun die Maschine dabei, eine menschliche Qualität zu entwickeln, die die Menschen leichtfertig aufgegeben haben? Vielleicht. Dieser Roman gibt keine Antworten, er stellt nur Fragen.

Im Grunde ist „Klara und die Sonne“ eine Art Märchen – und das weniger in der Hinsicht, dass die darin geschilderten Ereignisse niemals in realiter möglich wären. Letztlich sind die technologischen Innovationen, die Ishiguro hier andeutet, weit weniger utopisch als etwa die Vision vom perfekten Maschinenmenschen in dem Roman „Maschinen wie ich“ seines britischen Landsmanns Ian McEwan, der vor zwei Jahren erschien.

Doch während McEwan, ganz routinierter Unterhaltungsautor, das Thema künstliche Intelligenz zur Basis einer satirischen Travestiegeschichte macht, zeigt Ishiguro uns durch die alles registrierenden Augen der Klara-Maschine, wo die Grenzen der menschlichen Wirkmacht liegen. Oder liegen sollten. Die Botschaft findet mensch, wie bei jedem guten Märchen, irgendwo hinter dem Text.

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